Große Berge schreiben große Geschichten – und eine solche wurde heute vor 50 Jahren am Mount Everest geschrieben. Mit Doug Scotts und Dougal Hastons Durchstieg der Everest Südwestwand und dem Erreichen des Gipfels war das große Ziel der von Chris Bonington geleiteten 1975er Everest-Expedition erreicht.
Eine Expedition der Superlative
Die Durchsteigung war ein Höhepunkt des klassischen Expeditionsalpinismus und war geprägt von einer detaillierten Planung und einem gigantischen logistischen Aufwand. Es war eine Expedition der Superlative – zum ersten Mal wurde der Everest auf einer Route bestiegen, die sich nicht an einem der Grate bewegte. Es war außerdem das erste Mal, dass der Everest von Briten bestiegen wurde. Auch in Sachen Schnelligkeit war die Expedition außerordentlich: Es war bis dahin die schnellste Besteigung des Everest von Erreichung des Basislagers bis zum Gipfelerfolg. Das durch Einbruch der Dunkelheit nötig gewordene Biwak von Scott und Haston knapp unterhalb des Südgipfels (8765 m) war das bis dahin am höchsten errichtete Biwak. Doch wurden die großen Erfolge der Expedition auch überschattet vom Tod des Bergsteigers Mick Burke, der während seines Gipfelgangs verscholl.

Die Vorgeschichte – Erschließung der Grate
In den Jahren nach der Erstbegehung durch Hillary und Norgay, die den Gipfel über den Südostgrat erreicht hatten, folgte als nächste große Entwicklung am Everest die erste erfolgreiche Begehung des Nordostgrats. Dabei bestiegen chinesische Bergsteiger 1960 den höchsten Berg der Erde auf der Route, die bereits von den britischen Expeditionen der 1920er und 30er Jahre erkundet worden waren. Schließlich folgte 1963 eine amerikanische Expedition, welche über den Westgrat (mit einem Ausweichen in die Nordwand) und durch das Hornbein Couloir zum Gipfel gelangte. Der von Dyhrenfurth geleiteten Expedition gelang dabei auch die erste Überschreitung des Everest. Damit waren die wichtigsten Grat-Anstiege erschlossen und der Blick richtete sich auf die undurchstiegenen Flanken und Wände.
Der Weg zur Expedition von 1975 – Erste Versuche in der Südwestwand
Die erste Erkundung der Südwestwand erfolgte durch japanische Teams in den Jahren 1969 und 1970. Sie stiegen im unteren Teil in Richtung eines Couloirs in Wandmitte (Great Central Gully) auf und durch dieses hindurch. Diese Route wurde auch von allen anschließenden Expeditionen gewählt. Dann versuchten sie sich links in Richtung des Left-Hand Gully, kamen aber in beiden Jahren nicht weiter als auf ca. 8000 m.
Weitere Versuche erfolgten durch die Europäische Everest Expedition von 1972 in der Vormonsunperiode unter dem erfahrenen Expeditionsleiter Herrligkoffer, sowie durch eine britische Expedition im gleichen Jahr in der Nachmonsunzeit. Diese wurde schon von Chris Bonington geleitet und auch wenn der Gipfel nicht erreicht wurde, konnten wertvolle Erfahrungen gesammelt werden. 1973 folgte ein weiterer Versuch durch japanische Alpinisten. Diese Expeditionen hatten alle etwas gemeinsam: Sie versuchten unter dem großen Felsband nach rechts in Richtung Südostgrat zu gelangen und kamen bis circa 8300 m.

Für 1975 bekam Bonington erneut eine Genehmigung und plante die Besteigung in der Linie der Japaner von 1969/70 durch das linke Couloir, um auf dem darüber liegenden Schneefeld das letzte Lager vor dem Gipfel einzurichten. Dies bedeutete eine weite Traverse über das Schneefeld in Richtung Südgipfel, eine Besteigung von dort aus und die Rückkehr zu Lager 6.
Der Expeditionsstil am Gipfel – die Logistik
Bei der Südwand-Expedition von 1975 war Chris Bonington erneut Expeditionsleiter, Hamish MacInnes sein Stellvertreter. Unter den Expeditionsmitgliedern waren größtenteils Männer mit Erfahrungen in der Südwestwand, wie Dougal Haston, Doug Scott, Mick Burke und Nick Estcourt. Außerdem Mike Thompson, Martin Boysen, sowie Peter Boardman, Paul Braithwaite, Ronnie Richards, Dave Clarke, Allen Fyffe und Mike Rhodes. Dazu kamen Ärzte, Lagerverwalter und natürlich die für den Erfolg unerlässlichen Sherpas. Ein 33-köpfiges Team von Klettersherpas unter der Leitung von Pertemba Sherpa garantierte die Versorgung der Hochlager, während weitere zwanzig Träger den Lastentransport durch den Khumbu-Eisfall sicherstellten.

