Keine Kletterdisziplin boomt so stark wie Bouldern. Zeit für einen Blick zurück zu den Wurzeln der Trend-Sportart und Olympia-Disziplin.
Auch wenn sich die konkrete Zahl aller Boulderinnen und Boulderer weltweit nur schätzen lässt, gilt im Jahr 2026 für viele: Wer nicht selbst regelmäßig bouldert, kennt mindestens eine Person, die es tut.1
Aber wo liegen eigentlich die historischen Wurzeln des so beliebten Sports, der laufend neue Boulderhallen und spektakuläre Wettkampf-Formate produziert? Wir wagen einen Exkurs in die Geschichte des Boulderns – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber dafür mit garantiertem Trivia.
Fontainebleau – die Wiege des modernen Boulderns
Rund eine Autostunde südlich von Paris liegt der Wald, in dem alles begann. Der »Forêt de Fontainebleau« wurde aber nicht zuerst von Kletterern entdeckt (von denen es damals eh kaum welche gab), sondern von Malern und Spaziergängern, die es aus der Großstadt ins Grüne zog. Nur gibt es dort nicht nur Bäume, sondern eine unglaubliche Vielfalt an Sandstein-Formationen, die seit 1330 auch die Straßen von Frankreichs Hauptstadt pflastern.
Welches Potenzial der Wald für den noch sehr jungen Klettersport hatte, wurde erst im späten 19. Jahrhundert entdeckt. Ab 1874 trainierten die Mitglieder des Club Alpin Français an den unzähligen Blöcken für ihre nächsten alpinen Abenteuer. Als Boulderer kann man sie aber nur rückblickend bezeichnen: Denn Bouldern war damals noch keine eigene Sportart – sondern Vorbereitung für den »echten« Bergsport, der in den Alpen stattfand.

Mit dem, was dann passierte, hatten die gestandenen Alpinisten wohl nicht gerechnet: Sie verliebten sich in die Kletterei an den einzigartigen Felsen mit ihren technischen Bewegungen. 1924 wurde daraufhin die wohl erste Bouldergruppe der Welt gegründet: Die Groupe de Bleau bestand aus Kletterern und Alpinisten, die sich ganz diesem Teil des Sports widmen wollten.
Einem ihrer bekanntesten Mitglieder schulden wir alle bis heute Dank: Pierre Allain entwickelte in den 1930er Jahren den ersten Kletterschuh mit Gummisohle. Damit waren (fast) alle wichtigen Grundsteine gelegt, um die Grenzen des Bouldersports auszutesten – nur kommerzielle Crashpads erschienen erstaunlicherweise erst in den 1990er Jahren (!).

Parcours-Bouldern in »Bleau«: Farbe mit System
Dass wir in vielen Boulderhallen nach einem farbigen Parcours-System gebouldert sind – und es teilweise noch heute tun – hat seinen Ursprung ebenfalls in Fontainebleau. 1947 markierte der »Bleausard« (so der Name für die Boulder-Locals) Fred Bernick den ersten Parcours im Gebiet Cuvier Rempart.
Dabei versah er ringsum Boulderprobleme mit einer Nummer in der gleichen Farbe, um eine Reihenfolge zu simulieren. Die Farbe des Parcours markierte später die Schwierigkeit – und noch heute bouldern jedes Jahr tausende Besucher*innen in Fontainebleau in den vielen Parcours, die vor allem in den 1950ern um zahlreiche Sektoren erweitert wurde.

