»Das ist immer noch Leistungssport« | Interview mit Para Kletterer Sebastian Depke

Sebastian Depke gehört zu den wichtigsten Wegbegleitern des Para Kletterns in Deutschland. Im Interview spricht der 40-Jährige über den langen Weg des Sports auf die ganz große Bühne in Los Angeles und erklärt, was die erfolgreiche Bewerbung für die Paralympischen Spiele mit seinem eigenen abrupten Karriereende als Wettkampfkletterer zu tun hat – und warum ihm trotzdem künftig nicht langweilig wird.

Dass Para Klettern 2028 bei den Paralympischen Spielen in Los Angeles sein Debüt feiern wird, ist nicht zuletzt ihm zu verdanken: Sebastian Depke hat als Para Kletterer sowie langjähriger Athletensprecher und Vorsitzender des Para Climbing-Komitees der ehemaligen IFSC die Bewerbung für Los Angeles maßgeblich begleitet. »Dass es beim ersten Anlauf direkt klappen würde, war für mich bis zuletzt nicht klar«, sagt Sebastian. Zwei Jahre nach der Bewerbung, im Sommer 2024, dann die große Überraschung: Para Klettern wird 2028 erstmals Teil der Paralympischen Spiele. Sebastian und seine Kolleg*innen haben es geschafft – und dabei eine Entwicklung des Sports mit weitreichenden Folgen angestoßen.

Aber von vorn: Zum Klettern kommt Sebastian Depke 1998 in einem der Ettringer Basaltbrüche nahe seiner Heimat Kemmenau bei Koblenz – da ist er gerade 13 Jahre alt: »Ich wurde von Freunden mit an den Fels genommen und bin buchstäblich hängengeblieben.« Während sich Sebastian in den darauffolgenden Jahren in verschiedenen Richtungen des Klettersports ausprobiert, melden sich immer stärkere Schmerzen und Bewegungseinschränkungen in seiner Hüfte und Wirbelsäule. Die Symptome werden schwerwiegender, mit 21 dann die Diagnose: Morbus Bechterew, eine chronisch-entzündliche, rheumatische Autoimmunerkrankung. Zwei Jahre lang kann Sebastian nur auf Krücken laufen – ein gesundheitlicher Tiefpunkt mit gerade einmal 24.

Unterwegs in Ettringen/Mayen, »einem der besten Risskletterspots in Deutschland«, noch bevor die Erkrankung in voller Härte zugeschlagen hatte. (Bild: Sebastian Weitzel)

Trotzdem kämpft sich Sebastian Stück für Stück weg von den Krücken und zurück an die Wand. 2016 lernt er zufällig Jernej Kruder kennen, der ihn auf die Para Climbing-Szene aufmerksam macht: »Der meinte zu mir: Das ist was für dich«. Kruder sollte Recht behalten: Ab 2017 startet Sebastian Depke regelmäßig in der Sportklasse RP1 für Athlet*innen mit neurologischer bzw. physiologischer Beeinträchtigung, viermal steht er mit Bronzemedaille auf dem Weltcup-Podium. Insgesamt ist Sebastian bei rund 20 Events dabei, hinter den Kulissen engagiert er sich als Kommentator, Athletensprecher und im Para Climbing-Komitee.

»Fast forward« ins Jahr 2025, das einen Wendepunkt in Sebastians Kletterkarriere markiert. In Vorbereitung auf die Paralympics werden die Auswahlkriterien für den Nationalkader verschärft: Wer bei der WM in Seoul nicht mindestens Platz 8 erreicht, ist raus. Sebastian beendet die WM auf Platz 14 – und damit seine Karriere. Dass ihm das System, das er mit auf den Weg gebracht hat, selbst zum Verhängnis wird, scheint zunächst unwirklich. »Gleichzeitig will ich meine Energie nicht für Dinge verschwenden, die ich nicht ändern kann«, sagt Sebastian. Auch wenn er selbst nicht bei den Paralympics 2028 starten wird, ist der freiberufliche IT-Spezialist dem Para Klettern weiterhin eng verbunden – und bleibt laut, wenn es um die Entwicklung und Förderung des Sports geht.

