Vor etwas mehr als einer Woche berichtete LACRUX und viele weitere Medien über die Begehung des Cresciano-Klassikers The story of the two worlds durch Christof Rauch und Pawel Jelonek. Wenig später gelang einem weiteren Boulderer der Durchstieg, ohne dass jemand darüber berichtete. Beim “geheimen” Talent handelt es sich um Sebastian Cotting aus dem Kanton Fribourg. Wir haben Sebastian vergangenes Wochenende im Tessin getroffen und mit ihm über seine historische Begehung gesprochen.

Das Interview mit Sebastian Cotting

Herzliche Gratulation erstmals, Sebastian, zu deiner Begehung von The story of the two worlds. Was ging dir nach er erfolgreichen Begehung als erstes durch den Kopf?
Ich dachte: Das war definitiv kein perfekter Durchstieg, aber es war einer!

Wann hast du genau die Linie ins Auge gefasst und damit begonnen den Boulder zu projektieren?
Im Februar 2014 wurde ich Zeuge eines beeindruckenden Durchstiegs von The Story of Two Worlds durch meinen guten Freund Giuliano Cameroni. Das war dann auch das erste Mal, dass ich mich kurz an den Zügen vom Stehstart The Dagger versucht habe. Im darauffolgenden Oktober konnte ich diesen zu meinem grossen Erstaunen in drei Tagen relativ locker bei schlechten Bedingungen klettern. Als ich mir wenige Wochen später den Sitzstart anschaute, fand ich auf Anhieb eine komplett neue Lösung, die unter anderem einen Knieklemmer beinhaltete. Dieser Moment war der Startschuss und bestimmt einer der wichtigsten Schlüsselmomente in all den Jahren des Projektierens.

Wie viele Versuche, an wie vielen Tagen hast du schätzungsweise investiert?
Vermutlich waren es zwischen 70 und 100 Tage, die ich unter diesem Block verbracht habe. So richtige Durchstiegsversuche vom Liegestart (low start) habe ich in den letzten 40 Sessions gegeben. Dabei hatte ich pro Session Zeit und Kraft für allerhöchstens 10 Versuche.

Woher holst du die immense Ausdauer und den Durchhaltewillen?
Meine mentale Stärke ist bestimmt der wichtigste Faktor beim Training und beim Klettern selbst. Ich würde diese auch als meine grösste Stärke bezeichnen. An dieser Stelle ein grosses Dankeschön an meinen “Leidensgenossen” Martin Keller, der eine sehr inspirierende Rolle in meinem Kletterleben spielt.

Warum hast du dich entschieden, genau diesen Boulder zu projektieren?
Als ich als 13-Jähriger mit dem Klettern begonnen habe, war es mein grosses Ziel, eines Tages eine für mich richtig schwere Linie zu projektieren und zu klettern. Während Jahren habe ich mir mein Projekt nach strengen Kriterien ausgesucht. Diese beinhalteten gute Erreichbarkeit mit ÖV, kein zu langer Zustieg, kein zu grosser Menschenandrang, am besten abseits der Hauptsektoren, eine Linie, die nach Regenfällen schnell trocknet und nicht gefährlich hoch ist oder einzelne Körperstellen übermässig ungesund belastet (wirklich gesund ist so schweres Bouldern sicher nicht). Und selbstverständlich musste mich die Linie auch optisch und mit der Schönheit der Züge überzeugen, welche im besten Fall auch noch meinem Kletterstil entsprechen. Und genau das tat “Story”. Kein anderer Boulder wurde diesen Kriterien annähernd so gerecht. Es war für mich das perfekte Projekt, eines wie es für jeden Kletterer nur einmal auf der Welt existiert. Und ich hatte nun mal das unglaubliche Glück, mein persönlich perfektes Projekt in meiner Wahlheimat Tessin zu finden.

Sebastian Cotting in the story of the two worlds - cresciano tessin schweiz
Sebastian Cotting in The story of the two worlds – Bild Sebastian Cotting

 

Der breiten Masse bist du nicht bekannt, obwohl du verdammt stark boulderst. Warum?
Das hat wohl hauptsächlich damit zu tun, dass ich auf keiner Social-Media-Plattform aktiv bin und keine Wettkämpfe bestreite. Beides passt nicht zu meiner Einstellung gegenüber dem Klettersport. Zudem trainiere ich häufig alleine in einem kleinen, halböffentlichen Boulderraum. Und auch sonst ist die Kletterszene in meiner Heimatstadt Fribourg sehr klein.

Wirst du von Sponsoren unterstützt? Falls nein, wie finanzierst du dein Hobby?
Nein, ich habe keine Sponsoren, obwohl ich mich jedes Jahr aufs Neue bewerbe. Was das Sponsoring von starken, jungen Felskletterern anbelangt, hat es in der Schweiz, meiner Meinung nach, noch ziemlichen Nachholbedarf. Das GA und meine Kletterausrüstung konnte ich bis jetzt zum Glück recht gut mit Sommerjobs und Zivildiensteinsätzen finanzieren.

Wie viel Zeit investierst du ins Bouldern?
Training hat für mich einen sehr hohen Stellenwert. Reines Bouldern und Seilklettern hat im letzten Jahr nur etwa 20 Prozent meiner sportlichen Aktivität ausgemacht. Der Rest war vor allem fitnessorientiertes Training. Eine Trainingseinheit dauerte dabei je 1 bis 3 Stunden, je nach Woche verteilt auf 4 bis 7 Tage.

Was ist dein Lieblingsgebiet?
Das Tessin steht beim Bouldern sicher an oberster Stelle. Die hervorragende Felsqualität, aber auch die Sprache, das Klima, die Fauna und Flora in diesem Teil der Schweiz haben es mir besonders angetan. Eher aus logistischen Gründen (ich habe keinen Führerschein) würde ich sagen, dass Cresciano mein Lieblingsbouldergebiet ist. Mein liebstes Seilklettergebiet ist ganz klar Gimmelwald.

Hast du bereits ein nächstes Langzeitprojekt ins Auge gefasst?
Die legendäre “Coup de Grâce” im Bavonatal. Später werden es hoffentlich die etwas höheren Gipfel dieser Welt.

Video über die Begehung von The story of the two worlds durch Sebastian Cotting

“The Story of two Worlds” by Sebastian Cotting.

Credits: Titelbild Sebastian Cotting, Bild instagram Stefan Küerzi (www.stefankuerzi.com)

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