Babsi Zangerl und Jacopo Larcher haben im Rätikon „WoGü“ (8c) frei geklettert – an zwei aufeinanderfolgenden Tagen und jeweils im ersten Durchstiegsversuch. Barbara Zangerl verbucht hiermit außerdem die erste Frauenbegehung der Route.
Am 22. August kletterte Jacopo Larcher die neun Seillängen an der 7. Kirchlispitze im Rotpunkt, am 23. August folgte Babsi Zangerl. Beide stiegen alle Längen im Vorstieg, die jeweils andere Person sicherte. Öffentlich gemacht haben die beiden die Begehungen jetzt, gut einen Monat später, per Pressemitteilung.
Seit 2008 eine kurze Liste
Die 270 Meter lange Route von Beat Kammerlander mit ihren 9 Seillängen gilt als eine der großen Mehrseillängen der Alpen. Kammerlander eröffnete sie Ende der 1990er-Jahre von unten, die erste freie Begehung gelang 2008 dem damals 15-jährigen Adam Ondra. Danach gab es nur vier weitere Begehungen: Edu Marín (2016), Roland Hemetzberger (2017), Cédric Lachat (2020) und Louna Ladevant (2023). Larcher und Zangerl sind damit die Nummern sechs und sieben. Mit Babsi Zangerl steht nun außerdem zum ersten Mal eine Frau auf dieser Liste.
Von „Déjà“ 50 Meter nach rechts
Der Entschluss fiel fast spontan. Kurz zuvor hatten die beiden „Déjà“ geklettert – die härteste Begehung einer Mehrseillängenroute durch eine Frau – das Material lag noch unter der Wand. Nur 50 Meter weiter rechts wartete eine Route, welche die Seilschaft schon seit Jahren reizte. Leichter ist „WoGü“ allerdings nur auf dem Papier, schreibt Larcher in seinem Bericht: Die Route sei deutlich anhaltender und voller harter, boulderiger Längen. Dazu kommt, was eine Kammerlander-Route eben ausmacht: weite Hakenabstände.
Hike-and-fly am Morgen, Stirnlampe am Abend
Ende Juli stiegen Zangerl und Larcher zum ersten Mal ein. Die Einzellängen hatten sie vergleichsweise schnell geklettert. Die eigentliche Aufgabe lag woanders: alles an einem Tag zu verbinden. Der Ablauf blieb über Wochen gleich. Morgens ein Hike-and-fly zu Hause, am frühen Nachmittag die Fahrt in den Rätikon, einsteigen in die Linie am Abend, weil es vorher zu heiß war. Zurück ging es jedes Mal mit Stirnlampe. Zwei Klettertage in Folge waren selten drin – einige Längen sind extrem scharf und entsprechend hart für die Haut.

45 Meter mit Boulder vor dem Umlenker
Die erste 8c Seillänge ist die dritte der Linie und ca. 45 Meter lang. Nach einem langen Abschnitt um die 8a mit guten Rastpunkten und weitem Runout wartet direkt vor dem Umlenker ein harter Boulder. Larcher fand als Größerer der Beiden eine gut machbare Beta, Zangerl erreichte auf diesem Weg den entscheidenden Griff nicht und musste sich eine eigene Lösung erarbeiten.
Zwölf Meter, die am meisten Zeit kosten
Die meiste Zeit kostete beide laut Pressemitteilung die kurze 8b+. Zwölf Meter senkrechte, stellenweise sogar leicht geneigte Kletterei an winzigen Griffen und Tritten – ein kleiner Fehler, und man ist draußen. Direkt darüber folgt die berüchtigte „Badewanne“ mit einem schwer zu lesenden Einstieg und rasiermesserscharfen Leisten. Die zweite 8b+ beschreibt Larcher dagegen als die schönste Länge der Route: drei steile, harte Passagen, dazwischen gute Rastpunkte.
Zwei Versuche an zwei Längen für Larcher
Larcher legte vor, weil Zangerl an „Déjà“ den Vortritt gehabt hatte. In der Nacht regnete es, am Morgen war die Wand klatschnass. Die beiden warteten bis Mittag im Van und stiegen ein, als die Wand abzutrocknen begann. Die erste 8c gelang ihm im ersten Versuch. An der kurzen 8b+ verlor er an der Crux das Gleichgewicht, in der „Badewanne“ griff er gleich zu Beginn in die Exe. Beide Längen kletterte er nach wenigen Minuten Pause im zweiten Anlauf.

Babsi Zangerl: Schlüssellängen im ersten Versuch
Zangerl startete am nächsten Morgen sehr früh, um die kurze 8b+ noch im Schatten zu erreichen. Dafür nahm sie in Kauf, dass die Einstiegsplatte (7a) noch nass war – die Längen trocknen tagsüber ab und fangen nachts wieder an zu tropfen. An der ersten 8c musste sie oben auf ihre eigene, laut eigener Aussage weniger verlässliche Beta setzen und zum letzten Griff zu gelangen. Es reichte. Danach folgten die 8b+, die „Badewanne“, die zweite 8b+, die 8a+ und die Ausstiegslänge – laut Larcher alle im ersten Versuch.
Wir wussten, dass wir es schaffen können, aber wir hätten nicht erwartet, dass wir die Route beide direkt hintereinander klettern – und dann auch noch jeweils im ersten Durchstiegsversuch!
Jacopo Larcher
Ein Wochenende als Saisonabschluss
Der Rätikon ist für beide über die Jahre zu einem der wichtigsten Gebiete ihrer Laufbahn geworden. Mit „WoGü“ endet dort ihr Sommer 2026, was als Nächstes ansteht, verrät die Seilschaft in der Pressemitteilung jedoch noch nicht.
Ihr Dank geht an Kammerlander, den sie „eine Legende und eine große Inspiration“ nennen – und an alle, die sich während der langen Abende an der Wand um ihren Hund Olli gekümmert haben.
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Credits Titelbild: Jonathan Faeth / Timeline Production (@timeline_production)