Bei den Europameisterschaften in Villars 2024 (Bild: Philipp Abels/DAV)

Sebastian Depke im LACRUX-Interview

Wie wird man eigentlich Para Kletterer, Sebastian?

Sebastian Depke: Als mir Jernej Kruder 2016 zum ersten Mal vom Para Climbing erzählt hat, war das noch eine völlig andere Welt. Ich habe daraufhin erstmal gegoogelt und weder eine Website noch sonstige Informationen gefunden – heute unvorstellbar (lacht). Auf Facebook bin ich dann an einen Ansprechpartner geraten und so schließlich zu meinem ersten Probetraining gekommen. Ab 2017 war ich dann für acht Jahre im Nationalkader. Rückblickend ist in dieser Zeit echt viel passiert.

Woher kam bei dir der Wunsch, in Wettkämpfen zu starten?

Jernej hat mich für Para Climbing motiviert und dabei etwas gesagt, das ich bis heute nicht vergessen habe: »Du kletterst nicht gegen die anderen, sondern gegen die Route und dich selbst. Solange du Spaß hast, ist der Rest egal.« So richtig Klick gemacht hat es bei mir dann, als ich zum ersten Mal mit anderen Menschen klettern war, die auch eine Einschränkung haben. Vorher war ich immer die Ausnahme – da war ich auf einmal die Regel. Das war so inspirierend, weil ich gemerkt habe: Wir sind alle auf Augenhöhe und die anderen verstehen total, womit ich mich auseinandersetzen muss und worum es hier geht.

Ich war immer die Ausnahme – beim Para Climbing war ich auf einmal die Regel.

Sebastian Depke

In deiner Sportklasse RP1 starten Athlet*innen mit neurologischen bzw. physiologischen Beeinträchtigungen. Was bedeutet das genau?

Die RP-Sportklasse ist maximal divers, weil sie im Vergleich zu den anderen Klassen relativ offen in ihrer Beschreibung ist. Dadurch fallen Athlet*innen mit sehr unterschiedlichen Einschränkungen hinein. Einige Athleten aus niedrigeren RP-Klassen benötigen einen Rollstuhl, während andere z.B. durch Beweglichkeit oder Koordination eingeschränkt sind. Ich gehöre in der bereits stark beeinträchtigten RP1 schon zu den eher schwer eingeschränkten Kletterern. Insgesamt sind Kletterstile unter den RP-Athlet*innen sehr unterschiedlich.

Para Climbing: So funktioniert die Klassifizierung

Für einen möglichst fairen Wettkampf gibt es bei den Damen und Herren je zehn unterschiedliche Sportklassen nach Art und der Grad der Einschränkung. Eine Zahl hinter dem Kürzel (1–3) zeigt den Grad der Beeinträchtigung an, der mit höherer Zahl jeweils abnimmt. Alle Routen werden im Toprope geklettert. 

B – Athlet*innen mit Sehbeeinträchtigung (blind)
AL – Athlet*innen mit Gliedmaßen- oder Funktionsverlust (lower limb)
AU – Athlet*innen mit Gliedmaßen- oder Funktionsverlust (upper limb)
RP – Athlet*innen mit neurologischer/physiologischer Beeinträchtigung (limited range/power)

Vor offiziellen Wettkämpfen finden medizinische Untersuchungen für neue Athlet*innen statt. Dabei werden vorab medizinische Attests und Dokumente begutachtet und die Athlet*innen vor Ort diversen Tests unterzogen und danach im Wettkampf beobachtet, um die Sportklasse zu bestimmen.

Diese Sportklassen entwickeln sich im Laufe der Zeit weiter. Seit einigen Jahren starten zum Beispiel die Athlet*innen mit nur einem funktionellen Arm in der RP1, weil ihre ehemalige Klasse AU1 zugunsten der neu eingeführten AU3 aufgelöst wurde. Interessanterweise haben wir trotz unserer unterschiedlichen Einschränkungen und Schwierigkeiten in den Routen oft ähnliche Platzierungen. Dadurch, dass eine Route immer von Athlet*innen mehrerer Sportklassen geklettert wird, kann der Routenbau leider nicht in jedem Fall hundertprozentige Separation gewährleisten.

