Trad, Bouldern, Sportklettern: 5 Downgrades, die unsere Szene geprägt haben

Ein Griffausbruch, neue Beta oder schlicht eine Meinungsverschiedenheit: Die Abwertung von Bouldern oder Routen kann verschiedene Gründe haben. Wir haben fünf Downgrades gesammelt, die für besonderes Aufsehen gesorgt haben – oder historisch für die Szene wichtig waren.

Hinweis: Dieser Artikel ist eine subjektive Auswahl der Redaktion und beansprucht keine Vollständigkeit.

1. The Megg/Fool Me Once: Schwindler-Kontroverse um Kanadas erste 8C+

Dieses erste Beispiel aus Kanada ist ein brandaktuelles – und auch das einzige in diesem Artikel, bei dem Betrügerei eine Rolle gespielt hat. Doch von vorn: Im Januar 2023 gab es eine kleine Sensation in der Boulderszene von Squamish, British Colombia. Der bis dato völlig unbekannte Gabe Lawson, 29 Jahre alt, legte dort die Erstbegehung von „The Megg“ vor. Sein Vorschlag zur Schwierigkeit machte den Block zur potenziell ersten 8C+ Kanadas und Lawson zu einem Szene-Newcomer. Heute ist klar: Die Linie ist eher eine 8B+ – und Lawson ist sie sehr wahrscheinlich nie geklettert.

In der Zeit nach seiner angeblichen Begehung wuchs nicht nur Lawsons Präsenz im Scheinwerferlicht, sondern auch ein Verdacht. Wie Climbing Magazine im September 2026 in einer Investigativrecherche veröffentlichte, konnte Lawson keinerlei Beweise für seine Begehung vorlegen. Das galt nicht nur für „The Megg“, sondern auch für andere schwere Boulder, die er angeblich geklettert hatte. Immer allein, immer ohne ein Video, das mitlief. Ging es gemeinsam zu schweren Projekten, fand Lawson Ausreden, um nicht dabei zu sein. 8A+ war der höchste Grad, den Lawson vor „Zeugen“ geschafft haben soll. Ein starker Kontrast zum vorgeschlagenen Grad 8C+, aber noch kein Beweis für betrügerische Absichten.

Bis alles herauskam, dauerte es nur wenige Monate. Im Juni 2023 wiederholte der US-Amerikaner Andy Lamb „The Megg“ und war sich sicher: Dieser Boulder ist maximal 8B+ schwer, nicht 8C+. Wenige Wochen später kletterte auch der Kanadier Lucas Uchida die Linie und bestätigte Lambs Downgrade. Kurz darauf verschwand Gabe Lawson gänzlich von der Bildfläche. Wohin, weiß niemand so genau. Sicher ist aber, dass er neben einem ruinierten Ruf auch tausende Dollar Schulden bei mehreren Personen hinterlässt.

Neuer Grad und neuer Name

Seit Lawsons Abgang hat die Linie in Squamish neben dem neuen Grad auch einen neuen Namen: „Fool Me Once“ (8B+). Auch Ethan Salvo und Hamish McArthur haben ihn seitdem wiederholt, wobei McArthur ihn flashen konnte. Beide bestätigten den Schwierigkeitsgrad. Heute gilt nicht mehr Gabe Lawson als Erstbegeher, sondern Andy Lamb.

Der Fall Lawson zeigt, wie schnell es heute möglich ist, mit Fake-Begehungen Ruhm und Geld zu erlangen. Das Downgrade von „The Megg“ kann auch als warnendes Beispiel gelten, wie schnell am Ende alles auseinander fallen kann und dass gerade als Profiboulderer Ehrlichkeit am längsten währt.

