Viel wurde nun über das umstrittene Kombi-Format diskutiert, das an Olympia ausgetragen wurde und die ersten Olympiasieger kürte. Vor allem die Frage, ob die Speed-Disziplin die Rangliste verfälschte, stand im Zentrum. Wir sagen: ja. Doch dem Spektakel tat der vertikale Sprint gut.

Eigentlich sind die Debatten über das kombinierte Format, zumindest in Hinblick auf Olympia, hinfällig. Denn bereits 2024 wird in Paris ein anderes Format ausgetragen, mit Speed als separater Disziplin. Multipliziert werden da nur noch Bouldern und Lead. ‘Gut so’, finden die einen, so bleiben die beiden Kerndisziplinen des Sportkletterns unter sich.

‘Schade’, finden die anderen (wenngleich die Minderheit) – denn dank der unberechenbaren Speeddisziplin war es vom Anfang bis zum letzten Moment spannend.

Fast alle Prognosen bei den Männern lagen falsch.

Favoriten und Underdogs waren schon im Vorfeld schwierig zu ermitteln, vor allem weil Speed die grosse Unbekannte darstellte. So lagen zumindest bei den Männern fast alle Prognosen falsch. Alberto Gines Lopez, der vielen bis dato nur entfernt ein Begriff war, siegte. Während etwa Grossmeister Adam Ondra leer ausging. Der eine war im Speed top, der andere im Lead.

Alberto Gines Lopez kann sein Glück kaum fassen. (Bild Leo Zhukov/IFSC)
Alberto Gines Lopez kann sein Glück kaum fassen. (Bild Leo Zhukov/IFSC)

Auf der Rangliste verwandelte sich das in Rang 1 für Gines Lopez – und Rang 6 für Ondra. Wohl nur deshalb war Gines Lopez im ersten Moment nicht der euphorischste Olympiasieger aller Zeiten. Seine Gestik schien zu bedeuten: «Wie ist denn das jetzt passiert?»

Und das wirft die Frage auf: wiederspiegelt die Rangliste die erbrachten Leistungen?

Duffy eigentlich der Beste

Eine Eigenheit des kombinierten Formats ist, wenig überraschend, die Rechnerei. Für die Zuschauer ein Spektakel, für die Athleten ein Nervenspiel: eine Zone oder ein Top mehr konnte die Rangliste auf den Kopf stellen. In der Leadroute dasselbe: Dass mit Schubert der letzte Athlet bis zum Umlenker kletterte, veränderte die ganze Situation derart, dass lange gar nicht klar war, wer jetzt wo steht in der Rangliste.

Colin Duffy im Boulderfinal der Olympischen Sommerspiele in Tokio. (Bild Dimitris Tosidis/IFSC)
Colin Duffy im Boulderfinal der Olympischen Sommerspiele in Tokio. (Bild Dimitris Tosidis/IFSC)

Doch im Nachhinein waren es nicht die Disziplinen Boulder oder Lead, die unter die Lupe genommen wurden, sondern vor allem Speed. Einerseits weil diese Disziplin eh schon einen gewissen Daseinsberechtigungskampf in der Szene führt. Anderseits weil der im Final ausgetragene K.O.-Modus zu willkürlichen Resultaten neigt, mit grossen Konsequenzen in der Schlussrangliste. Zwei Beispiele:

  • Wäre Tomoa Narasaki im unteren Teil der Speedroute, ausgerechnet in seinem Tomoa-Skip, nicht ausgerutscht, hätte er letztlich Gold geholt. Doch statt Tomoa-Skip hiess es Tomoa-Slip und am Ende den undankbaren vierten Rang für den Japaner.
  • Der Amerikaner Colin Duffy landete auf dem 7. Finalrang, obschon seine Leistung sehr gut war. Als einziger Athlet kämpfte er sich in allen drei Disziplinen unter die Top 5. Er war im Bouldern und Lead besser als Olympiasieger Gines Lopez – und eigentlich war er auch im Speed besser als der Spanier. So war seine Bestzeit des Tages (6.35 Sekunden) schneller als jene von Gines Lopez (6.42 Sekunden).

Das Speed-Dilemma

Abgesehen jeglicher Speed-Animositäten muss man festhalten: Der vertikale Sprint hatte einen grossen Einfluss auf den Ausgang des gesamten Wettkampfes. Die Frage ist: hatte die Disziplin einen unverhältnissmässig hohen Einfluss?

Adam Ondras Leistung im Boulderfinal war nur mittelmässig. (Bild Dimitris Tosidis/IFSC)
Adam Ondras Leistung im Boulderfinal war nur mittelmässig. (Bild Dimitris Tosidis/IFSC)

Ganz nüchtern betrachtet, müsste man sagen: nein. Als eine von drei Disziplinen stand Speed für einen Multiplikationsfaktor, nicht mehr und nicht weniger. Alle Athletinnen und Athleten kannten das Format, hatten Zeit, sich darauf einzulassen und eine Strategie zu entwerfen. Wer sich dazu entschied, Speed weniger ernst zu nehmen, musste die Hypothek halt in den beiden anderen Disziplinen rausschlagen. So gemacht von Janja Garnbret, die ihrer Rolle als Überfliegerin am Ende gerecht wurde. Adam Ondra muss hier als Gegenbeispiel herhalten: Mit dem vierten Speedrang war er auf Medaillenkurs, den er mit einer mittelmässigen Boulderleistung verspielte.

