Eine 9a+ zu klettern war Leo Ceas klares Ziel für 2026. Das Jahr ist noch lange nicht vorbei, aber das Vorhaben schon geglückt: Am 2. September gelang dem 13-jährigen Deutsch-Chilenen mit „No Pain No Gain“ in Rodellar ein echtes Ausdauer-Brett.
Ein Kletter-Portfolio, das seinesgleichen sucht
Wenn er nicht gerade Europas beste Kletter-Hotspot bereist, ist Leo Cea zuhause etwas kürzere Routen gewohnt als „No Pain No Gain“. In seiner Heimat, dem Frankenjura, sucht man zwar vergeblich nach 40-Meter-Touren wie in Rodellar – aber die Vorbereitung auf steile Kletterei ist dort auf jeden Fall gegeben. Seinen Trainingssommer in der Fränkischen Schweiz hat Leo gut genutzt: Dort gelangen ihm einige schwere Klassiker wie „Shangri-La“ (8c+), „Roof Warrior“ (8c) oder „Battle Cat“ (8c).
Schon im vergangenen Jahr hatte sich der 13-Jährige vor allem darauf konzentriert, den Bereich 8c+ und 9a weiter auszubauen. 2025 gelangen ihm „Víctimas Pérez“ (9a) in Finestra und „Trip Tik Tonik“ (9a) in der Gorges du Loup. 2026 kletterte er „Underground“ (9a) und „Pungitopo“ (8c+) in Arco. Insgesamt sieben 9as zählt seine Tickliste heute, dazu kommen 22 Routen im Grad 8c und 8c+.
Das sind ziemlich unterschiedliche Routen und ich mag den Gedanken, dass ich in verschiedenen Stilen schwer klettern kann. Ich glaube, dass das einen vielseitigen Sportkletterer ausmacht.
Leo Cea

Die Suche nach dem idealen Projekt
Das Ziel, eine 9a+ zu klettern, hatte Leo schon Anfang des Jahres ins Auge gefasst. An Ostern kam er seinem Ziel bereits ziemlich nahe, als er vielsprechende Versuche in „Pure Dreaming Plus“ (9a+) in Arco steckte. Als ein wichtiger Griff in der Crux ausbrach, musste er das Projekt an den Nagel hängen. Entmutigt hat ihn das nicht: „Es hat mich sogar noch mehr motiviert, ein anderes Projekt zu suchen“, sagt der 13-Jährige.
Im Juni stand ein lang ersehntes spanisches Kletterziel auf dem Reiseplan: Rodellar. Ein neues Klettergebiet zu entdecken – auch für Profis wie Leo Cea bleibt das etwas besonderes.
Ich liebe dieses Gefühl, zum ersten Mal an einen Ort zu kommen, die Wände kennenzulernen, Routen auszuprobieren und einen neuen Kletterstil zu entdecken.
Leo Cea
In Rodellar angekommen stieg Leo zum ersten Mal in „No Pain No Gain“ (9a+) im Sektor Ventanas ein, erstbegangen 2017 von Dani Fuertes. Etwa die Hälfte der rund 40 Meter lange Route führt durch ein riesiges Dach. Dort wartet im zweiten Teil auch die Crux, nach der man sich weiter durch den Überhang zu einem Ruhepunkt kämpft.

„No Pain No Gain“: Der Name ist Programm
Für Leo passte die Linie sofort: „Schon bei den ersten Versuchen hatte ich das Gefühl, dass mir die Route gut lag, und vor allem faszinierte mich der Stil. Die Route erfordert ziemlich viel Kraft, aber für mich ist die Ausdauer besonders entscheidend.“
Die schwersten Züge waren für ihn nicht die der ersten Crux, sondern die letzten Züge aus dem Dach heraus: „Dort kommt man völlig „empopeyado“, also gepumpt an, und muss trotzdem noch eine ziemlich komplexe Sequenz klettern“, sagt Leo.
Auch bei seinen Durchstiegsversuchen fiel Leo am häufigsten in diesem Abschnitt. Insgesamt musste der 13-Jährige seine Beta auf seine 147 cm Körpergröße anpassen, weil er nicht alle üblichen Knieklemmer legen konnte. Trotzdem eignet sich „No Pain No Gain“ (9a+) nicht unbedingt schlecht für kleinere Kletterinnen und Kletterer: Auch Anak Verhoeven und Laura Rogora haben die Route schon wiederholt. Leo arbeitete in der Linie vor allem mit sehr hohen Heelhooks.
Genau das hat mir an der Route besonders gefallen: meine eigene Beta zu finden, die zu meiner Größe und meinem Stil passt.
Leo Cea

