Progressive Overload: So trainierst du nicht nur härter, sondern klüger

Im neuesten Video von Lattice Training geht es um ein stark unterschätztes Konzepte im Klettertraining: progressive Overload. Was nach Fitnessstudio-Vokabular klingt, ist eigentlich ein Prinzip, dass ich dich stärker werden lässt.

Du hast den Begriff bestimmt schon einmal gehört, aber wendest du ihn tatsächlich in deinen Trainingssessions an? Genau diese Frage stellt Profiathletin Erin McNiece gleich zu Beginn des Videos in den Raum. Denn die ehrliche Antwort lautet bei den meisten Kletternden: eher nicht.

Was ist progressive Overload überhaupt?

Das Prinzip ist simpel: Der Körper wird kontinuierlich einem etwas größeren Reiz ausgesetzt, damit er sich anpassen muss. Lattice nennt drei Hebel, an denen du drehen kannst: mehr Gewicht, mehr Wiederholungen oder saubere Ausführung.

Am Beispiel Klimmzüge wird’s konkret: In Woche 1 schaffst du vielleicht vier Wiederholungen mit 10 kg Zusatzgewicht. In Woche 2 versuchst du, eine Wiederholung draufzulegen. In Woche 3 bleiben die Wiederholungen gleich, du achtest aber besonders auf saubere Ausführung. Und in Woche 4 gehst du wieder auf drei oder vier Wiederholungen runter, dafür erhöhst du aber das Zusatzgewicht.

Stell dir die Frage was du erreichen möchtest: Willst du stärker werden, oder willst du deine Ausdauer verbessern? | Bild: Lacttice Training

Die beste Methode ist meistens ein Mix aus allen drei Hebeln. Welcher davon der Hauptweg ist, entscheidet dein Ziel: Wer stärker werden will, sollte primär am Gewicht arbeiten (3–6 Reps), wer Ausdauer aufbauen will, lieber an den Wiederholungen (8–20 Reps). Aber Achtung: Eine Wiederholung mit viel Gewicht, aber in schlechter Form wird dich langfristig nicht stärker machen.

Mehr Gewicht aber schlechte Form wird dich langfristig nicht weiter bringen. | Bild: Lattice Training

Fingerboard: Geduld ist Pflicht

Beim Hangboard funktioniert das Prinzip genau gleich, aber mit einer wichtigen Einschränkung: Sehnen brauchen viel länger als Muskeln, um sich anzupassen. Und beim Klettern sind es nun mal fast immer die Sehnen, die uns limitieren, nicht die Muskeln.

Heißt konkret: Längere Konsolidierungsphasen auf demselben Gewicht sind hier nicht nur okay, sondern nötig. Jede Kletter-Session ist außerdem ebenfalls eine Belastung für deine Finger. Hattest du gerade eine harte Board-Session, kann es klug sein, das Fingerboard-Protokoll diese Woche nicht zu steigern, der Reiz kam dann ja schon von woanders.

Progressive Overload an der Wand

Hier wird’s spannend und auch ein bisschen weniger offensichtlich. Wenn du sechs Monate immer nur das gleiche Trainingsprogramm machst, wirst du irgendwann einfach gut in den Dingen, die du hierbei trainierst. Adaptionen? Fehlanzeige. Die Lösung: Mit Intention an die Wand gehen. Beim »Max-Effort-Bouldern« könntest du z.B einen Schwierigkeitsgrad höher gehen, mehr Boulder im aktuellen Grad versuchen oder die Session etwas verlängern.

Beispiel 4×4-Zyklus an der Wand

Besonders schön zeigt Lattice das an einer 4×4-Session: Also vier Wiederholungen des selben Boulders.

  • Woche 1: 3 Sets à 4: Wir wiederholen den selben Boulder vier mal hintereinander. Das machen wir mit 3 Bouldern.
  • Woche 2: auf 4 Sets erhöhen.
  • Woche 3: 4 Sets, aber versuche mehr Tops aus der Session zu holen.
  • Woche 4: Deload – nur 2 Sets, dafür ein schwierigerer Boulder dabei.
  • Woche 5: wieder 4 Sets, mit diesem einen härteren Boulder.
  • Woche 6: weiter steigern – oder wieder auf die Tops konzentrieren.
Zeitplan und Steigerung vom Trainings Load im Überblick. | Bild: Lattice Training

Müssen wir immer steigern?