Wie schwierig ist es generell, Vergleichbarkeit und Fairness im Para Klettern herzustellen?

Ich glaube, man muss sich von dem Gedanken einer direkten Vergleichbarkeit ein bisschen entfernen. Ein Beispiel: 2017 stand ich in Edinburgh zum ersten Mal auf dem Podium. Die beiden anderen Medaillisten von damals starten heute in völlig anderen Sportklassen – nicht, weil sich bei ihnen medizinisch etwas verändert hat, sondern weil sich die Sportklassen seitdem weiter ausdifferenziert haben. Das zeigt, wie relativ Platzierungen im Para Klettern sein können.

Platzierungen im Para Klettern können sehr relativ sein.

Sebastian Depke
Podium beim Weltcup in Innsbruck 2023: Okada Takuya, Aloïs Otier, Sebastian Depke (v.l.n.r.) (Bild: Lena Drapella/IFSC)

Beim Para Klettern kann es außerdem sein, dass Sportklassen zusammengelegt werden. Wie oft kommt das vor?

Bis vor ein paar Jahren war dieses sogenannte »Merging« noch häufig die Norm, wenn es nicht genügend Starter*innen gab. Neu eingeführt haben wir mittlerweile die »Mixed Class AL1«, eine geschlechtergemischte Sportklasse in der AL1, da es dort nicht genügend Damen gab. Insgesamt hat sich das Thema aber inzwischen verbessert. 2025 gab es in Innsbruck zum ersten Mal einen Weltcup, bei dem alle Starterklassen der Damen und Herren ohne Merging gestartet sind – ein Meilenstein. Gleichzeitig bleibt Merging bei kleineren, nationalen Wettkämpfen sinnvoll, um die Mindestanzahl an Starter*innen pro Klasse zu erfüllen.

Wir halten fest: In den letzten Jahren ist im Para Klettern ziemlich viel passiert. Erst die erfolgreiche Bewerbung für die Paralympics, dann letztes Jahr die erste offene Deutsche Meisterschaft. Was hat diese Entwicklung am meisten beschleunigt?

Seit der ersten Para Climbing-WM in Arco 2011 hat sich die internationale Teilnehmerzahl konstant entwickelt – und das deutsche Team analog dazu. Als ich 2017 dazukam, bestand der Kader aus weniger als zwei Handvoll Athlet*innen. Heute zählt Deutschland weltweit zu den größten Para Climbing Teams nach den USA, weil die Nominierungspolitik lange Zeit sehr offen war. Das hat die Zahlen nach oben getrieben. Insgesamt haben wir heute Para Climbing Weltcups, die so groß sind wie die Climbing Weltcups aus meiner Anfangszeit. Von so einer Entwicklung hätten wir damals nicht träumen können.

Wir hätten von so einer Entwicklung nicht träumen können.

Sebastian Depke

Insgesamt gibt es mittlerweile auch viele Länder, die stark auf die Förderung und Entwicklung von paralympischen Sportarten setzen. Team Korea und Team China zum Beispiel – die sind auf einmal einfach auf der Bildfläche aufgetaucht. Heute sehen wir bei den Weltcups viel mehr Diversität als früher – von Neuseeland über Südamerika bis zu Kanada oder Island. Hinzu kommt noch das »Sportarten-Hopping«, wo Leute zwischen paralympischen Sportarten wechseln. Auch das wird künftig mehr werden und ist ein Effekt, den wir verstärkt beobachten. Ein Beispiel dafür ist Luisa Grube, die vor ihrer Zeit als Parakletterin (Klasse B2) im Para Ski alpin gestartet ist.

Von der Finalwand direkt in die TV-Kommentatorenbox ans Mikrofon: Sebastian mit Shauna Coxsey und Matt Groom bei der WM in Bern 2023 (Bild: Sebastian Depke)

Du hast als langjähriger Athletensprecher und Vorsitzender des Para Climbing-Kommittees der vormaligen IFSC (jetzt: World Climbing) selbst viele Veränderungen angestoßen. Was hat dich dazu motiviert?