Die Logistik war entscheidend: um die Versorgung sicherzustellen, wurde mit der Verlegung von 4000m Fixseilen gerechnet. Aus Großbritannien kamen 24 Tonnen Ausrüstung, sowie elf Tonnen Lebensmittel. Da die Schneefelder in der Südwestwand zu steil waren, um Zeltplateaus zu bauen, wurden spezielle Boxenzelte mit gegen Steinschlag verstärkten Dächern entwickelt und mitgenommen. Die Ausrüstung wurde in LKWs von Europa nach Kathmandu gefahren, von dort nach Khunde geflogen und anschließend von hunderten Trägern bis ins Basislager des Mount Everest getragen.
Von Lager 2 im Western Cwm ging es am 02.09.1974 in die Südwestflanke, dort ins Lager 3 auf ca. 7000m und weiter ins Lager 4 auf 7220m . Durch das Great Central Gully gelangte die Expedition in Richtung Camp 5 (dieses wurde auf 7770m eingerichtet). Der Weg war zur steten Versorgung durch die Sherpas mit Fixseilen versehen.

Am 20.09. brachen Estcourt und Braithwaite auf, um den wichtigen Abschnitt durch das Felsband in Richtung des oberen Schneefelds zu sichern. In anspruchsvoller Kletterei, behindert durch die schwere Ausrüstung und die Atemgeräte, konnte das Felsband innerhalb eines Tages durchstiegen und auf 8320m das letzte Hochlager 6 eingerichtet werden.
Mit Blick auf die guten Fortschritte wurde beschlossen, dass Scott und Haston als erste Partie einen Gipfelversuch wagen sollten. Das zweite Gipfelteam bestand aus Burke, Boardman, Boysen und Pertemba. Das dritte schließlich aus Braithwaite, Estcourt, Ang Phurba und Richards. Von Lager 6 aus verlegten Haston und Scott nochmals 500m Fixseile am Vortrag ihres Gipfelversuchs.
Der Weg zum Gipfel
Am 24.09 um 1 Uhr morgens machten sich die beiden fertig für den Gipfeltag und verließen das Zelt gegen 03:30 Uhr. Da sie die Option biwakieren zu müssen, nicht ausschließen konnten, nahmen sie einen Biwaksack, einen Kocher und jeweils zwei zusätzliche Sauerstoffbehälter mit. Schlafsäcke oder ein Zelt ließen sie jedoch im Lager, um nicht durch das Gewicht ausgebremst zu werden. Doug Scott machte sich ohne wärmende Daunenkleidung auf den Weg – lediglich mit seinem ungefütterten Nässeschutz.
Die beiden stiegen an ihren Fixseilen bis zum Ende des Schneefelds und von dort weiter in die Felsen in Richtung Südgipfel. Nachdem sie dort in einer Schneehöhle eine kurze Rast eingelegt hatten, stiegen sie weiter zum Gipfel. Den Hillary Step durchstieg Dougal Haston – in mehr als unzureichender Sicherung. Doug Scott bekannte in Chris Boningtons Buch „Everest: ein harter Brocken“, dass er das Seil zu Haston zeitweise nur noch mit den Zähnen hielt, um diesen fotografieren zu können. Im Verlauf des späten Nachmittags erreichten beide den Gipfel und waren damit die ersten Briten auf dem Everest. Auf dem Rückweg gerieten sie in die Dunkelheit und waren zu einem Biwak knapp unterhalb des Südgipfels in oben genannter Schneehöhle gezwungen. Nach einer harten Nacht, geprägt von Kälte (Scott schätze die Temperatur auf -50° C), Sauerstoff- und Schlafmangel, sowie Halluzinationen und Selbstgesprächen mit den eigenen Füßen (berichtet von Doug Scott in Boningtons Buch), gelang es den beiden Alpinisten sicher in Richtung Lager 6 abzusteigen.

