94 von 96 beobachteten Gletschern sind während 2024/25 weiter zurückgegangen. Der neue Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins belegt einmal mehr: Der Schwund der alpinen Gletscher geht rasant weiter und einzelne Gletscher treten bereits in eine Phase des strukturellen Zerfalls ein. Diese Veränderungen in den Alpen müssten laut Alpenverein wachrütteln, um das eigene Verhalten zu hinterfragen und auch die Politik in die Pflicht zu nehmen.
Im Schnitt 20,3 Meter Rückgang im Messjahr 2024/25
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Im Gletscherhaushaltsjahr 2024/25 zogen sich die 79 in beiden Jahren vollständig vermessenen Gletscher im Mittel um 20,3 Meter zurück. Insgesamt erhoben die ehrenamtlichen Gletschermesser:innen bei 96 Gletschern die Änderungstendenz. Das Ergebnis: 94 davon haben sich verkleinert, lediglich zwei blieben nahezu unverändert. Zwar liegt der aktuelle Wert etwas unter den Rekorden der beiden Vorjahre. Dennoch belegt er Platz acht in der 135-jährigen Messreihe und von Entwarnung ist man weit entfernt.
Der Vergleich zeigt: Die Lage wird immer schlimmer
Ein Blick zurück macht den Trend noch deutlicher. Im Gletscherhaushaltsjahr 2018/19 – damals ebenfalls als »sehr gletscherungünstig« eingestuft – betrug der durchschnittliche Rückzug 14,3 Meter bei 84 vermessenen Gletschern. Damals blieben immerhin fünf Gletscher stationär, einer schien sogar geringfügig vorzustoßen, wobei die Experten klarstellten, dass es sich dabei nicht um ein aktives Vorrücken handelte, sondern um ein »nach vorne Kippen« des Eisrandes. Die stationären Gletscher lagen unter schützendem Altschnee oder profitierten von lokalen topografischen Besonderheiten, von echter Erholung war keine Rede.

Sechs Jahre später hat sich das Bild grundlegend verändert. Statt fünf stationärer Gletscher gibt es heute nur noch zwei, die sich kaum verändert haben. Der mittlere Rückzug ist von 14,3 auf 20,3 Meter gestiegen – ein Zuwachs von rund 42 Prozent. Und während 2018/19 vereinzelt Formulierungen wie »fortschreitender Eiszerfall« noch als Ausnahme galten, beschreiben sie heute den Normalzustand vieler Gletscher.
Zu warm, zu trocken – die Witterung treibt den Schwund
Warum schmelzen die Gletscher so schnell? Die Antwort liegt in den Wetterbedingungen des vergangenen Jahres. Der Winter war schneearm und zu warm. Der Frühsommer 2024 setzte noch einen drauf: Der Juni lag um fast 5 °C über dem langjährigen Mittel. An den ausgewerteten Hochgebirgsstationen war die Jahresdurchschnittstemperatur um 2 °C höher als der langjährige Jahresdurchschnitt. Gleichzeitig fehlten rund 24,5 Prozent des üblichen Niederschlags. Diese Kombination aus Wärme und Trockenheit setzt den Gletschern massiv zu und lässt kaum Spielraum für Erholung.
Viele Gletscher verlieren nicht nur an Länge, sondern treten zunehmend in eine Phase des strukturellen Zerfalls ein. Freigeschmolzene Felsstufen, abreißende Eisbereiche und in sich zusammenstürzende Gletscherzungen prägen immer mehr das Erscheinungsbild.
Andreas Kellerer-Pirklbauer, Leiter des Gletschermessdienstes, Universität Graz
Die größten Verlierer
Die stärksten Rückgänge verzeichneten:
- Alpeiner Ferner (Stubaier Alpen, Tirol): −114,3 m
- Stubacher Sonnblickkees (Granatspitzgruppe, Salzburg): −103,9 m
- Krimmler Kees (Venedigergruppe, Salzburg): −90,3 m
Auch die Pasterze am Großglockner, Österreichs größter Gletscher, verlor 54 Meter an der Hauptzunge und landete damit österreichweit auf Platz acht. Die sogenannte »Hufeisenbruch«-Verbindung zum höhergelegenen Riffelwinkel der Pasterze besteht zwar noch, doch Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass die Gletscherzunge in den kommenden Jahren abreißen wird. Damit würde Österreichs größter Gletscher in zwei Teile zerfallen. Die abgetrennte Zunge würde dann als sogenannter Toteiskörper langsam, aber sicher weiter abschmelzen.

Klimawandel in den Alpen: Die Folgen sind bereits da
Der Rückgang der Gletscher ist kein abstraktes Zukunftsszenario, sondern er ist Gegenwart. Mit dem Schwund verändern sich Wasserhaushalt, Landschaftsbild und alpine Infrastruktur. Naturgefahren nehmen zu, und ganze Landschaften wandeln sich unwiederbringlich. »Die Gletscher schmelzen – und mit jedem neuen Bericht wächst die Dringlichkeit. Der Klimawandel ist in den Alpen längst Realität, und wir erleben seine Folgen nicht irgendwann, sondern jetzt. Es geht nicht mehr darum, ob wir die Gletscher in ihrer alten Form noch retten können; es geht darum, die Konsequenzen für uns selbst abzumildern«, so Nicole Slupetzky, Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins.
Neu: Gletschermonitor macht Daten öffentlich zugänglich
Seit 2025 stellt der Alpenverein aktuelle und historische Messdaten des Gletschermessdienstes interaktiv zur Verfügung. Der Gletschermonitor unter alpenverein.at/gletschermonitor ermöglicht es, die Entwicklung einzelner Gletscher über Jahrzehnte nachzuverfolgen.
Weitere Informationen zum Gletschermessdienst: alpenverein.at/gletscher
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Credits: Titelbild: ÖAV Gletschermessdienst/Sepp Nussbaumer
Quelle: Gletscherbericht 2024/25, Österreichischer Alpenverein / Gletschermessdienst