Als eine von drei Disziplinen stand Speed für einen Multiplikationsfaktor, nicht mehr und nicht weniger.

Auf der anderen Seite kann man gute Gründe finden, weshalb Speed sehr wohl die Rangliste verfälschte. Bei den Frauen landete die polnische Speedspezialistin Aleksandra Mirsolav auf dem vierten Schlussrang, ihr Score betrug 64 und war damit identisch mit jenem von Bronzegewinnerin Akyo Noguchi. Während Noguchi in allen Disziplinen gute Leistungen zeigte, widerspiegelt Miroslavs vierter Rang nur ihre Speedleistung; sie brachte sowohl im Bouldern als auch im Lead nur wenig zustande.

Aleksandra Miroslaw landete dank ihres Speedresultates auf Rang 4. (Bild Dimitris Tosidis/IFSC)
Aleksandra Miroslaw landete dank ihres Speedresultates auf Rang 4. (Bild Dimitris Tosidis/IFSC)

Wettkampfglück fällt mehr ins Gewicht

Speed ist weniger komplex als Bouldern und Lead. Die beiden Kernbegriffe des Kletterns «onsight» und «flash» fallen im Speed weg, während «Zeit» ein gemeinsamer Nenner von allen drei Disziplinen ist (auch bei Boulder und Lead tickt die Uhr). Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit sind im Speed untergeordnet. Das macht die Disziplin wesentlich eindimensionaler. Es geht von A nach B auf der immergleichen Route. Wer will kann sie sich antrainieren, bis er sie im Schlaf kann. Die grösste Herausforderung besteht darin, auf den Punkt die beste Leistung zu bringen.

Speedklettern ist wesentlich eindimensionaler als Bouldern oder Leadklettern. Es geht von A nach B auf der immergleichen Route.

Durch den K.O.-Modus in den Finalläufen fällt das Wettkampfglück mehr ins Gewicht. Ein Ausrutschen, ein Fehlstart oder das Verfehlen des Buzzers hat im Speed sofort unkorrigierbare Konsequenzen, was die Rangliste insgesamt ein stückweit willkürlich macht.

Die Teilnehmer des Finals an den Olympischen Sommerspielen. (Bild Dimitris Tosidis/IFSC)
Die Teilnehmer des Finals an den Olympischen Sommerspielen. (Bild Dimitris Tosidis/IFSC)

Im Männerfinal war Gines-Lopez’ entscheidender erster Rang durchaus auch eine glückliche Fügung. Basteln wir das zusammen: Hätte Colin Duffy in der ersten Runde keinen Fehlstart hingelegt, wären die Chancen gutgestanden, dass er Gines Lopez den Weg in den Halbfinal verwehrt hätte (jedenfalls war seine Bestzeit des Tages besser als jene von Gines Lopez). Im Halbfinal musste Gines Lopez dann «nur» gegen Adam Ondra antreten, anstatt gegen den klaren Favoriten Bassa Mawem, der verletzt ausgefallen war.

Hätte Colin Duffy in der ersten Runde keinen Fehlstart hingelegt, wären die Chancen gutgestanden, dass er Gines Lopez den Weg in den Halbfinal verwehrt hätte

Dass Gines Lopez überhaupt im Speedfinal stand, hat also eine Menge mit Zufall zu tun (ohne seine Leistung schmälern zu wollen). Dass er dann noch Rang 1 holt, ist noch einmal dem Wettkampfglück geschuldet, als sein Konkurrent und klarer Favorit Narasaki ausrutscht.

Summa Summarum: hätte, wäre, würde… Doch genau das bringt es auf den Punkt: Speed neigt eher zu einem willkürlichen Resultat als Bouldern und Lead.

Fürs Publikum ein Verlust

Nun wurde ja mit der Separierung von Speed für Paris 2024 bereits die Konsequenz gezogen. Dennoch muss man festhalten: ganz verkehrt war die Austragung in Tokio nicht. Dass wir Athleten wie Ondra oder Megos ausserhalb ihrer Komfortzone beobachten durften, hatte auch seinen Reiz. Für das nicht-kletternde Publikum war zudem die Speeddisziplin die wohl interessanteste und am besten nachvollziehbare. Dass die olympische Regie beim Bouldern zuweilen Animationen einblendete, die einem sagten, dass die Zonenleiste 10 cm breit ist, zeigte, dass Klettern immernoch eine Randsportart ist, die erklärt werden muss: «Sich hier zu halten ist übrigens schwierig». Dagegen bedurfte es keiner grossen Erklärungen beim Speed: wer zuerst oben ist, ist eine Runde weiter – temporeiche Kopf-an-Kopf-Rennen zum Mitfiebern. Das muss ein Sport auch liefern können, um eine breite Akzeptanz zu gewinnen.

So bleibt das Fazit: für eine Rangliste, die wahre Kräfteverhältnisse wiedergibt, ist die Verbannung von Speed aus der Kombinationsrechnung die richtige Lösung. Das Spektakel dürfte darunter leiden.

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Credits: Titelbild Dimitris Tosidis/IFSC

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