Ich hatte mich 2019 als Athletensprecher der Kommission mit folgender Aussage beworben: »Ich bin Sebastian Depke, spreche Deutsch, Englisch und Französisch, und unsere größten Themen sind Routenbau und Klassifizierung. Dafür werde ich mich dafür einsetzen« (lacht). Zu dieser Zeit war das noch gar nicht üblich, als Athlet z.B. mit den Routenbauer*innen zu sprechen. Ich habe es einfach gemacht, weil ich mir dachte: Wir müssen mehr miteinander reden. Mein Gespräch mit dem Routenbauer Christophe Cazin bei der WM in Briançon 2019 war dann der Ausgangspunkt für die ersten Routenbau-Guidelines im Para Klettern. Christophe hat sich als erster Routenbauer-Repräsentant in der Kommission tief in das Thema eingearbeitet, und das hat den Routenbau nachhaltig geprägt und verbessert. Auch wenn es immer noch nicht die hundertprozentige Fairness gibt, jammern wir diesbezüglich heute auf deutlich höherem Niveau.

Das ist nur ein Beispiel dafür, was ich in meiner Tätigkeit in der Kommission gelernt habe: Manchmal muss man einfach zu den Leuten hingehen und mit ihnen reden – am besten in ihrer eigenen Sprache. Am Ende sind das alles Menschen, die das gerne machen und etwas bewegen wollen. Und nur wegen solchen Leuten stehen wir heute da, wo wir sind.

Mit deiner Mitarbeit an der erfolgreichen Bewerbung für die Paralympics in Los Angeles 2028 hast du sehr viel im Para Climbing bewegt. Wie sah da der Prozess aus?

Im Strategieplan der IFSC für 2020–2028 war die Bewerbung für die Paralympics klar als Ziel definiert. Als 2020 während Covid-19 keine Wettkämpfe stattfanden, haben wir im Komitee das Klassifizierungsregelwerk überarbeitet. 2022 haben wir die Bewerbung abgeschickt und dann erstmal zwei Jahre lang nichts gehört. Ich habe die Erwartungshaltung bewusst niedrig gehalten, weil ich dachte: Wir haben uns zum ersten Mal beworben, keine Chance.

Ich dachte: Das ist unsere erste Bewerbung, wir haben keine Chance.

Sebastian Depke

Insgesamt haben sich 33 Para-Sportarten für Los Angeles beworben. Anfang 2023 hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) die ersten 22 davon bestätigt – die »Program Sports«, die auch in Paris dabei waren. Dann hat das IPC dem lokalen Veranstalter ermöglicht, aus den übrigen elf noch Para Klettern und/oder Parasurfen als »Additional Sports« hinzuzunehmen, also als neue Sportarten bei den Spielen. Im Sommer 2024 stand dann fest: Wir sind dabei. Damit ist Klettern einer der großen Gewinner, was die Athlet*innenquote und Medaillensätze in Los Angeles im Vergleich zu Paris angeht. Auch für das Sportklettern gibt es 2028 mehr Medaillen und Starterplätze.

Wie war das für dich, als du wusstest: Wir haben es geschafft?

Am Anfang hat sich der Prozess angefühlt, als würde man eine schwierige Route ausbouldern – Zug für Zug, Schritt für Schritt. Damit, dass es gleich geklappt hat, habe ich ehrlich nicht gerechnet. Ich bin vor allem stolz, dass wir die richtigen Menschen zusammengebracht haben, die den Schritt nach vorne gemacht haben. Da passt der Satz gut: »Wenn du schnell sein willst, geh allein. Wenn du weit kommen willst, nimm ein Team mit.«

Wenn du schnell sein willst, geh allein. Wenn du weit kommen willst, nimm ein Team mit.

