Anfang des Monats kommunizierten die Erstbegeher um Jörg Andreas ihre neue Route an den Wendenstöcken im Berner Oberland (Gran Paradiso, 8c). Wenige Tage später entfernten die beiden Locals Yannick Glatthard und Michal Pitelka die Bohrhaken. Sie kritisieren den Bohrstil der Einrichter scharf.

Voller Enthusiasmus erreichte uns die Meldung des deutschen Kletterers Jörg Andreas Ende September:” Alle Seillängen wurden von Jörg Andreas rotpunkt geklettert. Gran Paradiso gehört wahrscheinlich zu den schwersten Mehrseillängenrouten in den Schweizer Alpen.” Wenige Tage später fuhren Yannick Glatthard und Michal Pitelka ins Gebiet, um die Route anzuschauen. Die beiden Locals störten sich an dem angewendeten Bohrstil und entfernten sämtliche Bolts der Route Gran Paradiso.

Die beiden kritisieren die Erstbegeher um Jörg Andreas scharf für deren Bohrstil. Die Route sei mit Hakenabständen von 50 Zentimeter “zugebohrt” und passe nicht in das für seine weiten Hakenabstände bekannte Gebiet der Wendenstöcke. Zudem führe die Linie zu nah entlang der klassischen Linie der Route Zahir. Wir haben beide Seiten kontaktiert und um eine Stellungnahme gebeten.

Yannick Glatthard zur Räumungsaktion der Route Gran Paradiso an den Wendenstöcken

LACRUX: Du hast zusammen mit Michal Pitelka die Route Gran Paradiso rückgebaut, sprich die Haken entfernt. Was hat euch dazu bewogen?
Yannick: Ich wurde bereits im Jahr 2018 darauf aufmerksam gemacht, dass eine neue Route eingerichtet wird und diese sehr nah an anderen Routen verlaufe. Die Route sei in einem schlechten Stil eingerichtet und sollte entfernt werden. Ich wurde natürlich ringhörig und wollte mir die Route anschauen. Die Route habe ich dann wieder aus den Augen verloren und andere Projekte kamen dazwischen. Als wir feststellten, dass das Topo veröffentlicht wurde, klingelten bei uns die Alarmglocken. Wir waren beunruhigt, dass die Route wiederholt wird und sich dieser Einrichtungsstil im Gebiet etablieren könnte. Wir wollen kein Routendurcheinander und Bohrhakenabstände wie in einer Techno-Route. Mit dem Entfernen von Gran Paradiso wollen wir ein klares Zeichen setzen. Dieser Routenstil passt nicht in die Wendenstöcke.

Der instagram-Beitrag von Yannick Glatthard

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Die neue Route namens « Grand Paradiso » an den Wendenstöcken ist wieder weg! Letzte Woche haben Michal Pitelka und Ich die Route aus folgenden Gründen entfernt: Von unten bis ganz oben wurden ca. alle 50cm ein 8mm Loch gebohrt um sich hochzuziehen. Die Grand Paradiso kommt der Zahir, welche zu den schönsten Routen an den Wendenstöcken gehört, viel zu nahe. Eine 8c in diesem Gelände zu bohren ist eine grosse Leistung jedoch sollte aus meiner sicht dies nichts am Bohrstyle ändern und wir wollen den bisherigen Style in diesem Gebiet beibehalten. Mit 8mm Löchern, welche zum hoch Aiden gedient haben und zwei gebohrten Griffen, verändert mann den Fels einfach zu stark.

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LACRUX: Hast du vorgängig oder im Nachgang mit den Erschliessern gesprochen?
Yannick: Nein. Die Route existierte bereits und es war uns klar, dass Jörg Andreas hinter seiner Route steht und auch hinter dem Bohrstil. Von dem her hätte eine Diskussion zu keinem Ziel geführt. Wir haben Jörg am Morgen vor der Entfernung der Bohrhaken am Parkplatz getroffen und ihm gesagt, wir würden die Route anschauen. Zu dem Zeitpunkt waren wir noch nicht sicher, ob wir die Route entfernen werden oder nicht. Aber klar, wir gingen kritisch an die Route heran. Und unser ungutes Gefühl hat sich beim Abseilen schnell bestätigt.