Bouldern in der Welt und der Weg durch die Grade
Fontainebleau gilt als unumstrittene Wiege des Bouldersports. Insgesamt gibt es dort heute fast 30.000 Boulderprobleme. Seit 1996 steht der Wald außerdem auf der Vorschlagsliste Frankreichs zum UNESCO-Welterbe. Der einzige Ort, an dem schon früh gebouldert wurde, ist der »Forêt« aber nicht.
Denn es gibt auch viele Belege für Boulderaktivitäten oder -vorläufer in anderen Teilen der Welt – insbesondere in den USA und Großbritannien, die heute zwei der größten Bouldernationen sind. So soll es in Schottland sowie im englischen Lake District der 1880er Jahre eine kleine Boulder-Szene gegeben haben. Auch in den USA gab es spätestens ab den 1960er Jahren eine wachsende Community, die sich dem Bouldern als eigenständige Disziplin widmeten.
Mit der wachsenden Popularität des Sports im Laufe der 1980er und 1990er Jahre wurden schließlich die verschiedenen Schwierigkeitsskalen entwickelt, um den Anspruch von Boulderproblemen genauer und einheitlicher zu bewerten. Die Fontainebleau-Skala, entwickelt aus dem UIAA-System, wurde in den meisten Ländern Europas zur Standard-Skala im Bouldern. In den USA dominiert die V-Skala, die vom US-Amerikaner John »Vermin« Sherman geprägt wurde. Darüber hinaus gibt es weitere Skalen in anderen Teilen der Welt.
Erster Boulder des Grades mit Erstbegeher & Jahr (Auswahl)
- 5+ »La Fissure des Alpinistes«, Fontainebleau, Pierre Allain (1934)
- 6A »La Marie Rose«, Fontainebleau, Rene Ferlet (1946)
- 6B »La Stalingrade«, Fontainebleau, Paul Jouy (1950)
- 6C/+ »La Carre d’As«, Fontainebleau, Paul Jouy (1950)
- 7A »Le Joker«, Fontainebleau, Robert Paragot (1953)
- 7B, »Gill Right Problem«, Tetons, John Gill (1958)
- 7C »Gill Dynamic Route«, Tetons, John Gill (1959)
- 8A »Meathook«, Colorado, Jim Holloway (1977)
- 8A+ »Trice«, Colorado, Jim Holloway (1975)
- 8B »Slapshot«, Colorado, Jim Holloway (1977)
- 8B+ »Nanuk«, Berchtesgaden, Klem Loskot (1997)2
- 8C »Gossip«, Frankenjura, Markus Bock (2002)3
- 8C+ »Hyptonized minds«, Colorado, Daniel Woods (2010)4
- 9A »Burden of Dreams«, Lappnor, Nalle Hukkataival (2016)
- 9A+ »Exodia«, Piemont, Elias Iagnemma (2025) – unbestätigt
Boulder-Weltcup: eine Bühne für die Elite
Während am Fels die Grenzen des Machbaren immer weiter verschoben wurden, etablierten sich Mitte der 1980er Jahre auch erste Kletter-Wettkämpfe – anfangs sogar noch am Fels und nicht an künstlichen Griffen. Dabei ging es allerdings zunächst nur um die Disziplin Lead, die damals als selbst noch junge Sportart deutlich präsenter war.
Bouldern feierte schließlich sein Wettkampf-Debüt bei der »Top Rock Challenge« 1998. Der Erfolg des Test-Events sorgte schließlich dafür, dass Bouldern ab 1999 im Weltcup aufgenommen wurde – etwas später als die Schwesterdisziplin am Seil.
Zum Vergleich: Als der erste IFSC Boulder-Weltcup im spanischen Benasque veranstaltet wurde, gab es die Lead-Weltcupserie bereits zehn Jahre. Sogar Speedklettern war mit seinem Debüt 1998 ein Jahr eher dran. 2001 wurde Bouldern auch ins Programm der Weltmeisterschaften aufgenommen.

Von Oldschool zu Newschool zur Next Generation
In seinen fast 30 Jahren hat der Boulder-Weltcup einiges mitgemacht: mehrere Änderungen im Format, neue Gastgeber-Städte, Länder und Kontinente, sowie eine ständige Weiterentwicklung des Routenbaus weg von den kleinsten Leisten hin zum heutigen modernen und dynamischen Stil. Dabei hat die Szene viele Gesichter kommen und gehen sehen – viel mehr, um zu versuchen sie alle hier zu nennen.
Zeit für einen kurzen Blick auf den Medaillenspiegel bleibt trotzdem: Wer die bis heute meisten Siege im Boulder-Weltcup eingefahren hat, dürfte wenige überraschen: In Janja Garnbrets Schrank hängen beachtliche 18 Goldmedaillen im Bouldern – von 49 Weltcup-Goldmedaillen insgesamt. Den Rekord für die meisten Gesamttitel im Weltcup teilt sich die Slowenin derzeit noch mit der französischen Lead-Spezialistin Sandrine Levet. Beide haben jeweils zehn Weltcup-Serien gewonnen.
Der erfolgreichste männliche Weltcup-Boulderer aller Zeiten kommt aus Österreich, dessen Team er bis vor kurzem auch lange trainiert hat: Kilian Fischhuber.

