Im dritten Anlauf holte sich der Brite Tom Livingstone im März die erste freie Begehung der 850 Meter langen Mixedroute Voie des Guides in der Dru-Nordwand. Die direkte Linie durch den steilsten Teil der Nordwand hatten vor ihm und Seilpartner Tom Seccombe schon starke Alpinisten wie Korra Pesce oder Jeff Mercier zu befreien versucht.

Erfahrungsbericht von Tom Livingstone

Im März 2022 habe ich in zweieinhalb Tagen mit Tom Seccombe die Voie des Guides frei geklettert – eine 850 Meter lange Mixedroute in der Dru-Nordwand im Mont-Blanc-Massiv. Für mich eine der schwersten alpinen Routen, die ich je geklettert bin.

Die Linie wurde bereits von starken Mixed-Kletterern wie Jeff Mercier und Korra Pesce im Jahr 2012 sowie von der Groupe Militaire de Haute Montagne (GMHM) begangen. Meines Wissens war jedoch noch niemandem eine freie Begehung gelungen. Die GMHM hat ein Topo gezeichnet und mehrere Seillängen mit M8+? bewertet. Aber auch abgesehen von diesen Seillängen empfand ich die Route anhaltend schwierig.

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Ausblick von Tom Livingstones Balkon in Chamonix: die raketenförmigen Gipfel der Drus. Bild Tom Livingstone

Lieblingsberge

Während ich mit John McCune zusammenlebte, schauten wir jeden Abend von unserem Balkon in Chamonix auf die Drus und beobachteten fasziniert, wie die Gipfel in Flammen aufzugehen schienen. Wir starrten auf die orange-, gold- und rosafarbenen Sonnenuntergänge und stellten uns vor, hoch oben in der Wand zu sein. Oft hatten wir gedankenversunken unser Abendessen im Ofen anbrennen lassen

„Die Drus gehören zu meinen Lieblingsbergen: Es sind erstaunliche raketenförmige Gipfel, die danach schreien, bestiegen zu werden.“

Tom Livingstone

Die Voie des Guides hat mich eingeschüchtert. Einerseits, weil die vorherigen Teams sehr stark waren, andererseits, weil sie als sehr direkte Linie durch einige der steilsten Abschnitte der Wand führt. Die Drus gehören zu meinen Lieblingsbergen: Es sind erstaunliche raketenförmige Gipfel, die danach schreien, bestiegen zu werden.

Eisige Temperaturen

Ich habe die Voie des Guides zum ersten Mal im Januar 2022 mit Rob Smith versucht, aber während unseres Biwaks vor der Route wurde unser Zelt von den Windböen zerfetzt. Es war eine laute und wackelige Nacht, und als der Wecker am Morgen klingelte, beschlossen wir, nur den Einstieg zu klettern, da es nicht offensichtlich war, wohin er führen würde. Wir kletterten onsight etwa ein Drittel der Wand und erreichten die Basis der ersten M8+ Seillänge, bevor wir uns mit frierenden Körpern zurückzogen.

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Rob Smith steigt während des ersten Versuchs eine schwierige Seillänge nach. Bild Tom Livingstone.

Der zweite Versuch fand im März mit Matt Glenn statt. Aber auch hier zwangen uns die eisigen Temperaturen am Ende des ersten Tages zum Abstieg. Wir kletterten oft in unserer gesamten Kleidung, was die schwierigen Mixedseillängen noch schwieriger machte. Nichtsdestotrotz war ich froh, die Seillängen oberhalb meines bisherigen höchsten Punktes zu begehen, darunter die erste M8+ Seillänge.

„Die erste M8+ Seillänge folgt einem überhängenden Riss, der immer dünner wird und immer weniger Tritte aufweist.“

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Sie folgt einem überhängenden Riss, der immer dünner wird und immer weniger Tritte aufweist. Nach dieser Stelle sind wir ausgestiegen. Ich habe gelernt, dass die Temperaturen meist auch wie prognostiziert eintreten – Für die Nacht waren -21 Grad vorausgesagt.

Unbequeme Nacht

Ein paar Tage später kehrte ich mit Tom Seccombe bei wärmeren Temperaturen zurück. Am 10. März kletterten wir zu der berühmten Nische in der Nordwand der Dru. Unterwegs befreite ich alle Seillängen und staunte über das steile Gelände. Tom und ich passierten auf dem Weg zur Nische mehrere gute Biwakplätze, weil wir glaubten, dass es weiter oben einen besseren Platz geben würde. Als wir dann nur einen schlechten Schneevorsprung zum Schlafen vorfanden, waren wir bestürzt.

„Als wir den entscheidenden und berühmten Quergang entlang der Quarzader entdeckten, begann das Schneegestöber den Berg zu verdunkeln.“

Tom Livingstone

Am zweiten Tag stiegen wir die linke Seite der Niche hinauf. Ich bin froh, dass ich gelegentlich das Drytooling-Gebiet Rive Gauche besuche. Es ist eine gute Vorbereitung für diese Art des Kletterns. Ich klammerte mich immer noch an die freie Begehung, während wir langsam an Höhe gewannen.