Sebastian Depke

Gleichzeit war diese Zeit in der Kommission auch extrem anstrengend. Man muss dazu sagen, dass ich den Job unentgeltlich und quasi in Teilzeit neben meiner normalen Arbeit gemacht habe. Danach war die Luft bei mir erstmal raus. Deshalb habe ich im Sommer 2025 auch beschlossen, nicht mehr in der Kommission weiterzumachen. Mit der Entscheidung für die Paralympics ist das Para Klettern politisch wesentlich ernster geworden, auch im Ton. Und ich habe gemerkt, dass Politik- und Compliance-Themen nicht wirklich meine Haupthobbys sind (lacht). Es ist Zeit, frischen Wind reinzulassen. Da gibt es auch kein böses Blut, ganz im Gegenteil. Ich stehe den Kolleg*innen aus der Kommission weiterhin gerne mit meiner Expertise zur Verfügung.

Trotz Karriereende an der Wettkampfwand: Sebastian kommentiert das Para Climbing-Finale beim Weltcup in Laval 2025 (Bild: Jan Virt/IFSC)

Lass uns auch über die Kehrseite der Paralympics für viele Athlet*innen sprechen: die neuen Kaderkriterien. Bei der WM in Seoul hat sich entschieden, wer im Team bleibt und wer rausfällt. Wie war das für dich?

Das ist grundsätzlich relativ unspektakulär. Am Ende geht es im Leistungssport um Platzierungen und Kriterien, und die habe ich einfach nicht erfüllt. Neu ist jetzt, dass durch den paralympischen Status des Sports die Standards des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) für den DAV gelten. Die sind deutlich strenger als die vorherigen Richtlinien und denen sind neben mir auch einige andere Parakletter*innen zum Opfer gefallen. Wer es bei der WM in die Top 4 geschafft hat, ist im Paralympics-Kader – wer in die Top 8 geklettert ist, kann zumindest in den Perspektivkader berufen werden. Mit Platz 14 habe ich das trotz meiner langjährigen Wettkampferfahrung leider nicht geschafft.

Vorgaben im Leistungssport können hart und erbarmungslos sein.

Sebastian Depke

In Bezug auf meine persönliche Leistung kann ich dieses Ergebnis ganz nüchtern betrachten. Die Neuen, die in meiner Sportklasse dazugekommen sind, sind im Durchschnitt leistungsmäßig über mir und teils weniger stark eingeschränkt. Einige andere haben ebenfalls kleine Schritte gemacht und sind nun auch weiter als ich. Dazu kommt, dass das gesamte Mittelfeld in der RP1 häufig nur wenige Züge auseinander liegt. Der Unterschied zwischen Platz 4 und Platz 14 sind oft nicht mal eine Handvoll Züge.

Ich fand eher schwierig, wie kurzfristig die neuen Auswahlkriterien kommuniziert wurden. Die gesamte Tragweite haben wir nur wenige Wochen vor der WM erfahren. Dass die eigene Karriere so abrupt mit nur einem Event endet, fällt für einen selbst als Athlet einfach vom Himmel. Trotzdem ist die Herangehensweise schwierig: In Jahren mit WM entscheidet ausschließlich die Leistung bei der WM über den Athlet*innen-Status der nächsten zwei Jahren. Wenn alle Länder so denken würden, gäbe es gewiss nicht das große Starterfeld, das wir international haben. Außerdem wird bei der Top-8-Regel die Größe einer Klasse nicht berücksichtigt. Aber das ist immer noch Leistungssport – und der orientiert sich an festen Vorgaben, die auch mal hart und erbarmungslos scheinen können.

Sebastian bei seiner vorletzten WM in Bern 2023: »Das ist immer noch Leistungssport.« (Bild: Lena Drapella/IFSC)

Inwiefern hat die Qualifizierung des Para Kletterns für Los Angeles die Förderstrukturen des Sports verändert?

Das Athlet*innenleben wird stark durch den paralympischen Status beeinflusst, weil jetzt bei der Förderung zwischen paralympischen und nicht paralympischen Sportklassen unterschieden wird. Die nicht paralympischen Sportklassen fallen komplett raus und stehen auf keinen offiziellen Listen des Deutschen Behindertensportverbands (DSB) mehr. Das ist für diese Athlet*innen natürlich ein tiefer Einschnitt.