2. Bibliographie: Die erste 9c, die eine Wiederholung bekam – und ein Downgrade

Zurück in der Welt der ehrlichen Kletterer – und am Seil statt beim Bouldern. Als Alexander Megos mitten im Corona-Sommer 2020 die Erstbegehung seines Langzeitprojekts „Bibliographie“ verlauten ließ, richtete sich der Blick der gesamten Szene auf Céüse. Drei Jahre war es damals her, dass Adam Ondra mit „Silence“ offiziell den Grad 9c eröffnet hatte. Jetzt kam ein zweiter potenzieller Vertreter der neuen Schwierigkeitsstufe hinzu.

Für Megos‘ Vorschlag sprach sein beeindruckendes Kletter-Portfolio und die Tatsache, dass ihm „Perfecto Mundo“ (9b+) wesentlich schneller gelungen war.

Für Perfecto Mundo musste ich 16 Tage investieren, für Bibliographie hingegen 60 Tage. Ich musste spezifisch für die Route trainieren. Bibliographie hat sich einfach viel härter angefühlt.

Alex Megos

Fast genau ein Jahr später, im August 2021, wiederholte der Italiener Stefano Ghisolfi als erster Kletterer Megos‘ bisher schwerstes Projekt. Ghisolfi klippte nach 25 Sessions und mit neuer Beta für zwei Crux-Stellen den Umlenker von „Bibliographie“. Die erste 9c-Wiederholung der Welt stand zur Debatte – einige Tage später verkündete Ghisolfi seine Abwertung auf 9b+. Er verglich dabei „Bibliographie“ mit „Perfecto Mundo“ (9b+) in Margalef und „Change“ in Flatanger (9b+), die er bereits klettern konnte. Megos gratulierte Ghisolfi zum Durchstieg und stimmte später dem Downgrade zu. „Bibliographie“ bleibt für den Franken seine „bis heute stolzeste Erstbegehung“.

2023 wiederholten auch Sébastien Bouin und Jorge Díaz-Rullo die Route und bestätigten den niedrigeren Schwierigkeitsgrad von 9b+. Dieses Jahr gelangen Janja Garnbret und Laura Rogora die ersten bzw. zweite weibliche Begehung der Linie. Sie bleibt eine der härtesten (und besten) Sportkletterrouten der Welt – wenn auch nicht im schwersten Grad, den es gibt. Die Abwertung von „Bibliographie“ zeigt, welchen Mehrwert unterschiedliche Einschätzungen auf dem Weg zum Konsensus bei einer Routenbewertung haben. Gleichzeitig macht das Beispiel deutlich, dass die Evolution der schwierigsten Klettergrade nicht geradlinig verläuft und Zeit braucht. 2026 gibt es weltweit fünf 9cs, die alle noch auf Bestätigung durch Wiederholer warten.

3. Box Therapy: erste 8C+ Frauenbegehung von einer anderen Frau abgewertet

Dass sie die stärkste Boulderin der Welt ist, hat Katie Lamb gleich zweimal bewiesen. Als die US-Amerikanerin 2023 Dave Grahams „Box Therapy“ im Rocky Mountain National Park wiederholte, wurde sie die erste Frau aller Zeiten, die im Grad 8C+ bouldert. Der Erstbegeher und die Wiederholer Drew Ruana und Sean Bailey hatten die Linie mit dem bis dato zweithöchsten Bouldergrad bewertet. Nachdem bereits mehrere Frauen 8C gebouldert waren, setzte Katie Lamb mit ihrer Begehung von „Box Therapy“ die Messlatte eins höher.

Beinahe wäre der First Female Ascent von „Box Therapy“ an eine andere gegangen. Brooke Raboutou hatte die Linie im September 2022 beinahe geschafft, fiel jedoch am Ausstieg. Im Herbst 2023, wenige Monate nach Katie Lamb, gelang beiden Raboutou-Geschwistern der Durchstieg. Beide werteten den Boulder daraufhin auf 8C ab – zwar nur ein halber Grad, aber mit enormen Auswirkung auf Lambs historische Begehung.

Grade sind tricky, weil sie wirklich subjektiv sind und sich für jeden anders anfühlen können. Nach dem Gespräch mit anderen Begehern fühlt sich 8C angemessen an, vor allem im Vergleich zu anderen Benchmarks der Schwierigkeit, die ich bisher probiert habe.