Bouldern wird olympisch
Mehr als 20 Jahre nach seinem Weltcup-Debüt schaffte es Bouldern 2021 schließlich auf die ganz große Bühne. Aus der Nische des Nischensports wurde bei den Spielen in Tokio erstmals eine olympische Disziplin – anfangs noch in Kombination mit Lead und Speed.
Alberto Ginés López und Janja Garnbret krönten sich als erste Olympiasieger*innen im Sportklettern – mitten in der Corona-Pandemie. Zuvor waren die Spiele von 2020 auf 2021 verschoben worden.

Für eine eigene Medaille im Bouldern sollte es aber noch zwei Olympiaden dauern. Bei den Spielen in Paris 2024 wurde Bouldern gemeinsam mit Lead vom Speedklettern getrennt – eine Entscheidung, die bei den Athlet*innen durch die Bank für Erleichterung sorgte. Beim zweiten Olympia-Auftritt des Boulderns zählte die Disziplin damit noch ein Stückchen mehr als noch 2021 in Tokio. Mit dem Combined-Format kamen auch Änderungen in der Weltcup-Wertung, um sich mehr an Olympia anzugleichen.
2028 wird Bouldern bei den Olympischen Spielen in Los Angeles zum ersten Mal mit separaten Medaillen vertreten sein. Als Teil der Programmsportart Sportklettern wird Bouldern damit auch im Mainstream als eigenständige Disziplin gewürdigt. Nach zwei olympischen Events, die vor allem Allround-Talente belohnt haben, kommt jetzt die Zeit für die Boulder-Spezialist*innen, um in ihrer Paradedisziplin zu glänzen – vor den Augen der ganzen Welt.
Am Fels purzeln die schwersten Grade
Aber zurück an den Fels – dorthin, wo trotz aller Wettkämpfe und medialer Aufmerksamkeit die eigentlichen Wurzeln des Boulderns liegen. Spätestens seit den 2010er Jahren hat hier das Tempo, mit dem die schwersten Probleme der Welt geklettert werden, um mehr als nur einen Gang angezogen. Auch die Zahl der Boulder*innen, die in den aktuell höchsten Schwierigkeiten aktiv sind, wächst ungebrochen.
Zur Veranschaulichung: Zwischen der ersten 9A der Welt, Nalle Hukkataivals »Burden of Dreams« in Lappnor von 2016, gab es insgesamt 44 Begehungen im höchsten bestätigten Bouldergrad der Welt. Seit 2021 sind mehrere 9A-Begehungen pro Jahr Usus geworden – in 2026 fühlen sich wöchentliche 9A-News irgendwie ganz normal an.
2025 hat die Weiterentwicklung der Grade hat fast zehn Jahre nach der ersten 9A den logischen nächsten Schritt gemacht: Der Italiener Elias Iagnemma schlug mit »Exodia« die erste 9A+ der Welt vor. Ihre Bestätigung steht voraussichtlich noch eine ganze Weile aus, denn Iagnemma brauchte 160 Sessions und vier Jahre für die Erstbegehung.

