Bis vor Kurzem trafen sich die stärksten Kletterinnen und Kletterer der Schweiz im Nationalen Leistungszentrum NLZ bei Biel. Wir hatten Anfang Februar 2020, also vor Ausbruch der Corona-Krise, die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und mit Kevin Hemund, Nationaltrainer der Elite, zu sprechen.

Vor drei Jahren eröffnete der Schweizer Alpen-Club SAC feierlich das Nationale Leistungszentrum NLZ. In einer alten Industriehalle im Osten der Stadt Biel trainiert seither die Schweizer Elite an vier Tagen pro Woche.

Das NLZ, wie es offiziell heisst, nennen die jungen Athletinnen und Athleten untereinander “La Cuisine”. “Hier fühlen wir uns wie Zuhause, fühlen uns wohl. Gleichzeitig ist es auch ein Ort, an dem wir uns aktiv einbringen müssen, unser ‘Ämtli’ haben, ganz wie damals zu Hause in Mama’s Küche”, beschreiben es die Mitglieder von Swiss Climbing.

La Cuisine – das Nationale Leistungszentrum von Swiss Climbing.

Das Zentrum bietet der Schweizer Nationalmannschaft einen geschützten Rahmen, innerhalb dessen sie sich voll und ganz auf das Training konzentrieren können. Die Wände sind, bis auf die Trainingswand (Bild oben), mit nur wenigen, oft grossen Griffen besetzt. So, wie man es auch an Wettkämpfen oft sieht. Das ist denn auch die Idee des Zentrums. Das NLZ in Biel dient der Elite als exklusiver Ort, um sich auf Wettkämpfe vorzubereiten. Mehr über das Nationale Leistungszentrum der Schweizer Nationalmannschaft verriet uns Kevin Hemund, Trainer der Elite.

Das Interview mit Kevin Hemund führte Remo Schläpfer

Wieso braucht es ein Nationales Leistungszentrum für die Schweizer Elite? Warum trainiert ihr nicht in einer bestehenden Halle?
Der wichtigste Grund ist, dass die Bedürfnisse immer mehr auseinander gehen. Die Bedürfnisse eines Wettkampfkletterers sind nicht die gleichen wie die einer Person, die am Feierabend klettern geht. Das hängt nicht nur mit der Schwierigkeit der Boulder zusammen, sondern mit dem Griffmaterial und dem Stil. Es ist schon so, dass einige Hallen auch Boulder im Wettkampf-Stil haben, doch nicht in einer Menge und Frequenz, wie wir es hier haben.

Und wir haben seit der Eröffnung des NLZ auch gemerkt, wie wertvoll es ist, dass wir hier tun und lassen können was und wann wir wollen. Wir können Griffe drehen und Boulder umschrauben, wann es uns passt. Wir können ungestört trainieren, belasten die vielerorts bereits engen Platzverhältnisse in den öffentlichen Hallen nicht und unsere Athletinnen und Athleten können – zum Beispiel bei Wettkampfsimulationen –auch ihren Emotionen freien Lauf lassen. Sie können hier ungestört untereinander sein. Das ist unglaublich wertvoll.

Kevin Hemund (im Bild) betreut zusammen mit Pirmin Scheuber die Schweizer Elite-Nationalmannschaft.

Aber dieser Luxus bringt auch Aufgaben mit sich. Wir reinigen die Matten nach dem Training selbständig, waschen regelmässig Griffe und so weiter. Die Athletinnen und Athleten leisten also auch ihren eigenen Beitrag und ermöglichen damit, dass sie eine solch einzigartige Trainingsmöglichkeit haben.

Das Kletterzentrum Innsbruck gehört zu den grössten und modernsten Halle weltweit. Hier trainiert die Nationalmannschaft Österreichs regelmässig. (Bild Alpenverein Kletterzentrum Innsbruck GmbH)

Die Österreicher und andere Teams trainieren oft in Innsbruck. Ist es für Austria Climbing ein Vorteil, dass sie in Innsbruck trainieren können?
Innsbruck hat eine beeindruckende Kletterhalle, ein topmodernes Leistungszentrum. Unbestritten. Ob es ein Vorteil ist, schwierig zu sagen. Sie profitieren sicherlich davon, dass sie eine solche Infrastruktur und Trainingsmöglichkeit haben. Ich denke aber nicht, dass es die einzige Form ist, gut trainieren zu können. Wir gehen hin und wieder auch nach Innsbruck zum Trainieren. Nach ein paar Tagen sind wir aber jeweils froh, wenn wir wieder hier in Biel trainieren können. Denn in einer Halle wie Innsbruck ist man unter ständiger Beobachtung.  Was, wenn du mal frustriert bist, einen schlechten Tag hast? In einer öffentlichen Halle bist du ausgestellt, viele schauen dir zu, beobachten dich. Es hat fast immer andere Athleten, die Konkurrenzsituation, das gegenseitige Vergleichen ist allgegenwärtig.