Wie wurde denn die Entscheidung getroffen, welche Sportklassen bei den Paralympics 2028 starten und welche nicht?

Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hat konkrete Kriterien für paralympische Sportklassen. Für die »Programm Sports« gilt zum Beispiel: Es müssen mindestens zehn Athlet*innen aus vier verschiedenen Ländern über mindestens vier Jahre zuvor teilnehmen. Als »Additional Sport« – und das sind wir mit dem Para Klettern – gelten etwas lockerere Regeln. Grundsätzlich schlagen die Sportverbände verschiedene Sportklassen vor und das IPC entscheidet.

Diese Sportklassen starten bei den Paralympischen Spielen 2028

Damen: B2, AU2, AL2, RP1
Herren: B1, AU2, AL2, RP1

Wegen der Gesamtobergrenze von 4.400 Athlet*innen für die Paralympischen Spiele durften wir als Komitee vier bis fünf Sportklassen für rund 80 Starter*innen vorschlagen. Dabei haben wir verschiedene Aspekte berücksichtigt: die Gesamtanzahl und Geschlechterbalance von Athlet*innen, aber auch die Ausgewogenheit und Vergleichbarkeit innerhalb der Sportklassen. So ist schließlich die Entscheidung für die Klassen gefallen, die bei den Paralympics dabei sein werden.

Wie steht es abseits der Paralympischen Spiele um die Förderung im Para Klettern?

Die Teilnahme an Para Climbing Weltcups oder der WM geht auf keiner Ebene ohne eigenes Investment. Wenn man alle Kosten für die Reisen zu Events und Trainingstreffen zusammenrechnet, kann man schon sagen: Das ist ein ziemlich teures Hobby. Dass wir mittlerweile jede Saison Weltcups außerhalb von Europa haben, ist natürlich super, aber muss auch finanziert werden. Bei der WM in Seoul waren die meisten Parakletter*innen wegen des Zeitplans und der Akklimatisierung rund zehn Tage lang in Korea. Das ist verglichen mit dem durchschnittlichen Urlaubsbudget in Deutschland schon eine sportliche Geschichte.

Man kann schon sagen: Das ist ein ziemlich teures Hobby.

Sebastian Depke
Auch ohne Team Germany-Shirt mit gutem Rat für die Kolleg*innen da: Sebastian beim Para Climbing Weltcup in Laval 2025 (Bild: Jan Virt/IFSC)

Auch im Lead, Speed und Bouldern war die Finanzierung von Profikarrieren zuletzt ein großes Thema. Wie ordnest du Para Climbing im Vergleich dazu ein?

Als es vergangenes Jahr den privaten Spendenaufruf von Kletter*innen aus dem Nationalkader der anderen Disziplinen gab, hat mich das zunächst verwundert. Wir Parakletter*innen hatten 2021 ebenfalls einen Aufruf gestartet, um zum Weltcup in Los Angeles zu fahren. Das Ergebnis zeigt klar: Ein paar Flugtickets kann man damit stemmen, aber eine langfristige Strategie ist das nicht. Generell ist das Thema der Finanzierung des Leistungssports in Deutschland komplex und es geht hier nicht darum, sich gegenseitig etwas wegzunehmen. Gleichzeitig lässt sich das starke Ungleichgewicht zwischen der Förderung von olympischem und paralympischem Sport nicht leugnen.

Zwischen olympischer und paralympischer Förderung besteht ein klares Ungleichgewicht.

Sebastian Depke

Inwiefern?

Seit Anfang 2025 gibt es ein neues Förderkonzept der Deutschen Sporthilfe, wodurch dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) zu wenig Förderplätze zur Verfügung stehen. In Zahlen heißt das: Für die knapp deutschen 620 Athlet*innen, die an den letzten olympischen Sommer- und Winterspielen teilgenommen haben, gibt es rund 1.700 Förderplätze. Für die rund 200 Para-Athlet*innen aus Deutschland, die den Paralympics dabei waren, stehen nur 160 Förderplätze zur Verfügung. Im Para-Sport sind es also weniger Förderplätze als Teilnehmende. Das wirft nicht nur bei mir Fragezeichen auf.