Brooke Raboutou

Nach dem Raboutou-Downgrade werteten auch Dave Graham und Drew Ruana rückwirkend auf 8C ab. Die erste 8C+ Begehung durch eine Frau war wieder zu holen.

Zwei Jahre nach „Box Therapy“ schrieb Katie Lamb erneut Klettergeschichte. Im historischen Camp 4 des Yosemite Valley wiederholte sie „The Dark Side“, erstbegangen von Carlo Traversi. Die Linie gilt als bestätigte 8C+ und heute als erste Frauenbegehung in diesem Schwierigkeitsgrad. Dass ausgerechnet die erste 8C+ Frauenbegehung von einer anderen Frau abgewertet wurde – kein Zeugnis von Missgunst, sondern ein Beweis dafür, dass starke Boulderinnen genauso an der Spitze mitspielen wie ihre männlichen Kollegen.

4. L’Ombre du Voyageur: eine Frage der Ausrüstung

Es gibt einen Spitzenkletterer, der einfach ein bisschen anders unterwegs ist als der Rest. „Barefoot“ Charles Albert verzichtet notorisch auf Schuhwerk, legt aber regelmäßig schwerste Boulder-Begehungen vor. Deren Bewertungen halten sich, einmal wiederholt, allerdings selten. Alberts erste 9A, „No Kpote Only“ in Fontainebleau, wurde nach der Erstbegehung 2018 gleich zweimal abgewertet: 2019 von Ryohei Kameyama auf 8C+ und 2020 von Nico Pelorson auf 8C.

Dass Boulderbewertungen mit Schuhen sehr unterschiedlich ausfallen als barfuß, brachte Albert nicht von der Vision ab, weitere 9As erstzubegehen. 2023 schloss er sein Projekt „L’Ombre du Voyageur“ ab – einen langen Riss im Volldach, für den er weder Schuhe noch Kneepads oder Risshandschuhe nutzte. Etwa 60 Sessions hatte der Franzose dafür gebraucht.

Die erste Wiederholung von Alberts neuestem 9A-Vorschlag ließ zwei Jahre auf sich warten. Diese gelang dem Italiener Pietro Vidi im Sommer 2025, der dafür allerdings nicht nur Schuhe und Risshandschuhe, sondern auch vier (!) Kneepads aus der Ausrüstungskiste holte. Entsprechend brutal fiel auch die (von Teilen der Community erwartete) Abwertung von „L’Ombre du Voyageur“ aus. 8B+ statt 9A war Vidis Urteil – ein derart drastisches Downgrade gibt es wirklich selten.

Zwei kaum vergleichbare Kletterstile

Ganz so einfach ist die Geschichte von „L’Ombre“ natürlich nicht erzählt. Auch Vidi gab zu, dass seine und Alberts Begehungen kaum vergleichbar sind.

Zweifellos war das, was Charles da geklettert ist, unglaublich schwer und eine außergewöhnliche sportliche Leistung. Es ist nur so, dass der Boulder mit ein bisschen Trickserei einfach so viel leichter wird.

Pietro Vidi

Das Mega-Downgrade lenkte den Fokus erneut auf die Frage, wie Hilfsmittel, allen voran Kneepads, die Bewertung von schweren Bouldern und Routen verändern können. Auch der (wohl nur halb ernstgemeinte) Vorschlag kam auf, Albert solle doch eine eigene Schwierigkeitsskala für das Klettern ohne Ausrüstung etablieren.

Charles Albert selbst schien Vidis Abwertung nur wenig zu interessieren. Im März 2026 gelang dem Franzosen sein acht Jahre langes Projekt „Charlatan“ in Fontainebleau. Nach dem Durchstieg hielt er sich zum Grad eher bedeckt, aber er hatte zuvor bereits angedeutet, dass es sich um eine weitere 9A handeln könnte. Dass auch hier das nächste Downgrade ansteht, kann natürlich sein. Charles Albert ist durch seinen Stil aber so besonders, dass die viel interessantere Frage eigentlich lautet: Wann kommt endlich ein zweiter Barfuß-Kletterer, der Alberts 9As im Sinne des Erstbegehers wiederholt?