Von Spanien nach Franken und zurück
Innerhalb von nur einer Woche erarbeitete sich Leo große Teile der Route – und das obwohl er die Crux einige Tage lang nicht in Gänze versuchen konnte, weil sich ein Bohrhaken gelöst hatte. Der Haken wurde wieder in Schuss gebracht, aber für den Durchstieg reichte es noch nicht ganz. Der Plan: ein zweiter Rodellar-Trip in den Sommerferien Ende August.
Zurück im Frankenjura warf sich Leo hochmotiviert in seine Projekte und ins Training. Gleichzeitig blieb ihm „No Pain No Gain“ immer im Kopf. „Ich hatte das Gefühl, dass alles Klettern und Training mich sehr gut auf den nächsten Trip nach Rodellar vorbereitet“, erinnert sich Leo.
Ende August war Familie Cea zurück in Nordspanien, wo die enorme Hitzewelle ein paar Änderungen im Tagesplan notwendig machte. Trotz Sommerferien stand Leo um acht Uhr morgens auf der Matte – nicht für die Schule, sondern für seinen ersten Versuch des Tages. Am 31. August konnte er bei einem sehr guten Highpoint seine Beta nochmal optimieren. Der Unterschied war enorm, der Durchstieg in Sicht. Jetzt hieß es die Nerven zu behalten.
Wenn man so nah dran ist, gibt es immer eine gewisse Unsicherheit und Anspannung. Ich glaube, das Wichtigste ist, konzentriert zu bleiben und weiterhin Lust auf den nächsten Versuch zu haben.
Leo Cea
Am 2. September war es soweit: Leo startete seinen ersten Versuch nach dem Warmup und kletterte solide durch die erste Crux im Dach. Seine zweite persönliche Crux, der Ausstieg aus dem großen Dach, wartete aber noch auf ihn. Gleichzeitig wollte Leo unbedingt so weit kommen und seine neue Beta umsetzen.
Und es klappte.
Als er auch diesen Abschnitt hinter sich gebracht hatte, war Leo klar: Hier falle ich nicht mehr. Nach einigen weiteren Klettermetern klippte er endlich den Umlenker von „No Pain No Gain“, seiner ersten 9a+.

Zwischen Schule, Fels und den ersten Wettkämpfen
Aus Rodellar nimmt Leo Cea nicht nur seine erste 9a+ mit nach Hause, sondern auch einen Flash von „Ixeia“ (8b+) mit Beta von Luis Alfonso Félix sowie mehrere 7c+ Onsights. Seine erfolgreiche Reise verdankt Leo auch seinen Unterstützern, darunter auch die gemeinnützige Benno Kittl Stiftung. „Für diese Möglichkeiten bin ich sehr dankbar“, sagt der 13-Jährige.
Wie geht es jetzt weiter für Leo? Nächste Woche startet erst einmal ein neues Schuljahr – am Fels sind weitere Trips nach Siurana, Arco und Céüse geplant. Außerdem schnuppert Leo gerade zum ersten Mal (und direkt erfolgreich) Wettkampfluft: Im Juni sicherte er sich in Wetzlar den Deutschen Jugend-Titel im Lead der U15.
Kommt da nicht auch manchmal Druck auf, wenn es immer nur nach oben geht?
„Das ist für uns als Eltern natürlich eine Riesenverantwortung“, sagt Vater René Cea. „Wir achten extrem darauf, dass Leo das Klettern vor allem im familiären Rahmen erlebt, er nicht zu viel Zeit in den sozialen Medien verbringt und dass sein Training altersgemäß gestaltet wird.“ Wenn überhaupt, müsse man Leo manchmal eher bremsen, betont er: „Uns ist als Familie wichtig, dass es nicht immer nur um Leo geht, sondern dass am Fels die Projekte von allen Aufmerksamkeit bekommen.“
Für Leo selbst geht es beim Klettern um viel mehr als nur Projekten und „Schaffen oder nicht“. Die Nähe zu einem historischen Klettergebiet wie dem Frankenjura mit seinen unzähligen Herausforderungen mitten in der Natur motiviert ihn dabei genauso wie die Liebe zum Klettersport:
Ich glaube, einer der Gründe, warum ich weiterhin so motiviert bin zu trainieren und nach Projekten zu suchen, ist einfach, dass ich Klettern so liebe. Gleichzeitig inspiriert es mich total zu sehen, was andere starke Kletterer probieren und schaffen.
Leo Cea

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Credits Titelbild: Ori Breluru