LACRUX: Gemäss Kommentaren in deinem instagram-Post haben die Erschliessern um Jörg Andreas im Sommer 2018 Abfall im Gebiet liegen lassen. Was ist genau passiert? Kannst du mehr dazu sagen?
Yannick: Diesen Kommentar gibt es. Ob der Abfall wirklich von den Erschliessern von Gran Paradiso war, weiss ich nicht.

LACRUX: Jörg Andreas sagte uns gegenüber, er sei über die Aggression der lokalen Kletterer, die sich gegen ihn und seine Freunde richtet, schockiert. Was sagst du dazu?
Yannick: Auf instagram gab es sicherlich sehr kritische Kommentare. Mir ist aber wichtig zu betonen, dass es sich nicht um einen persönlichen Angriff Jörg gegenüber handelt. Es geht um die Sache, sprich die Route, die er eingerichtet hat. Unserer Meinung nach wurde mit der Route der Fels verunstaltet.

Didier Berthod hat einmal gesagt, der Fels solle nicht so verändern, dass er für den Kletterer zugänglicher werde. Viel mehr müsse der Kletterer stärker werden, um mit dem Felsen zurecht zu kommen. Unserer Meinung nach ist das im Falle von Gran Paradiso nicht gegeben.

Unsere Aktion hat nichts mit “Aggression” zu tun. Ganz im Gegenteil. Es fiel mir schwer, die Haken zu entfernen, im Bewusstsein, dass die Erschliesser viel Zeit in das Projekt investierten. Doch ich wusste, dass es für eine Gute Sache ist und das man ein Statement hat abgeben musste.

Jörg Andreas über die Entfernung der Bohrhaken aus der von ihm eingerichteten Route Gran Paradiso

Nach dem instagram-Beitrag von Yannick Glatthard äusserten sich weitere Kletterer kritisch gegenüber den Erstbegehern. Der Profikletterer Cédric Lachat kommentiert im Beitrag von Yannick, sein Fixseil sei von Jörg Andreas entfernt worden und Tobias Suter schreibt, die Erstbegeher hätten Müll im Gebiet liegen lassen. LACRUX hat Jörg Andreas gebeten, sich zur Entfernung seiner Route und zur geäusserten Kritik zu äussern. Anbei seine Stellungnahme.

Wir als Erstbegeher von Gran Paradiso finden dass Verhalten von Yannick Glatthard und Michal Pitelka vollkommen inadäquat. Das eigenmächtige Entfernen der Haken, ohne vorher eine Gespräch zu suchen, hat etwas von „Kletterpolizei“ und dem Schaffen von Tatsachen an sich. Dabei wäre ein klärendes Gespräch durchaus greifbar gewesen. Am selben Wochenende, war ich als einer der Erstbegeher mit Locals im Gebiet unterwegs, um die Route „La Svizzera“ zu klettern. Wir trafen Yannik und Michal sogar Samstag früh am Parkplatz auf der Wendenalp. Am Sonntag (wir waren in La Svizzera) wurden die Haken aus Gran Paradiso entfernt und theatralisch an unserem Auto platziert. Ein paar Trophäenbilder für den coolen Instagram – Auftritt wurden natürlich noch geschossen.

Die Route Gran Paradiso stammt aus den Sommern 2018 und 2019. Sie befindet sich zwischen Zahir und Jednika. Die Route setzt sich von Zahir ausreichend ab und liegt nie näher als fünf Meter, im oberen Teil meist zwischen zehn und zwanzig Meter links der besagten Linie. Zahir selbst kenne ich sehr gut von der eigenen Wiederholung.

Die womöglich schwerste Route der Schweizer Alpen: Gran Paradiso (8c) an den Wendenstöcken
Jörg Andreas bei der Erstbegehung der Route Gran Paradiso.

Um eines vorab klarzustellen, Gran Paradiso enthält keinen einzigen gebohrten oder geschlagenen Griff. Diese Behauptung ist schlichtweg unwahr. Es gibt ein paar wenige ausgebrochene Schuppen und Flakes, die uns bei der Erstbegehung entgegenkamen. So etwas kann man nicht verhindern und diese Ausbrüche hinterlassen auch Abbruchkanten.