Aber als wir den entscheidenden und berühmten Quergang entlang der Quarzader entdeckten, begann das Schneegestöber den Berg zu verdunkeln. Offenbar war unser Schönwetterfenster zu Ende. Tom Seccombe übernahm die Führung und ich hatte nichts dagegen.

Legendäre Kante

Natürlich wollte ich jede Seillänge befreien, aber auf einer alpinen Route wäre es eine viel grössere Herausforderung als normal, jede Seillänge führen zu wollen – und gleichzeitig ziemlich egoistisch. Wir sind hier nicht am El Capitan, wo beide Teammitglieder abwechselnd jede einzelne Seillänge führen können – und wenn nötig mehrere Rotpunktversuche haben.

„Ich wollte auf jeden Fall alle Schlüsselstellen und schwierigeren Seillängen führen, und ich hatte das Gefühl, dass ich das auch geschafft habe.“

Tom Livingstone

Ich glaube nicht, dass es praktisch oder logisch ist, eine freie alpine Besteigung dadurch zu definieren, dass man jede einzelne Seillänge vorsteigen muss. Ich wollte auf jeden Fall alle Schlüsselstellen und schwierigeren Seillängen führen, und ich hatte das Gefühl, dass ich das auch geschafft habe.

Tom machte ein Pendel entlang der Quarz-Ader und dann schwang ich hinüber und fand gute Hooks und Tritte. Nachdem ich diese Seillänge befreien konnte und sich das Wetter wieder verbesserte, beschloss ich, voll anzugreifen und meine ganze Energie dafür zu verwenden, den Rest der Route zu befreien. Ich startete die zweite M8+ Seillänge, die im Topo mit drei Sternen versehen als legendäre Kante betitelt wird.

„Ich füllte meine Lungen mit Sauerstoff und kletterte los – komplett ausgesetzt, unter mir der steil abfallende Dru.“

Tom Livingstone

Die Verschneidung endete mit einem zwei Meter hohen Dach. Darunter angekommen, schüttelte ich meine Arme und hängte genug Ausrüstung an meinen Gurt. Dann füllte ich meine Lungen mit Sauerstoff kletterte los. Komplett ausgesetzt, unter mir der steil abfallende Dru. Ich war ziemlich aufgeregt, als ich den Standplatz erreichte.

Bildergalerie: Voie des Guides – in direkter Linie durch die Dru-Nordwand

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Wasser und Bonbons zum Frühstück

Bei Einbruch der Dunkelheit führte ich eine weitere dünne M7-Länge und fand dann einen Felsvorsprung, auf dem wir schlafen konnten. Wir sprangen ins Zelt und schliefen ein. Als wir aufwachten und mehrere Zentimeter Neuschnee vorfanden, waren wir zunächst sehr besorgt: Plötzlich herrschten Bedingungen wie in Schottland vor, wo Tom und ich gerade mit der britischen Young Alpinist Group geklettert waren.

Zudem waren uns die Lebensmittel ausgegangen, da wir nicht damit gerechnet hatten, ein zweites Mal biwakieren zu müssen. So bestand unser Frühstück aus heissem Elektrolyten-Wasser und ein paar Werther’s Original Bonbons.

Tom Seccombe kletterte zwei letzte M6+ Seillängen. Ich befreite sie als zweiter, aufgeregt, dass die Kletter-Seillängen nun hinter uns lagen. Gegen Mittag erreichten wir den Gipfel – hungrig, aber zufrieden – und seilten über das Nordcouloir ab.

Grossartiges Abenteuer

Ich war sehr zufrieden, die Route befreit zu haben (obwohl es mir auch egal ist, ob es die erste oder die 10. freie Begehung war. Bei meinen Nachforschungen habe ich keine Aufzeichnungen über eine freie Begehung gefunden. Ich bin einfach sehr froh, dass ich ein langfristiges Projekt verwirklichen konnte. Tom Seccombe und ich hatten ein grossartiges Abenteuer, das uns herausforderte und eine Menge moderner, schwieriger Kletterei beinhaltete.

„Tom Seccombe und ich hatten ein grossartiges Abenteuer, das uns herausforderte und eine Menge moderner, schwieriger Kletterei beinhaltete.“

Tom Livingstone

Ich kenne die Schwierigkeitsgrade der Seillängen nicht, aber ich würde sagen, dass es eine der schwierigeren alpinen Routen ist, die ich bisher gemacht habe. Irgendwo zwischen M7+ und M8+ scheint sie zu liegen. Ich stimme Raphael Slawinski zu, der für seine harte, aber faire Einstufung bekannt ist und sagt: „M7+ ist wirklich hart und ein grosser Grad in den Bergen.“ Ich stimme zu, dass M7+ in den Bergen schwierig sein kann, daher würde ich zu dieser Einstufung für Voie des Guides tendieren.

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Credits: Titelbild Tom Livingstone

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