Der Gipfeltag des zweiten Teams
Das zweite Gipfelteam zog am 26.09. nachts los. Boysen hatte schon bald Probleme mit dem Sauerstoffgerät und verlor ein Steigeisen und musste daher umkehren. Boardman und Pertemba stiegen zügig weiter und erreichten den Gipfel des Mount Everest gegen 13 Uhr. Mick Burke, der als Kameramann für die BBC unterwegs war, kam unter anderem wegen seiner schweren Kameraausrüstung nur langsam hinterher. Bei ihrem Abstieg waren Boardman und Pertemba sehr überrascht, den erschöpften Burke wenige hundert Meter vom Gipfel entfernt anzufinden, da sie damit gerechnet hatten, dass dieser wie Boysen umgekehrt wäre. Burke entschloss sich, für Filmaufnahmen weiter in Richtung Gipfel aufzusteigen und wurde nach der Begegnung mit den beiden Alpinisten nicht mehr gesehen. Ob er den Gipfel erreichte oder bereits im Aufstieg abstürzte, ist unbekannt – sein Leichnam wurde nie gefunden. Die Seilschaft Boardman-Pertemba stieg in einem aufkommenden Schneesturm ab in Richtung Lager 6 und erreichte dieses in schlechter körperlicher Verfassung.
In Anbetracht des Verlustes eines Expeditionsmitglieds, des schlechten Wetters und der zunehmenden Gefahr durch Lawinen wurde auf den Aufstieg des dritten Gipfelteams verzichtet. Der Berg wurde geräumt und am 30.09. waren alle Bergsteiger wieder im Basislager angekommen.
Die Südwestwand-Expedition von 1975 – ein Resümee
Die Expedition war ein Höhepunkt des Belagerungs-Alpinismus an den großen Achttausendern und zeigte, dass mit gigantischem Material- und Personalaufwand auch schwerste Wände durchstiegen werden konnten. Gleichzeitig machte sie aber auch deutlich, dass diese Art von Expeditionen in eine Sackgasse geraten waren und Fortschritte nur mit noch höherem Aufwand und Kosten erreichbar waren.
Beinahe zeitgleich hatten Reinhold Messner und Peter Habeler am Hidden Peak erfolgreich bewiesen, dass ein Achttausender auch in einem wesentlich puristischeren Stil begangen werden konnte. Lediglich zu zweit erreichten die beiden im Alpinstil und ohne zusätzlichen Sauerstoff den Gipfel dieses Berges – unterstützt nur von 12 Trägern, die ihnen die Lasten bis zum Basislager getragen hatten.
So schloss sich gewissermaßen in diesem Jahr ein Kapitel des Himalaya-Bergsteigens – und ein neues wurde aufgeschlagen.
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Credits: Titelbild: Doug Scott, Chris Bonington Picture Library


Betrifft den Artikel mit der “ ersten Skibefahrung ohne künstlichen Sauerstoff“
Erwähnen sollte man auch Hans Kammerlander, der ohne zusätzlichem Sauerstoff 1996 den Everest auf der Nordseite innerhalb von 23 1/2 Stunden mit Ski befahren hat. Den Aufstieg schaffte er in nur 16 h und 40 min! Einzig für die felsigen Stellen musste er die Ski abschnallen.
Der Akklimatisationsplan klingt unlogisch. Ist er wirklich beim finalen Aufstieg zwischen 19. und 21. September mehrmals zwischen Lager 1, 2 und 3 auf und abgestiegen? Und ist dann zum Gipfel aufgegebrochen ? Kostet ja alles zusätzlich Kraft. In 2 Tagen kann man sich auch nicht akklimatisieren.
Den Geneva Spur hätte man auch mit Genfer Sporn ins Deutsche übersetzen können.
Bei Chris Bonningtons Buch “ Everest the Hard Way“ hätte ich hingegen den englischen. Titel beibehalten. Mir ist keine deutsche Übersetzung bekannt. Ich hätte allenfalls „Everest auf die harte Tour“. Ich habe allerdings nur sein Buch “ I Choose to Climb“
Freundliche Grüsse Uwe Binder
Hallo Uwe,
zu dem Ski-Artikel kann ich dir nichts sagen, den hat die Kollegin geschrieben. Das Buch von Bonington wurde aber tatsächlich mal übersetzt, zumindest in Auszügen, mit besagtem Titel. Erschienen 2001 im Ulstein Verlag, gekauft habe ich es aber eher so gegen 2004-2006. Lange her und scheinbar nie wieder aufgelegt, das Internet findet nichts dazu.
Grüße,
Philip