Die bekannte Big-Wall Kletterin Lara Neumeier hat am 7. Oktober als erste Frau „Rhapsody“ (E11 7a, 8c+) am Dumbarton Rock in Schottland begangen. Dave MacLeods Route war 2006 die erste E11 der Welt und gilt 20 Jahre später noch immer als Testpiece im Trad-Klettern.
When in doubt, run it out
„Rhapsody“ folgt auf 35 Metern einem dünnen Riss durch eine leicht überhängende Basaltwand. Die erste freie Begehung der ikonischen Linie gelang dem schottischen Profikletterer Dave MacLeod im Jahr 2006. Damit war „Rhapsody“ seinerzeit nicht nur die erste E11 Route im britischen Trad-Grade System, sondern auch die schwerste Trad-Route der Welt. Die Marke hielt über ein Jahrzehnt: Erst 2019 kam mit „Tribe“ (E11/12, 9a) eine schwerere Linie dazu, 2024 folgte dann „Bon Voyage“ (E12, 9a).

Die Linie verlangt alles, was hartes Trad-Klettern ausmacht: kleine, unsichere Griffe, technische Kletterei und weite Züge. Dazu kommt die Psyche. Die Crux, ein Boulder im Bereich 8A, wartet ganz oben in der Wand. Die letzte Sicherung kann man etwa auf zwei Dritteln der Höhe legen, danach folgen rund acht Meter Runout bis zum Ausstieg.
„Rhapsody“ ist dafür bekannt, richtig scary zu sein. Die letzte Sicherung legt man auf ca. zwei Dritteln der Wand. Danach folgen etwa acht Meter Runout. Würde man ganz oben stürzen, wäre das ein Flug von 20 bis 25 Metern.
Lara Neumeier
Von der Bürser Platte nach Schottland
Der Weg zu „Rhapsody“ begann in Vorarlberg. Im Frühjahr 2025 kletterte Neumeier „Psychogramm“ (8b+) an der Bürser Platte, eine mit Micro-Keilen und kleinen Cams abgesicherte Trad-Route. „Ich habe die mentale Herausforderung geliebt und den Prozess, die Züge und Placements im Toprope auszuarbeiten, Selbstvertrauen aufzubauen und mich schließlich trotz der Bedenken zu Stürzen auf einen Red Point Versuch vorzubereiten“, beschreibt es die 28-Jährige Neumeier in ihrem Statement nach der Begehung. Nach diesem Erfolg wollte sie sich an einem härteren Projekt versuchen, welches sie mental aber auf die gleiche Art und Weise herausfordern sollte. „Rhapsody“ beschäftigte sie nach eigener Aussage, seit Jacopo Larcher die Route 2016 geklettert hatte und wurde somit schnell zu Neumeiers neuem Projekt.

Erster Besuch mit Handtüchern
Im April 2026 reiste Neumeier gemeinsam mit Nemuel Feurle zum ersten Mal zum Dumbarton Rock. Sieben Tage blieben ihr damals, um herauszufinden, ob die Route für sie überhaupt machbar ist, gerade wegen ihres Rufs für sehr weite Züge. Schottland empfing die beiden mit Dauerregen, die Route war größtenteils nass. Die Lösung war pragmatischer als man es vielleicht erwarten würde: Neumeier und Feurle trockneten die Linie mit Handtüchern und konnten so die gesamte Route ausbouldern. Nach fünf Tagen im Toprope saßen alle Züge und Placements. Gegen Ende des Trips folgten erste Vorstiegsversuche, die sich laut Neumeier überraschend gut anfühlten. „Danach war ich komplett angefixt“, erzählt die Allgäuerin im Pressestatement.

Lara Neumeier schreibt Klettergeschichte
Das letzte Jahr verbrachte sie mit der Alpentrilogie, außerdem mit Mehrseillängen- und Trad-Routen in Norwegen. Nach vier bis fünf Wochen gezielter Vorbereitung kehrte sie Ende September nach Schottland zurück. Diesmal lief es von Beginn an. Zwei Tage arbeitete sie im Toprope an Durchstiegen einzelner Abschnitte, danach folgten bereits Vorstiegsversuche.
Ich habe fast jeden Tag Fortschritte gemacht, auch wenn es sich manchmal nach Babyschritten angefühlt hat. Mir wurde klar, dass das die schwerste Route ist, die ich je probiert habe.
Lara Neumeier
Am 7. Oktober gelang der Profiathletin der Durchstieg. Als erste Frau konnte sie eine Trad Route im Grad E11 begehen, wobei sie alle Sicherungen im Vorstieg selbst legte. „Es ist tatsächlich möglich.“ erklärt sie im Ausstieg und weiter: „Ich denke mehr Frauen sollten sich an der Linie versuchen.“

Drei Begehungen in wenigen Tagen
Seit der Erstbegehung haben sich einige der stärksten Trad-Kletterer an „Rhapsody“ versucht. Zu den Wiederholer:innen zählen unter anderem Sonnie Trotter, Steve McClure, James Pearson und Jacopo Larcher. Im Herbst 2026 kam Bewegung in die Liste. Der Brite Buster Martin kletterte die Route wenige Tage vor Neumeier. Nemuel Feurle, Neumeiers Seilpartner bei diesem Projekt, folgte nur Stunden nach ihrer Begehung mit seiner eigenen.
Mit Buster und Nemo gemeinsam an der Route zu arbeiten, hat so viel Spaß gemacht. Zu sehen, wie Buster sie ein paar Tage vorher klettert und Nemo nur ein paar Stunden nach meiner Begehung, war großartig. Alle Locals waren so herzlich und unterstützend.
Lara Neumeier

Vertrauen als eigentliche Crux
Für Neumeier ist „Rhapsody“ nicht der erste große Name im Lebenslauf. Sie war Teil des ersten reinen Frauenteams, das „El Corazón“, eine 1.000 Meter lange Route am El Capitan, frei kletterte. Außerdem gelang ihr erst jüngst die Begehung der Alpentrilogie als erste Frau innerhalb von nur einem Jahr. Mit Blick auf Kletterinnen und Kletterer, die vor großen Projekten zögern, kommentiert Neumeier: „Es ist wirklich wichtig, dass wir als Frauen das Selbstvertrauen und das Vertrauen in uns selbst haben, richtig schwere Dinge zu probieren. Am Ende sehen wir, dass es irgendwie auch klappt“. 20 Jahre lang standen auf der Begehungsliste von „Rhapsody“ ausschließlich Männer. Seit dem 7. Oktober ist das Geschicht. Ein Meilenstein für Frauen im Trad-Klettern.
Die Allgäuer Profiathletin im Interview:
Noch mehr über Lara Neumeier, ihr Mindset und ihre Liebe zum Klettersport könnt ihr in unserem Interview mit ihr hören.
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