“In einer öffentlichen Halle bist du wie ausgestellt. Mit dem Nationalen Leistungszentrum in Biel haben wir einen Raum, um in Ruhe zu trainieren.”

Wie regelmässig trainiert ihr hier in Biel?
Wir sind viermal pro Woche hier. An diesen vier Tagen findet ein begleitetes Training statt.  Aufgrund des Wohnorts und der individuellen Ausbildungs- oder Berufssituation sind jedoch die wenigsten Athletinnen und Athleten an allen Trainings dabei. Es trainieren alle auch an anderen Orten, sei dies in der Region Bern oder Zürich, in der Romandie oder im Wallis.

Welche Art von Training absolviert ihr hier im NLZ?
Unterschiedlich. Es gibt ein Techniktraining, bei dem wir an den Wettkampfwänden spezifische Bewegungen trainieren. Dann gibt es physische Trainings, die wir an der Trainingswand absolvieren und dann gibt es die Wettkampf-Trainings, wie wir es heute hatten. Krafttraining, abgesehen vom Campusboard, machen wir im nahegelegenen Fitnesszentrum. Wir trainieren oft halbtags hier im NLZ und wechseln dann am Nachmittag ins Fitnesszentrum.

Am Tag unseres Besuchs war Wettkampfsimulation im Nationalen Leistungszentrum.

Wieso hat es hier einen Abschnitt der Speedwand?
Die «Speedwand» ist neben der Wettkampfwand etwas vom Wichtigsten, das wir hier haben. Speedklettern ist ein Einstudieren von Bewegungen. Das musst du hunderte, ja tausende Male klettern und einschleifen. Und das machst du nicht die ganze Zeit an der 15-Meter-Wand. Stell dir vor, du willst den Mittelsprung üben und musst immer von unten beginnen. Hier können spezifische Abschnitte einstudiert und verfeinert werden, ohne Seil. Wir können 20 Mal den Sprung üben und müssen nicht jedes Mal an die Stelle hochklettern. Das ist etwas vom Besten, vor allem hinsichtlich Olympia 2020.

“Stell dir vor, du willst den Mittelsprung üben und musst immer von unten beginnen. Mit unserer Wand kannst du einzelne Abschnitte konkret einstudieren.”

IFSC hat alle Griffe, Volumen, etc. definiert, die an den Olympischen Sommerspielen in Tokio zum Einsatz kommen werden. Integriert ihr diese Griffe in euer Sortiment beim Training?
All diese Griffe können nicht einmal wir Schweizer uns leisten (lacht). Nein, es macht auch keinen Sinn, alle im Sortiment zu haben. Klar haben wir den Katalog angeschaut und die ganz speziellen Griffe werden wir auch anschaffen. Aber eine Leiste ist eine Leiste und bleibt auch eine Leiste.

Natürlich gibt es spezielle Volumen, die du im Sortiment haben solltest. Wir haben zum Glück eine gute Zusammenarbeit mit den Griffherstellern Flathold und Cheetah. Das hilft uns schon mal sehr. Aber klar, wir müssen aufstocken und mit den Trends gehen, wir sprechen hier ja auch von Olympia-Vorbereitung. Und das machen wir auch.

Im Nationalen Leistungszentrum sind Volumen und grosse Griffe keine Mangelware.

Abwechslung ist zentral für einen Athleten. Wer schraubt hier im NLZ?
Wir haben, vor allem in diesem Jahr, viele unterschiedliche Personen, auch aus dem Ausland, die hier schrauben, ihre Ideen mitbringen und andere Fertigkeiten in ihren Routen verlangen. Das ist sehr wichtig, aber auch enorm aufwändig. Vor unserer heutigen Wettkampf-Simulation waren drei Routenschrauber hier, die uns die Boulder geschraubt haben. Wer leider nicht mehr hier schraubt, ist Manuel Hassler von Flathold. Als internationaler Routenschrauber, der auch an Olympia im Einsatz stehen wird, möchte er keiner Kritik ausgesetzt sein und schraubt deshalb nicht mehr für die Schweizer Elite.

