Arc’teryx‘ neuer Sportklettergurt wiegt fast nichts, hat nur zwei Materialschlaufen und einen Hüftgurt von zwei Millimetern Dicke. Unsere Redakteurin Gwen hat ihn gemeinsam mit Profiathletin Lara Neumeier beim Sportklettern in der Schweiz getestet.
Les Eaux Noires ist ein kleiner Sportkletterdiamand in der Region Unterwallis nahe der Schweizer Grenze zu Frankreich. Mit 40 Minuten Zustieg ist es ein kleiner Weg, dieser lohnt sich aber eben so sehr wie die tolle Kletterei dort. Man folgt einem kleinen Pfad, überquert einen Fluss und geht dann am Flussbett entlang weiter. Am Fels wartet Gneis: griffig, strukturiert, kurz gesagt einfach traumhafte Kletterei. Das Gebiet hat eine Vielzahl an Sportkletterrouten von etwa 6a+ bis 8b, da ist also für so ziemlich jeden was dabei, auch wenn man mit einer Profiathletin anrückt.

Verschiedene Routen, verschiedene Schwierigkeitsgrade, perfekte Konditionen – denn das naheliegende Flussbett kühlt den Klettergarten angenehm runter. Mit dabei: Lara Neumeier, die den Lithos SL schon länger klettert, und ich, die ihn zum ersten Mal anhatte.

Erst mal weniger, als man erwartet
Der Lithos SL ist sehr dünn. Der Hüftgurt misst zwei Millimeter dicke, die Beinschlaufen sind schmäler, als ich es gewohnt bin, und der Übergang von der Anseilschlaufe zu den Beinschlaufen ist ebenfalls schlanker als bei anderen Gurten. Zerbrechlich wirkt er nicht, aber gewöhnungsbedürftig wirkt er trotzdem, wenn man ihn zum ersten Mal in der Hand hat. Frisch aus der Verpackung fühlt er sich erstmal noch hart an. Die Sorge kann Lara aber direkt einstampfen: Sie klettert den Gurt schon länger und beschreibt, dass er sich mit der Zeit richtig schön an den Körper anpasst. Was ich an einem Tag als „noch ein bisschen steif“ erlebt habe, ist offenbar eine Phase, die vorbeigeht. Und nach mehreren Wochen Sportklettern mit dem Lithos unterschreibe ich diese Aussage inwzsichen voll und ganz (typische Einlaufzeit, kennen wir ja alle von unseren Schuhen, oder?).

Dasselbe gilt für die Materialschlaufen: Die sind deutlich härter, als ich es kenne, nämlich formstabil statt weich. Ungewohnt, aber beim Klettern eigentlich ganz cool. Die verstärkten Schlaufen aus Plastik sitzen auf kleinen Abstandshaltern, die sie ein Stück vom Hüftgurt wegstellen. Dadurch fällt die Schlaufe nicht in sich zusammen.
Warp Strength Technology: Warum die zwei Millimeter reichen
Warp Strength Technology ist eine Arc’teryx-Eigenheit mit langer Geschichte. Der Hersteller hat WST erstmals 2008 vorgestellt und seither mehrfach weiterentwickelt – 2011 in Big-Wall-, Sport- und Trad-Gurte gebracht, 2015 und 2020 überarbeitet. Heute steckt die Technologie in praktisch der gesamten Gurtpalette. Der Lithos SL nutzt die aktuelle Generation. Ein klassischer Klettergurt besteht aus einem tragenden Gurtband, das in Polstermaterial eingefasst wird. Das Band trägt die Last, die Polsterung soll verhindern, dass es einschneidet. Die Last konzentriert sich dabei auf das schmale Band, und die Polsterung muss entsprechend dick sein, um das aufzufangen. Deshalb sind bequeme Gurte meistens dick.

Warp Strength dreht das System um. Statt eines schmalen Bands im Polster verwendet Arc’teryx breite, mehrlagige Gurtbandstrukturen, die die Last über die gesamte Breite des Hüftgurts verteilen, statt sie auf einen Streifen zu bündeln. Wenn das Tragmaterial selbst schon die volle Breite hat, braucht es keine dicke Polsterung mehr, die den Druck erst verteilen muss. Für den Lithos bedeutet das weniger Material bei gleicher Verteilung.