5. The Walk of Life: Skandal in der britischen Trad-Szene

Um die Geschichte von „The Walk of Life“ zu verstehen, muss man einen tieferen Blick in die britische Trad-Community werfen. Denn dort wird ein gewisser Ethos großgeschrieben – der saubere Begehungsstil, aber auch eine gewisse Demut bei Bewertungen.

2008 kam mit James Pearson einer, der dieses Credo in den Augen vieler verletzte. Damals 23 Jahre jung und schon Szene-Star, etablierte er am Kletterspot Dyer’s Lookout die Trad-Linie „The Walk of Life“, eine direkte Version von „Dyre Straits“ (E8). Mit seinem Schwierigkeitvorschlag E12 7a vergab er den damals höchsten Grad für eine Trad-Route weltweit und sorgte in der Szene für eine Mischung aus Begeisterung und Argwohn. Der E-Grad beschreibt dabei anders als der technische Grad die Schwierigkeit der Route inklusive Absicherung, Ausdauer, mentaler Stärke und Felsbeschaffenheit.

Der Aufschrei kam 2009, als Dave MacLeod – damals sogar verletzt – „The Walk of Life“ wiederholte und auf E9 abwertete. Auch „The Promise“, eine Erstbegehung von Pearson von 2007, war im 2008 von E10 auf E8 abgewertet worden. Die verbreitete Meinung in großen Teilen der britischen Trad-Szene: Pearson hätte seine Erstbegehungen bewusst zu hoch bewertet, um Aufmerksamkeit und Sponsoren zu generieren. Um Abstand zu gewinnen, zog der Brite daraufhin nach Innsbruck und kletterte mehrere Jahre auf dem europäischen Festland.

Wie sehr Pearson diese Vorwürfe beschäftigten, wurde erst später richtig klar. „Die Konsequenzen haben den Verlauf meines Lebens für immer verändert“, sagte der Brite Jahre nach dem Vorfall. Rückblickend sieht er die Bewertung als Fehlentscheidung.

Ich bin an kurzen Gritstone-Routen und -Bouldern im Peak District aufgewachsen, deshalb war The Walk of Life völlig außerhalb meiner Komfortzone. Meine Unerfahrenheit in diesem Stil habe ich damals nicht erkannt.

James Pearson über „The Walk of Life“, 2025

„Bon Voyage“ und Comeback

Vorgespult in das Jahr 2023: James Pearson ist mittlerweile 38, zweifacher Familienvater und der UK-Trad-Szene entwachsen. Dass ihm das Trauma von damals noch nachhängt, spürt er, als ihm in Annot seine bisher schwerste Trad-Route gelingt: „Bon Voyage“. Nach der Erstbegehung hält Pearson anders als 2008 zunächst die Füße still. Erst nachdem er einige Vertreter der Trad-Elite in der Tour gesehen hatte (wie Steve McClure, Ignacio Mulero und Sébastien Berthe), wagt Pearson erneut den Vorschlag E12.

„Bon Voyage“ wurde seitdem mehrfach wiederholt und von vielen Kletterern in der Schwierigkeit bestätigt. Dazu gehören Adam Ondra, Seb Berthe oder auch Connor Herson. Die Linie gilt in der Szene als „Redemption Arc“ des Briten, der sich damals jung und unerfahren im Grad vergriffen hatte. Pearsons Kletter-Vita zeigt auch, dass man mit genug Zeit und Erfahrung selbst vom größten „Gesichtsverlust“ zurückkommen kann – sogar in der britischen Szene, die bekanntlich so wenig vergibt.

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Credits Titelbild: David Simmonite

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