Erstmals ist der K2 im Winter bestiegen worden. Doch während die Gipfelstürmer jubelten, starb weiter unten am Berg einer ihrer Kollegen, der am Morgen aus Vorsicht umgekehrt war.

Ein Beitrag von Dominik Osswald

Über Instagram kam die Botschaft des Triumphs: «We did it!», schrieb Chhang Dawa Sherpa. Gestern Samstag, um 16 Uhr 58 Ortszeit, standen zehn Nepalesen auf dem Gipfel des K2. Sie hatten ein günstiges Wetterfenster genutzt und das geschafft, was noch am Tag zuvor viele für undenkbar gehalten hatten. Chhang Dawa ergänzte: «Es ist der K2, und es ist Winter. Hoffen wir, dass alle gesund ins Basiscamp zurückkehren.» Wenig später musste er eine Todesnachricht verbreiten: Der Spanier Sergi Mingote, der im letzten Moment auf den Gipfelsturm verzichtet hatte, war beim Abstieg abgestürzt. Eine Rettungsgruppe konnte ihn nur noch tot bergen.

Der Spanier Sergi Mingote, der im letzten Moment auf den Gipfelsturm verzichtet hatte, war beim Abstieg abgestürzt.

Die Alpinisten vermenschlichen gern die Berge, denen sie sich nähern. Der Berg ruft, prüft, gibt zu verstehen … Oder er lässt seine Muskeln spielen. So wäre wohl zu deuten, was sich vergangene Woche zutrug, als am K2 die ersten Hochlager auf der Abruzzi-Route weggefegt wurden. Die Zelte mitsamt der wertvollen Ausrüstung – Schlafsäcke, Ersatzkleidung, Kochutensilien, Sauerstoffflaschen –, alles vom Winde verweht, während sich die Bergsteiger wieder im Basislager befanden. Als hätte der K2 auf seiner Schulter einen lästigen Moskito entdeckt und weggewischt.

Die Zelte mitsamt der wertvollen Ausrüstung – alles vom Winde verweht.

Als Einziger der vierzehn 8000er widersetzte sich der K2 hartnäckig einer Winterbesteigung. Mit 8611 Metern Höhe ist er nur gerade 200 Meter tiefer als der Mount Everest – doch weitaus schwieriger zu besteigen. Anders als am Everest gibt es kaum flache Passagen, eine objektiv sichere Route gibt es ebenso wenig. Der am häufigsten begangene Anstieg führt über den Südostgrat, den sogenannten Abruzzi-Sporn.

Das Basecamp am K2. (Bild Lakpa Dendi Sherpa/Seven Summit Treks)

Über von Felsen durchsetzte Schnee- und Eisflanken gelangen die Bergsteiger nach rund 3000 Metern schwieriger Kletterei auf die etwas flachere Schulter des Berges. Die gefährlichste Stelle wartet ganz zum Schluss, das sogenannte «Bottleneck». Der einzige Weg zum Gipfel führt hier durch ein steiles Couloir unterhalb eines bedrohlichen Hänge­gletschers. 2008 fanden an dieser Stelle elf Bergsteiger nach einem Eisabbruch den Tod. Der K2 weist nach dem Annapurna die zweithöchste Todesrate auf: Laut Statistik steht die Wahrscheinlichkeit, den Berg nicht zu überleben, bei eins zu vier.

Ein unmenschliches Klima

Angesichts der hohen klettertechnischen Schwierigkeiten und der anspruchsvollen Witterungsbedingungen ist es nicht erstaunlich, dass es so lange dauerte, bis die Winterbesteigung des K2 glückte. Seit 1987 wurde sie mehrfach versucht: Sieben Teams, vor allem Russen und Polen, die sich mit Winterbesteigungen einen Namen als «ice warriors» machten, scheiterten.

Sieben Teams, vor allem Russen und Polen, die sich mit Winterbesteigungen einen Namen als «ice warriors» machten, scheiterten.