Förderung im Para Climbing

Seit der Saison 2026 sind die Fördertöpfe für paralympische und nicht paralympische Klassen separat.
Diese Organisationen & Verbände sind bei der Förderung von Para Climbing involviert:

Der Deutschen Behindertensportverband (DBS) verwaltet und verteilt die vom Bundesinnenministerium bereitgestellten Mittel für Kaderathlet*innen. Diese werden eingesetzt für die Finanzierung der Reisekosten von Athlet*innen und Betreuungspersonal, für offizielle Trainingsmaßnahmen und internationale Wettkämpfe sowie für Honorare von Betreuungspersonal und für Beschaffung von Training- und Physiomaterial.

Die Deutsche Sporthilfe fördert die paralympischen Kaderathlet*innen individuell, wobei die Höhe vom jeweiligen Kaderstatus und den Leistungen 2025 abhängt. Die Förderplätze sind dabei im neuen Konzept auf 160 Para-Sportler*innen (nicht: -kletter*innen) gedeckelt.

Der Deutsche Alpenverein (DAV) stellt ein allgemeines Budget fürs Para Climbing zur Verfügung, aus dem verschiedene Leistungen finanziert werden: u.a. die Arbeit des Bundestrainers, Reisekosten der Kaderathlet*innen der nicht paralympischen Klassen oder die Aufstockung der DBS-Honorare für Betreuungspersonal des DAV.

Quelle: Presseanfrage an den DAV vom 13.01.2026

Woran liegt das – und wie geht man als Athlet mit so einer Entscheidung um?

Ich kann mir das nur erklären, dass man sich dabei an den etwas weniger als zehn Prozent der Menschen in Deutschland orientiert hat, die einen Schwerbehindertenstatus haben. Ob das stimmt, weiß ich natürlich nicht. Ich würde sehr gerne die Hintergründe verstehen und kann nur hoffen, dass sich da um eine Lösung bemüht wird. Derzeit übt der DBS öffentlich starke Kritik an der Deutschen Sporthilfe aus, was aus meiner Sicht in punkto Öffentlichkeitsarbeit so ziemlich die höchste Eskalationsstufe ist.

Der Fokus liegt klar auf Athlet*innen, die realistische Medaillenchancen haben.

Sebastian Depke

Grundsätzlich fände ich es gut, wenn es Förderung für alle gibt, denen sie auch zusteht – auch für die, die aus den neuen Kaderkriterien rausgefallen sind. Selbst der DBS benennt die aktuelle Situation deutlich: Der Fokus liegt ganz klar auf den Athlet*innen, die realistische Medaillenchancen haben. Alles andere wird nicht unterstützt.

Wie schneidet der Para-Sport in Deutschland beim Thema Förderung im internationalen Vergleich ab?

In anderen Ländern sieht es teilweise ganz anders aus: Da heben die Parasportler*innen oft einen deutlich höheren Anteil an der Förderung und mehr Starterplätze. Es gibt in anderen Ländern auch bereits Parakletter*innen, die das hauptberuflich und in Vollzeit machen. Mich macht die aktuelle Situation in Deutschland traurig, weil es im Para Climbing und im Sportklettern um Profisport geht. Wenn man auf höchstem Niveau unterwegs ist, sollte man aus meiner Sicht davon leben können, statt daran zu verarmen. Obwohl es in Deutschland anteilige Unterstützung oder Kostenerstattung gibt, sind die paralympischen und olympischen Spiele die höchste Bühne des Sports. Da wünscht man sich natürlich schon eine Perspektive.

Wer im Sport- oder Para Klettern auf höchster Ebene unterwegs ist, sollte vom Profisport leben können, nicht daran verarmen.