Wie steht die Schweiz in Bezug auf die finanzielle Unterstützung, im Vergleich zu Österreich oder Japan, da?
Ich habe das Gefühl wir stehen sehr gut da im Vergleich. Wenn unsere Athletinnen und Athleten sich für die Wettkämpfe qualifizieren, dann zahlt der Schweizer Alpen-Club sämtliche Ausgaben. Das ist in vielen anderen Ländern nicht der Fall. Oft musst du selbst für Kosten aufkommen. Bei den Physiotherapeuten haben wir im Vergleich zum letzten Jahr aufgestockt, so dass wir nicht mehr nur bei Grossanlässen Physio-Betreuung haben. Wir erfahren auch grosse Unterstützung von Swiss Olympic und die Athletinnen und Athleten seitens der Schweizer Sporthilfe.

Auch Sascha Lehmann profitiert von der Unterstützung der Schweizer Sporthilfe. (Bild David Schweizer/SAC

Adam Ondra, Elite-Teams zahlreicher Nationen flogen nach Tokio um zu trainieren. Habt ihr auch eine Reise geplant?
Nein haben wir nicht. Wir waren schon einige Male in Tokio. Es ist super und wir gehen immer wieder gerne nach Japan. Wir waren aber der Meinung, den Fokus anders zu legen und vor den Olympischen Sommerspielen nicht noch einmal nach Tokio zu reisen. Wir bereiten uns so auf die Olympischen Spiele vor, wie wir es auch für andere Grossanlässe tun.

Warum gehen denn alle nach Tokio, was macht Tokio so speziell?
Es hat zweifelsohne gute Hallen und es hat unglaublich viele starke Kletterinnen und Kletterer in Tokio. Der Routenbau ist cool, abwechslungsreich und hat einen eigenen Stil. Auch vom Griffmaterial her. Aber an den Olympischen Sommerspielen wird nicht im Tokio-Stil geschraubt. Klar, es werden auch Japaner schrauben, aber das Griffmaterial ist definiert, die Infrastruktur ist neu.

Ich denke es ist sicherlich auch der Spirit und die Mentalität in Tokio, von denen man bei einem Aufenthalt profitieren kann. Japaner haben eine sehr positive Art und Weise an Dinge heranzugehen und sie sehen vieles als spannende Herausforderung. Davon können wir auf jeden Fall profitieren und uns etwas abschauen.

“Japaner haben eine sehr positive Art und Weise an Dinge heranzugehen.”

Wie sieht eine typische Trainingswoche der Schweizer Elite aus?
Die Trainingspläne sind natürlich sehr individuell. Aber wir haben die vier Trainingstage, die fix sind. Am Montag haben wir immer Techniktraining, dienstags haben wir ein «Doppel-Physis-Training» mit Bouldern und Kraftraum, der Donnerstag ist ähnlich wie der Dienstag und am Samstag trainieren wir oft im Wettkampfbereich und an spezifischen Elementen. Und klar, zwischendurch trainiert natürlich jeder für sich.

Trainer Kevin Hemund bespricht die Lösung eines Boulders mit den Athleten.

Macht ihr die Trainingspläne für alle Elitekletterer?
Das ist unterschiedlich und von Athletin zu Athlet individuell gelöst. Wir sorgen dafür, dass alle optimal betreut sind. Wenn jemand mit einem anderen oder zusätzlichen Trainer trainiert, so schauen wir, dass es mit unseren Trainings abgestimmt ist.

Petra Klingler und Sascha Lehmann sind im Olympia-Pool. Was bedeutet das für die beiden?
Petra und Sascha unterstützen wir individuell, in Bereichen in denen Bedürfnisse und Möglichkeiten bestehen. Eine zusätzliche finanzielle Unterstützung oder dergleichen erhalten die beiden jedoch nicht. Mit Sascha hatten wir im Herbst einige Kombinations-Trainings, um ihn auf den Qualifikations-Event in Toulouse vorzubereiten. Es gibt durchaus individuelle Trainings mit den beiden, zum Beispiel im Speed aber auch in anderen Bereichen, sofern das Sinn macht und gewünscht ist.

Die beiden sind für uns natürlich sehr wichtig, weil wir als Verband auch an Olympia gemessen werden. Wir haben mit Swiss Olympic klare Ziele definiert und logischerweise steht für uns als olympische Sportart eine Olympia-Teilnahme zuoberst auf der Prioritätenliste.

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