Besonders schön dabei: Die schwersten Begehungen entfallen weder nur auf die starke neue Generation, noch ausschließlich auf die »Veteranen« aus der letzten Weltcup-Generation. Einerseits bouldern junge Talente wie Beckett Hsin oder Samuel Richard als Teenager ihre erste 9A. Andererseits zeigen Boulder-Ikonen wie Adam Ondra, Daniel Woods und Jakob Schubert, dass sich jahrelange Erfahrung jenseits der 30 in visionären Erstbegehungen oder den schwersten Flashes der Welt niederschlägt.
Dazwischen bleibt viel Platz für weitere einzigartige Persönlichkeiten, wie es sie irgendwie nur in der Boulderszene gibt – man denke nur an »Barefoot« Charles Albert oder Nalle Hukkataival (wo steckt der eigentlich?).
Die Lücke zwischen den Geschlechtern schrumpft
Währenddessen wird auch die Performance-Lücke beim Bouldern zwischen Männern und Frauen mit jeder schweren Begehung weiter geschlossen. Auch wenn wir heute noch ein Stück entfernt von regelmäßigen 8C oder 8C+ Boulderinnen-News sind, zeigen Sportlerinnen wie Katie Lamb, Michaela Kiersch, Janja Garnbret, Brooke Raboutou oder Jana Švecová: Der erste »Female Ascent« einer 9A ist eine Frage der Zeit.

Dass es beim Bouldern etwas länger dauert um die Lücke zu schließen als beim Sportklettern, hat mehr als nur einen Grund. Fakt ist, dass sich in den letzten Jahren ganz schön viel getan hat – und sich weiter tut. Zur Veranschaulichung: 2012 gelang Tomoko Ogawa als erste Frau eine 8B+. Heute haben mehr als 30 Boulderinnen schon mindestens eine Linie in diesem Grad (oder schwerer) geschafft.
Dass Katie Lamb die Decke zum Grad 8C+ durchbrochen hat, ist noch kein Jahr her. Spätestens wenn die aktuelle Weltcup-Spitze nach dem Karriereende in Vollzeit am Fels bouldert, kommt hier kein Meilenstein auf uns zu, sondern eine echte Begehungs-Lawine.
Wie geht es weiter für den Bouldersport?
Das war sie – eine kurze Geschichte des Boulderns. Um konkrete Zukunftsprognosen für den Sport abzugeben, entwickelt er sich viel zu rasant. Fest steht, dass Indoor-Bouldern aus dem sportlichen Mainstream vorerst nicht wegzudenken ist. Sicher ist auch, dass angesichts dieser steigenden Beliebtheit langfristige Lösungen für Bouldergebiete und den Schutz ihrer Ökosysteme gefunden werden müssen.
Dass das Bouldern seine traditionellen Wurzeln und Identität vergisst, ist unwahrscheinlich – trotz laufender Kommerzialisierung und Medien-Rummel rund um den Sport. Das bedeutet nicht, dass nicht kritisch darüber geredet werden muss, wenn sich die Industrie immer mehr zugunsten großer Ketten verschiebt oder die Ethik des Sports (gerade draußen) ins Schleifen gerät.
Die Zukunft ist beides: Fels & Halle, Ethik & Spektakel
Gut möglich ist, dass Bouldern in Zukunft beides sein kann: ein Sport im Einklang mit der Natur und ein Event, das Massen begeistern kann. Die wohl minimalistischste Kletterdisziplin von allen und die neue Alternative zum Fitness-Studio. Dass Bouldern bis heute so viele unterschiedliche Menschen gleichzeitig begeistert hat? Zufall ist es jedenfalls nicht.

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Credits Titelbild: privat
- Klettern und Bouldern sind Sportarten, die trotz einiger Ausnahmen mehrheitlich von kulturell westlich geprägten, privilegierten Gesellschaftsgruppen ausgeübt werden. Mehr zum Thema in diesem Artikel von UK Climbing. ↩︎
- Fred Nicoles »Radja« von 1996 (ursprünglich 8B+) gilt heute als 8B wegen neuer Beta. ↩︎
- Fred Nicoles »Dreamtime« (erstbegangen 2000 als erste 8C der Welt) gilt heute als 8B+. Ob der Boulder seitdem gechippt wurde oder die Linie schon immer 8B+ war, ist unklar. ↩︎
- Es gibt mehrere Boulder, die als erste 8C+ der Welt galten und dann abgewertet wurden: Mauri Calibanis »Tonino ’78« (2004), Dai Koyamadas »The Wheel of Life« (2004, heute als 9a Route bewertet), Christian Cores »Gioia« (2008) und Nalle Hukkataivals »Livin‘ Large« (2009). ↩︎