Sebastian Depke

DAV will Para Climbing langfristig fördern

»Strukturell ist Para Climbing bereits in Teilen in die bestehenden Leistungssportstrukturen eingebunden – ein weiterer Ausbau wird, in Abhängigkeit von Ressourcen und der Kooperation mit dem DBS, angestrebt. […] Mit Blick auf eine mögliche Paralympische Perspektive ab 2032 verfolgt der DAV einen klaren Aufbauansatz: nachhaltige Leistungsentwicklung, internationale Wettbewerbsfähigkeit und enge Abstimmung mit dem DBS, dem DOSB und der IFSC/World Climbing. Ziel ist es, Para Climbing nicht als Zusatz, sondern als gleichwertigen Teil des Wettkampfkletterns zu entwickeln.«

Christoph Reichert, DAV Bundestrainer Para Climbing

Was wünscht du dir noch für die Zukunft des Para Kletterns?

Die große Herausforderung ist aus meiner Sicht, das, was wir erreicht haben, zu halten und auszubauen. Dieses Jahr steht die Bewerbung für die nächsten Paralympischen Spiele 2032 in Brisbane an, für die wir mehr Plätze und Medaillen anstreben. Gerade dafür ist es unglaublich wichtig, dass auch die sechs nicht paralympischen Sportklassen weiterhin präsent bleiben und wachsen. Gleichzeitig muss Wachstum auch bewältigt und finanziell gefördert werden – da kommt noch viel Arbeit auf den Sport zu.

Für mich selbst wünsche ich mir, dass ich weiterhin der Welt die Geschichten meiner Kolleg*innen und Freund*innen erzählen darf, wie zuletzt als Kommentator beim Para Climbing Weltcup in Laval. Das Besondere am Para Klettern ist, dass hier jeder eine eindrucksvolle Geschichte hat. Ich habe oft das Gefühl, dass bei Krankheit, Behinderungen und Schicksalsschlägen lieber weg- als hingeguckt wird. Aber diese Themen spielen früher oder später für jeden im Leben eine Rolle. Die Frage ist nicht ob, sondern wann.

Das Besondere am Para Klettern: Jeder hat eine eindrucksvolle Geschichte.

Sebastian Depke

Ich persönlich finde es eine enorme Bereicherung Menschen zu kennen, die wissen, wie man mit solchen Situationen umgeht. Die sagen: »Ja, ich bin behindert, aber mein Leben funktioniert trotzdem – und es funktioniert gut. Ich gehe raus und verschiebe die Grenzen, weil die nicht da sind, wo wir glauben.«

Nach dem Weltcup in Salt Lake City hat sich ein internationales Team in die Red Rocks bei Las Vegas zum Mehrseillängenklettern aufgemacht (v.l.n.r.): Sarah Lacombe (AUS), Corinna Wimmer (GER), Kevin Bartke (GER), Sebastian Depke (GER), Mary Tankersley (USA), Josh Alegre (AUS)

2025 warst du selbst mit Grenzen konfrontiert, die den weiteren Verlauf deiner Kletterkarriere geprägt haben. Gab es auch schöne Veränderungen seit der WM in Seoul?

Auf jeden Fall. Ich war zum Beispiel mit meiner Freundin zum ersten Mal in einem Urlaub, wie ihn wahrscheinlich andere Leute machen: ohne Klettern, Training oder schlechtes Gewissen, weil ich zu wenig mache. Wir waren für ein paar Wochen in den USA und haben unser Kletterequipment völlig umsonst hin- und hergeflogen, weil es sich einfach nicht ergeben hat (lacht). Außerdem habe ich jetzt mehr Zeit für andere sportliche und technische Herausforderungen, wobei ich immer noch deutlich mehr Projekte als Zeit habe.

Zum Beispiel?

Das reicht von Home-Automatisierung über 3D-Druck bis hin zu Segeln, Tauchen und Routensanierungen am Fels – die Liste ist wirklich lang. Aktuell entwickle ich außerdem mein selbstgebautes Solar-Bike weiter, mit dem ich 2024 Mallorca umrundet habe und zum Weltcup nach Innsbruck gefahren bin. Danach will ich den Rekord für die weiteste Strecke pro Tag weiter drücken. Der liegt bisher bei 400 Kilometern – ich glaube, da geht noch mehr.

Viel Erfolg und alles Gute, Sebastian.

Sebastian mit seinem selbstgebautem Solar-Bike: »Da geht noch mehr« (Bild: Sebastian Depke)

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Credits Titelbild: Nicholas Perreth

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