Nein. Der Vorsatz sollte da sein, jede Session ein Stück besser zu werden, aber wir alle kennen schwächere Tagen und an diesen reicht es, auf Ausführung und Kontrolle zu achten. Deload-Wochen sind außerdem essenziell, denn in diesen Phasen kann sich der Körper adaptieren.

Und nicht vergessen: Auch eine zusätzliche Session pro Woche oder mehr Zeit an der Wand ist progressive Overload. Dann darf das Krafttraining auch mal liegen bleiben.

Die wichtigsten Takeaways auf einen Blick

  • Tracke dein Training. Wer nicht weiß, was er letzte Woche gemacht hat, kann auch nicht steigern.
  • Konsistenz schlägt Random-Workouts. Immer wechselnde Übungen bringen nichts.
  • Reps oder Gewicht? Überlege dir genau auf was du hin trainierst und was dich motiviert.
  • Try Hard. Wenn sich die Session »super easy« angefühlt hat, war’s wahrscheinlich kein Overload.
  • Form geht vor Gewicht. Schludrige Ausführung mit mehr Kilo bringt dich nicht weiter.
  • Fortschritt ist nicht linear. Was zählt, ist die langfristige Linie nach oben.

Das könnte dich interessieren

+++

Credits Titelbild: Lattice Training

Trad, Bouldern, Sportklettern: 5 Downgrades, die unsere Szene geprägt haben

Ein Griffausbruch, neue Beta oder schlicht eine Meinungsverschiedenheit: Die Abwertung von Bouldern oder Routen kann verschiedene Gründe haben. Wir haben fünf Downgrades gesammelt, die für besonderes Aufsehen gesorgt haben – oder historisch für die Szene wichtig waren.

„King Kang“ (9b+): Jules Marchaland knackt Ondras Dyno-Projekt

Der französische Kletterer Jules Marchaland hat in der Hanshelleren-Höhle bei Flatanger das alte Ondra Projekt „King Kang“ erstbegangen. Für die dynamische Linie schlägt der 25-Jährige eine Bewertung von 9b+ vor.

„WoGü“ im Rätikon: Zangerl und Larcher jeweils im ersten Versuch

Babsi Zangerl und Jacopo Larcher haben im Rätikon „WoGü" (8c) frei geklettert – an zwei aufeinanderfolgenden Tagen und jeweils im ersten Durchstiegsversuch. Barbara Zangerl verbucht hiermit außerdem die erste Frauenbegehung der Route.

Aktuell

Trad, Bouldern, Sportklettern: 5 Downgrades, die unsere Szene geprägt haben

Ein Griffausbruch, neue Beta oder schlicht eine Meinungsverschiedenheit: Die Abwertung von Bouldern oder Routen kann verschiedene Gründe haben. Wir haben fünf Downgrades gesammelt, die für besonderes Aufsehen gesorgt haben – oder historisch für die Szene wichtig waren.

„King Kang“ (9b+): Jules Marchaland knackt Ondras Dyno-Projekt

Der französische Kletterer Jules Marchaland hat in der Hanshelleren-Höhle bei Flatanger das alte Ondra Projekt „King Kang“ erstbegangen. Für die dynamische Linie schlägt der 25-Jährige eine Bewertung von 9b+ vor.

„WoGü“ im Rätikon: Zangerl und Larcher jeweils im ersten Versuch

Babsi Zangerl und Jacopo Larcher haben im Rätikon „WoGü" (8c) frei geklettert – an zwei aufeinanderfolgenden Tagen und jeweils im ersten Durchstiegsversuch. Barbara Zangerl verbucht hiermit außerdem die erste Frauenbegehung der Route.

Giovanni Placci: Vier 9a an vier aufeinanderfolgenden Tagen

Der italienische Kletterer Giovanni Placci hat Mitte September an vier aufeinanderfolgenden Tagen vier verschiedene 9a-Routen geklettert: drei im Piemonteser Gebiet La Stazione, eine in Albenga. Einen Flash verpasste er erst im letzten Zug.