Die italienischen Alpinisten Mattia Sandionigi und Pietro Saggiante (Gruppo Alpinistico Gamma Lecco) konnten, gemeinsam mit Sandro Maranetto, eine neue Route am Siula Grande (6.344 m) in der Cordillera Huayhuash in den peruanischen Anden erschließen.
Die Gamma-Route – „Durch die Forelle“
Die Strecke verläuft über mehr als 700 Metern Länge entlang des Ostpfeilers. Sie trägt den Namen „Via Gamma – Attraverso la Trucha“ („Gamma-Route – Durch die Forelle“). Technisch handelt es sich um eine Mischung aus anspruchsvollem Freiklettern, Mixed-Gelände, und steilen Eispassagen. Die Schwierigkeiten werden mit 7b (obl. 6c+), AI5 und RS3+ bewertet, und die Erstbegehung erfolgte im reinen Alpinstil ohne externe Unterstützung.

Nach dem sechsstündigen Zustieg zum Basislager und einer Akklimatisation am Nevado Vallunaraju (5.700 m) verbrachte das Team insgesamt vier Tage am Berg: Einen Tag für den Zustieg, und drei Tage in der Wand.
Vier Tage bei wechselnden Bedingungen
Die Witterung erschwerte dabei die Bedingungen für die Expedition. Nach einer zunächst stabilen Wetterphase wurde die Begehung der oberen Wandbereiche durch Schneefälle und Vereisung zu gefährlich. Daher verzichteten die Alpinisten auf den Hauptgipfel des Siula Grande und beendeten die Route auf dem Gipfel des Ostpfeilers. Der Entschluss entsprach allerdings auch dem ursprünglichen Ziel, eine neue Linie durch den Ostpfeiler zu erschließen.

Risse, Kalkplatten und Eisrinnen an einem der renommiertesten Gipfel der Anden
Die Route folgt kontinuierlich ansteigend einer logischen Linie über Risse, Kalkplatten und Eisrinnen. Die schwierigsten Felslängen wurden von Pietro Saggiante geführt, die anspruchsvollsten Eis- und Mixed-Passagen von Sandro Maranetto. Mattia Sandionigi übernahm eine zentrale Rolle bei Organisation, Logistik und Durchführung der Begehung. Ein prägender Moment war das zweite Biwak, das die Alpinisten aufrecht sitzend auf einem schmalen Band verbrachten, auf dem kein Zelt aufgebaut werden konnte. Die Eröffnung der Via Gamma bereichert einen der renommiertesten Gipfel der Anden um eine technisch bedeutende neue Route.

Legendäre alpine Kulisse, historische Bedeutung
Der Siula Grande nimmt einen besonderen Platz in der Geschichte des Bergsteigens ein, denn der Berg ist eng mit Joe Simpson und Simon Yates verbunden, deren dramatische Überlebensgeschichte aus dem Jahr 1985 durch das erfolgreiche Buch „Sturz ins Leere“ (Touching the Void) weltbekannt wurde. Die hier vorgestellte neue Route befindet sich zwar auf einer anderen Bergseite als die, an der die im Buch beschriebenen Ereignisse stattfanden, aber auch das italienische Team erlebte dieselbe kompromisslose und unberechenbare Natur des Höhenbergsteigens in den Anden. Am letzten Tag der Begehung wurden die Alpinisten Zeugen des Zusammenbruchs eines hängenden Séracs oberhalb des darunterliegenden Gletschers – eines Bereichs, den sie während der Expedition mehrfach durchquert hatten.

Bedeutung des Namens
Der Name „Via Gamma“ ist eine Hommage an den Gruppo Alpinistico Gamma Lecco. Dieser Verein ist seit mehr als fünfzig Jahren ein Eckpfeiler der Klettertradition von Lecco. Der Untertitel „Attraverso la Trucha“ („Durch die Forelle“) bezieht sich auf die zahlreichen Forellen, die das Team während der Expedition in den Seen unterhalb der Wand fing. Gleichzeitig spielt er auf die legendäre Dolomitenroute „Attraverso il Pesce“ („Durch den Fisch“) an der Marmolada an.
Erstbegehung mit einem umfassend-durchdachten alpinistischen Ansatz
Die Begehung der Gamma-Route verkörpert einen alpinistischen Ansatz, der auf Eigenständigkeit, fundierter Entscheidungsfindung, Anpassungsfähigkeit an wechselnde Gebirgsbedingungen und dem Streben nach neuen Entdeckungen basiert. Eigenschaften, die auch heute die bedeutendsten modernen Erstbegehungen in den Hochgebirgen der Welt auszeichnen.
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