2003 gelangten der Russe Denis Urubko und der Pole Marcin Kaczkan bis auf 7650 Meter. Höher schaffte es bis zu diesem Jahr niemand. Am Gipfel muss mit Temperaturen von minus 40 Grad gerechnet werden. Je nach Wetterlage touchiert der K2 den Jetstream, was zu Verwirbelungen führt, die bis tief in die Flanken als heftige Winde spürbar sind. Dazu kommen Lawinen, die sich weit oben lösen.

Während die 8000er im Frühjahr und Sommer überrannt werden, herrscht im Winter Ruhe: Expeditionen finden im kleinen Rahmen statt, es gibt keine von Sherpas vorfixierten Pisten zum Gipfel, die Bergsteiger sind weitestgehend für sich selber verantwortlich. Trotz den deutlich schwierigeren Umständen wurde bei allen Wintererstbesteigungen mit Ausnahme des Mount Everest auf Flaschensauerstoff verzichtet. Der «saubere Stil» ist ein ungeschriebenes Gesetz.

Trotz den deutlich schwierigeren Umständen wurde bei allen Wintererstbesteigungen mit Ausnahme des Mount Everest auf Flaschensauerstoff verzichtet.

Dieses Jahr ist das Basislager am Fusse des K2 mit rund sechzig Leuten gefüllt – ein überraschender Ansturm, wie man ihn hier bisher nur in der Sommersaison kannte. «Zum einen liegt es natürlich daran, dass die Winterbesteigung des K2 quasi das letzte grosse Problem im 8000er-Bergsteigen ist, das es zu lösen gilt. Wer sie schafft, wird in die Geschichtsbücher eingehen», sagte vergangene Woche Stefan Nestler, Journalist und Bergsteiger, der das Höhenbergsteigen seit mehr als zwanzig Jahren aus nächster Nähe verfolgt. Es sei kein Zufall, dass gleich zwei nepalesische Teams am Berg seien. «Das Höhenbergsteigen gehört zum nationalen Stolz Nepals, und da ist es ein Manko, dass die Nepalesen bei den bisherigen Wintererstbegehungen der dreizehn anderen 8000er eigentlich keine Rolle spielten. Der K2 ist die letzte Chance, das zu korrigieren.»

Das Höhenbergsteigen gehört zum nationalen Stolz Nepals.

Stefan Nestler

Entsprechend euphorisch wurde die Besteigung gefeiert. Das sei einer der grössten Momente in der Geschichte des Alpinismus, teilte das Team über die sozialen Netzwerke mit. Zu verdanken sei es gutem Teamwork und der Tatsache, dass sich der Berg freundlich gezeigt habe. «Wenn es der Berg will, kann dich niemand stoppen», schrieb Chhang Dawa. In den Abendstunden wurde mitgeteilt, dass alle zehn Bergsteiger wohlbehalten in Camp 3 auf 7350 Metern angekommen seien.

Von Rolf Zemp - CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11386761
Großer Sérac oberhalb des Flaschenhalses auf ca. 8300 Metern. (Bild Rolf Zemp – CC BY-SA 3.0)

Die Top-Teams der Nepalesen waren nicht der Hauptgrund, weshalb das Basislager im Dezember so voll war wie sonst nur im Sommer. Auch die Agentur Seven Summit Treks (SST), der grösste nepalesische Anbieter im Höhenbergsteiger-Tourismus, bezog mit einer Truppe von Gipfelanwärtern Quartier. Ein Novum. Rund 500 Kunden führt das Unternehmen mit seiner Low-Price-Strategie jedes Jahr zu den verschiedenen 8000ern, weitere 1200 zu tieferen Bergen oder Trekkingtouren. Damit ist SST das grösste Unternehmen Nepals überhaupt, die Agentur schafft 2000 Arbeitsplätze.

Damit ist Seven Summit Treks ist das grösste Unternehmen Nepals überhaupt, die Agentur schafft 2000 Arbeitsplätze.