Bilder oben: Details des neuen Klettergurtes von Arcteryx: Das neue System zum Verstellen der elastischen Bänder die Hüftgurt und Beinschlaufen verbinden, die Materialschlaufen und der Gurt angezogen während dem hohen Antreten. ; unten: Auch längeres hängen im Gurt ist nicht unangenehm im Lithos, da er die Last wirklich gut verteilt. | Bilder: Lacrux.com
In der Praxis heißt das: Der Hüftgurt hat bei mir nicht geschnitten. Wir haben viel ausgebouldert und projektiert und dem entsprechend auch viel im Gurt gehangen ohne, dass es irgendwann wirklich unangenehm wurde. Fazit: Warp Stregth funktioniert. Die Last wird wirklich gut verteilt.
Ein nagelneues unisex Größensystem für den perfekten Fit
Der Lithos SL kommt in sechs Bundweiten mit je zwei Beinschlaufen-Optionen: A mit kleinerem Umfang und Standard-Rise, B mit größerem Umfang und längerem Rise. Macht also zwölf Größen. Das System ist unisex – Arc’teryx ersetzt damit die klassische Herren-/Damen-Trennung um dafür zu sorgen, dass der Gurt nicht einfach auf Basis von Geschlecht ausgewählt wird, sondern wirklich zugeschnitten auf die eigene Körperform. Wer zum Beispiel eine schmale Taille und kräftigere Oberschenkel hat, musste bisher oft Kompromisse eingehen, vor allem bei Gurten ohne verstellbare Beinschlaufen. Das wird durch das neue Größensystem ausgeschlossen.

Am Fels: Der Lithos SL ist ein Leichtgewicht
Der Lithos SL fällt kaum auf. Im Vergleich zu anderen Klettergurten wiegt er wirklich nichts. Arc’teryx gibt 275 Gramm an. Man merkt eigentlich gar nicht, dass man ihn trägt. In der Bewegungsfreiheit habe ich mich nicht im Geringsten eingeschränkt gefühlt. Ein Zwei-Millimeter-Hüftgurt und schmale Beinschlaufen haben fast keine Masse, die beim hohen Antreten oder Spreizen im Weg sein könnte. Dazu ist das Material biegeweich und folgt der Bewegung, statt ihr eine Form aufzuzwingen, und die konisch geschnittenen, nahtlosen Beinschlaufen drücken beim Anwinkeln nicht mit einer harten Kante. Der eine Zug am Bund geht superschnell und ist angenehm zu bedienen.

Es ist total ungewohnt, nur zwei Materialschlaufen zu haben. Aber zum Sportklettern braucht es meiner Meinung nach auch nicht mehr.
Klein, leicht, durchdacht
Ein Punkt, der bei einem so leichten Gurt fast nebensächlich klingt ist das Packmaß. Der Lithos SL lässt sich extrem klein zusammenlegen. Mitgeliefert wird ein kleiner Packbeutel, der fast schon zu hochwertig wirkt für das, was er tut, aber der Gurt gleitet ohne Stopfen oder Gefummel hinein und wieder heraus. Für alle, die viel unterwegs sind, ist das definitiv ein Pluspunkt. Das Material von Gurt und Tasche ist außerdem wasserabweisend.

Auch die Schnalle verdient eine Erwähnung. Der Bund wird über einen einzigen Zug geschlossen, und die geschmiedete Schnalle hält, was sie soll: Einmal eingestellt, saß der Gurt den ganzen Tag, ohne dass ich nachziehen oder etwas festzurren musste.

Und dann sind da noch die elastischen Bänder, die die Beinschlaufen hinten mit dem Hüftgurt verbinden – sie lassen sich einhändig aushängen, auch mit angezogenem Gurt. Am Anfang geht das etwas schwergängig, aber es soll ja auch nicht von allein aufgehen.

Für wen – und für wen nicht
Der Lithos SL ist ein Sportklettergurt. Mehrseillängen oder alpine Routen würde ich damit nicht machen – dafür braucht man mehr Material, als sich an zwei Schlaufen transportieren lässt. Aber in diese Bereiche will Arc’teryx mit diesem neuen Gurt auch gar nicht treffen. Wer einen Gurt für alles sucht, ist hier falsch. Wer einen Gurt fürs Sportklettern sucht, der leicht, passgenau und beweglich ist, findet hier genau was er oder sie sucht.

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