Die slowenische Ausnahmeathletin gelingt die erste weibliche Begehung einer der ikonischsten und anspruchsvollsten Routen des Sportkletterns und wird damit die zweite Frau überhaupt im Grad 9b+
Am 6. Juni 2026 schrieb Janja Garnbret in Céüse, Frankreich, ein weiteres Kapitel ihrer ohnehin schon außergewöhnlichen Karriere: Mit der ersten weiblichen Begehung von »Bibliographie« meisterte sie eine der schwersten Sportkletterrouten der Welt im Grad 9b+. Vor ihr hatten lediglich fünf Personen die Linie erfolgreich geklettert.
Die 35 Meter lange Route wurde 2009 von Ethan Pringle eingebohrt und 2020 von Alexander Megos erstbegangen. Seither hat sie sich zu einem der bekanntesten Ausdauer-Testpieces des modernen Sportkletterns entwickelt. Charakterisiert durch mehr als 80 fordernde Züge, sah »Bibliographie« bis heute nur eine Handvoll Begehungen. Ursprünglich von Megos nach 60 Tagen des Projektierens mit 9c bewertet, wurde die Route später von Stefano Ghisolfi nach der zweiten Begehung auf 9b+ abgewertet – ein Konsens, der sich seither weitgehend durchgesetzt hat. Garnbret hatte die Route erstmals kurz nach den Olympischen Spielen 2024 probiert, den send holte sie sich nun auf ihrer fünften Reise nach Céüse.

Garnbret reiht sich neben Raboutou ein
Der Durchbruch in den 9b+-Bereich gelang einer Frau erstmals im April 2025: Brooke Raboutou kletterte mit Excalibur in Drena bei Arco als erste Frau überhaupt eine bestätigte Route dieses Grades. Bemerkenswerterweise war diese ihre erste Begehung im neunten Grad überhaupt, womit sie 9a, 9a+ und 9b gleich übersprang. Stefano Ghisolfis steiles Testpiece war bis dahin nur von ihm selbst und William Bosi geklettert worden, inzwischen steht auch Yannick Flohé auf der Liste der Begeher der ikonischen Kingline. Vor Raboutou markierte der Grad 9b die weibliche Spitze des Sportkletterns: Angela Eiter eröffnete diesen 2017 mit »La Planta de Shiva«, ehe unter anderem Laura Rogora und Anak Verhoeven nachzogen.

»Ich war in meiner eigenen Welt«
»Es fühlt sich unglaublich an. Es ist ehrlich gesagt wirklich schwer zu beschreiben. Wenn der Durchstieg passiert, dann läuft es einfach, alles ist perfekt. Man spürt im Grunde nicht mehr, was man klettert«, beschreibt Garnbret den entscheidenden Moment. Für die 27-Jährige war der erfolgreiche Durchstieg die Krönung eines Prozesses, der nicht nur körperliche Stärke, sondern auch Geduld und Beharrlichkeit verlangte.
Ich glaube, über die vergangenen fünf Trips habe ich viel über mich selbst gelernt. Ich habe viel über Céüse und über die Route gelernt. Vielleicht war ich weniger nervös als bei früheren Versuchen. Diese zwei Wochen haben mich auf eine Weise gefordert wie nichts zuvor. Sie haben meine Geduld wirklich getestet.
Janja Garnbret
Statt auf einen geplanten finalen Versuch hinzuarbeiten, kam der Durchstieg unerwartet. »Eigentlich war ich dabei mich in der Route aufzuwärmen, aber ich fühlte mich einfach perfekt und machte weiter. Ich war einfach in meiner eigenen Blase, in meiner eigenen Welt, und tat das, was ich am meisten liebe. Anders als an anderen Tagen waren nur wenige Leute am Fels, kein lautes Anfeuern. Es war einer der friedlichsten Momente meiner Kletterkarriere.«

Perfekte Bedingungen am letzten Tag
Die erfolgreiche Begehung gelang an Garnbrets letztem Klettertag in Céüse, bevor sie auf die Wettkampfbühne zurückkehrte. Nach warmen Bedingungen über den gesamten Trip hinweg fand sie schliesslich das Zeitfenster, auf das sie gewartet hatte. Deutlich kühlere Temperaturen und kräftiger Wind sorgten für perfekte Verhältnisse und idealen Grip auf dem kompakten Kalkstein.
»Dieser Durchstieg ist das Ergebnis von allem, was ich in den vergangenen zwei Jahren gelernt habe. Diese Route hat mir gezeigt, dass mit einem ruhigen Kopf und mit Geduld alles möglich ist«, betont Garnbret. »Wenn es dann endlich passiert, ist es ein unglaubliches Gefühl. All die Arbeit, all das Engagement, die Geduld – wenn alles zusammenkommt, ist es überwältigend. Heute fühlt sich mein Herz sehr erfüllt an.«
Mit Blick auf den anstehenden Weltcup in Innsbruck, wo sie ihre Siegesserie auf 50 anheben kann, will die Slowenin auf dieser Leistung aufbauen. »Das ist etwas, woran ich mich für immer erinnern werde. Es wird mir bei zukünftigen Fels-Projekten helfen, im Wettkampf, im Training und in allem, was ich im Leben tue.«

GOAT im Wettkampf und am Fels
Als wohl erfolgreichste Wettkampfkletterin der Geschichte hat die 27-Jährige zwei olympische Goldmedaillen, zehn WM-Titel und eine Rekordzahl an Weltcupsiegen gesammelt. Während ihre Erfolge das Wettkampfklettern im vergangenen Jahrzehnt neu definiert haben, markiert Bibliographie ihre bislang bedeutendste Begehung am Fels.
Diese Route hat ein Feuer in mir entfacht. Sie hat mich etwas Besonderes spüren lassen, und ich kam immer wieder zu ihr zurück. Sie hat mir definitiv geholfen, eine bessere Athletin und bessere Kletterin zu werden.
Janja Garnbret
Statt sich auf Grade oder Vergleiche zu fokussieren, hat Garnbret wiederholt ihre Leidenschaft fürs Klettern selbst betont. »Ich mache das nicht, um irgendetwas zu beweisen. Ich liebe das Klettern einfach, und ich denke, das ist erst der Anfang«, sagte sie. »Ich möchte die nächste Generation inspirieren, keine Angst vor dem Grad zu haben. Es spielt keine Rolle, ob es eine Männer- oder Frauenroute ist – es ist eine Route!«
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Credits Titelbild: Jessica Glassberg / Red Bull Content Pool