Als wichtigster Steuerzahler ist SST in Nepal ebenso angesehen wie einflussreich. Die Gründer sind Sherpas, die einst selber als Träger arbeiteten, zwei von ihnen, Mingma und Chhang Dawa Sherpa, haben inzwischen alle vierzehn 8000er bestiegen. Sie machen kein Geheimnis aus ihrem Geschäftsmodell: Die hohen Berge sollen zu tiefen Preisen zugänglich sein, von der Demokratisierung der Berge ist die Rede – jetzt also auch im Winter. Die derzeitige Expedition auf den K2 wurde auf der Website ungefähr so feilgeboten wie eine Carreise nach Venedig: «Book this trip.» 22 Kunden hat SST ins Basislager des K2 gebracht, deren Erfahrung und Fähigkeiten ziemlich variieren. Es sind Profis dabei, aber auch erfahrene Hobbybergsteiger. Die Schweizerin Josette Vallotton kann fünf 8000er vorweisen, andere Teilnehmer null.

Als ich die Gründer einmal darauf ansprach, dass sie die höchste Todesrate unter den kommerziellen Anbietern hätten, lautete die Antwort: “Wir haben auch die meisten Kunden.”

Stefan Nestler

Bei diesen Voraussetzungen war die Gefahr von Anfang an gross, dass jemand verunfallt. Darauf angesprochen, ob sich das Unternehmen diesen Imageschaden leisten könnte, sagt Stefan Nestler: «Die haben schon jetzt nicht den besten Ruf, und dennoch funktioniert das Geschäftsmodell. Sie vertreten eine ziemlich fatalistische Haltung, im Sinne von: Wir sind im 21. Jahrhundert. Die Menschen wissen, worauf sie sich einlassen. Als ich die Gründer einmal darauf ansprach, dass sie die höchste Todesrate unter den kommerziellen Anbietern hätten, lautete die Antwort: ‹Wir haben auch die meisten Kunden.›»

Ohne Sauerstoff unmöglich?

Dass ausgerechnet Sergi Mingote sein Leben am K2 liess, ist Ironie des Schicksals. Der 50-jährige Spanier war von der Firma SST engagiert worden, um ihre Expedition zu leiten, er hatte 2018 den K2 im Sommer bestiegen und galt als Experte für 8000er. Laut der Zeitung «Marca» wollte er die Winterbesteigung ohne Sauerstoff schaffen. Als er am Morgen des Gipfelversuchs spürte, dass die Kräfte nicht reichen würden, kehrte er um. Doch im Basecamp kam er nie an. Es ist fraglich, ob die SST-Expedition nun weitergeführt wird.

Es ist fraglich, ob die SST-Expedition nun weitergeführt wird.

Kurz vor der erfolgreichen Winterbesteigung hatte der Fachjournalist Nestler gesagt, er betrachte es als realistisch, dass eines der nepalesischen Teams den Gang zum Gipfel schaffe. «Dass sie, wie zum Teil angekündigt, ohne Sauerstoff zum Gipfel gehen, wage ich aber zu bezweifeln.» Damit sprach er ein Thema an, über das unter Extrembergsteigern heiss diskutiert wurde. Darf die erste K2-­Besteigung im Winter mit der Tradition des sauberen Stils brechen? Am nördlichsten der 8000er ist der atmosphärische Druck geringer, die Luft also noch dünner. Es ist folglich nicht klar, ob die Sauerstoffsättigung überhaupt ausreicht, um ohne Flasche hochzusteigen. Vielleicht klärt sich das, wenn die Nepalesen bekanntgeben, wie genau sie den Aufstieg bis zum Gipfel des K2 schafften.

Der K2 ist sehr schwierig zu besteigen. Es gibt kaum flache Passagen und keine objektiv sichere Route auf den 8611 Meter hohen Gipfel.

Sergi Mingote
Der Spanier, der am Samstag am K2 verstarb, galt als Experte für die höchsten Gipfel. 2001 durchstieg er als Erster solo die Nordwand des Mount Everest. Mingote wollte 2019/20 alle 14 Achttausender innerhalb von 1000 Tagen ohne künstlichen Sauerstoff bezwingen, doch musste er das Projekt wegen Corona stoppen. Das war der Grund, weshalb er sich für die fatale Winterexpedition auf den K2 verpflichten liess.

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Credits: Titelbild Kuno Lechner CC BY-SA 3.0, Bild Flaschenhals Rolf Zemp – CC BY-SA 3.0