Die Route wurde unter Zuhilfenahme von Cliffs und Skyhooks erstbegangen. Dort, wo diese Methode aufgrund der geschlossenen Felsstruktur nicht funktionierte, wurde ausgehend vom Hook mit einem Hilfsloch gearbeitet, um den Bohrhaken an die richtige Stelle zu bekommen. Die Aussage, die Route enthalte von oben bis unten alle 50cm Hilfslöcher ist ebenso an den Haaren herbeigezogen wie die Sache mit den Kunstgriffen.

Alle anderen Vorwürfe uns gegenüber sind noch abstruser. Müll, das heißt alte Materialsäcke, alte Fixseilstücke und Plastikflaschen, fanden wir im Juli 2018 am Einstiegsband der Zahir schon vor. Während unserer Erstbegehungszeit hing typischerweise ein Haulbag am Einstieg, den wir bei der Abreise – mit dem Müll anderer aufgepimpt – wieder mit hinunternahmen.

Cedric Lachat haben wir im September 2019 auf der Wendenalp samt Filmteam getroffen. Er erzählte uns von seinem abgeschnittenen Seil und zeigte uns Fotos davon. Diese Sache muss jedoch vor unserer Anreise geschehen sein. Wir haben sein besagtes Seil jedenfalls nie zu Gesicht bekommen.

Jörg Andreas in der Schlüssellänge der Route Gran Paradiso.

Abschließend noch ein paar Worte zur Erstbegehungsethik schwerer Routen in Bezug auf Gran Paradiso.

In vielen Routen im Grenzbereich, wie auch in der Gran Paradiso, steht die klettertechnische Schwierigkeit und nicht die handwerkliche Betriebsethik des Einbohrens im Vordergrund. Dies liegt auch darin begründet, dass es in den aufgerufenen Schwierigkeitsgraden Wandpassagen gibt die zwar kletterbar sind, die jedoch kaum Möglichkeiten bieten sich per Skyhook zu fixieren. Was macht der Erstbegeher aber nun in solchen Wandpassagen? Ganz klar: In solchen Passagen klettert er in unbekanntem und ungeputzem 8b+ Gelände mal schnell fünf oder sechs Meter hoch und schaut, ob oben nicht doch ein Leistenband kommt. So die alpine Märchenerzählung.

In Wirklichkeit „bescheißt“ in solchem Gelände jeder Erstbegeher auf seine Weise. Der eine quert raus, klettert einen Bogen und hängt von oben erstmal ein Fixseil zum auschecken rein. Der andere „verbohrt“ sich gern öfter mal und schlägt die redundanten Zwischendübel nach geglückter Eroberung wieder ins Bohrloch hinein. Gerade diese „Erstbegehungstechnik“ der eliminierten Zwischenhaken, kenne ich aus mehr als 20 Jahren alpiner Routensammlung zur Genüge. Ich möchte keine Beispiele nennen, es gibt sie aber zur Genüge. Freuen tut es dann die Wiederholer, die beim ausbouldern solcher Längen, weit über dem letzten Haken stehend auf die reingedroschenen Dübel schielen.

In Gran Paradiso haben wir trotz der reinen Schwierigkeit darauf geachtet, sie sehr zugänglich zu gestalten. In Bezug auf die Erstbegehung haben wir auch nie behauptet, eine besonders edle oder heldenhafte Ethik umgesetzt zu haben. Die sportliche Herausforderung des Kletterns stand für uns ganz klar im Vordergrund. Wir müssen mit der Erstbegehung auch niemandem etwas beweisen. Aus dem Alter sind wir glücklicherweise raus.

Ein wirklicher Verlust erscheint uns jedoch, dass die Grand Paradiso ein sportlicher Leckerbissen für herausragende Kletterer gewesen wäre. Die Tagesbegehung der fünf 8’ter Längen schien uns eine verdammt coole Sache auch für andere, stärkere Kletterer zu sein. Dem ist nun erstmal nicht mehr so. Dank den Helden aus dem Haslital.

Für das Erstbegeherteam, Jörg Andreas

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Credits: Titelbild Yannick Glatthard

Transa

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