Sam Anthamatten beherrscht mehrere Spielarten des Alpinismus auf höchstem Niveau. Mit seinem Walliser Kollegen Jérémie Heitz hat er Sechstausender im Freeride-Stil befahren.

Als Sam Anthamatten und Jérémie Heitz zum Artesonraju aufbrechen, einem Sechstausender in den peruanischen Anden, sehen die Verhältnisse vielversprechend aus. Doch am Gipfel schlägt das Wetter um. Wind kommt auf, die Sicht verschlechtert sich. Anthamatten geht voraus und muss bald feststellen, dass unter diesen Umständen nicht mehr an rasantes Skifahren zu denken ist. Die Bergflanke hat sich in einen eisigen Abgrund verwandelt. Er funkt eine eindringliche Warnung zu Jérémie, der sich noch am Gipfel befindet: «No big turns!»

Jérémy-Heitz-Sam-Anthamatten-Aufstieg
Jérémy Heitz und Sam Anthamatten während eines Aufstiegs in Pakistan.

Enttäuscht rutschen beide die Flanke hinab, wobei die Ski immer wieder auf blankem Eis kratzen. Das Kamerateam folgt. Plötzlich ertönt ein Schrei. Einer der Fotografen verliert den Halt, überschlägt sich und fällt bewusstlos die eisige Wand hinab. Jérémie kann sich geistesgegenwärtig in die Sturzbahn des leblosen Körpers bringen und ihn stoppen. Nur die ins Eis gerammten Kanten seiner Ski bewahren beide vor dem weiteren Absturz in den sicheren Tod. Es folgt eine komplizierte Rettungsaktion, in welcher es das Team schafft, den Schwerverletzten auf einem improvisierten Rettungsschlitten ins Tal zu bringen. Er überlebt.

Es sind verstörende Bilder, hautnah erleben die Zuschauer den Absturz und die Emotionen der Protagonisten durch GoPro-Aufnahmen mit. Am Abend der Schweizer Premiere von «La Liste – Everything or Nothing» flimmern sie über den riesigen Bildschirm des Imax-Kinos in Luzern, vor den Augen eines Publikums, das wohl eher mit Spektakel gerechnet hatte. Auch das wird später im Film geliefert, doch es ist der dramatische Auftakt, der bleibt.

Vor Publikum nervöser als am Berg

Jetzt sitzt Anthamatten in der gemütlichen Küche seines Chalets am Rande von Zermatt, Tradition und Moderne sind geschmackvoll vereint. Warmes Holz umgibt die Küche aus dunklem Stein, eine eiserne Treppe führt in den offenen Dachstock. «Als gelernter Zimmermann war mir der Dachstuhl natürlich wichtig», sagt Anthamatten mit Blick nach oben. Fast alles hat er selber gebaut. Veranstaltungen in Paris, Luzern, Salzburg liegen hinter ihm. Der Film lockte alles mit Rang und Namen in die Kinosäle, mittendrin blieb Anthamatten bodenständig und bescheiden.

Vor heimischem Publikum sei er besonders nervös, sagte er in Luzern. Im Film donnert er mit stoischer Gelassenheit durch Bergflanken, springt über Gletscherspalten und fährt abgleitenden Schneemassen davon. Der 1,68 Meter grosse Zermatter ist keiner, der sich selbst überhöht – obschon er den vollkommensten Allrounder darstellt, den der Alpinismus derzeit kennt. Er gehört zu den weltbesten Freeridern, zuvor machte er sich einen Namen als Spitzenalpinist. 40000 Leute folgen ihm auf Instagram, er hat Verträge mit den renommiertesten Marken. Fragt man nach seinem Beruf, sagt er: «Bergführer.» Mehr als siebzigmal stand er mit Kunden auf dem Matterhorn.

«In die Berge geht man selber und kommt auch selber wieder runter.»

Sam Anthamatten

In Zermatt ist er aufgewachsen, doch die Bergsteigerei wurde ihm deswegen nicht in die Wiege gelegt. Zusammen mit seinen Brüdern erlebt er eine Kindheit, in der Bergsport in Form von Skifahren und Wandern vorkommt. Alles darüber hinaus erarbeitet er sich mit dem älteren Bruder Simon selber. Die «Anthamatten-Botschen» werden in der Kletterszene ein Begriff, noch bevor sie erwachsen sind.

Ob im Fels, im Eis oder im kombinierten Gelände: Überall setzen sie Massstäbe. Sie gehen so in die Berge, wie es ihnen richtig erscheint: stets auf anspruchsvollen Routen mit einem hohen Mass an Eigenverantwortung. Einmal müssen sie die Rettung alarmieren, als sie in die Nacht geraten. Das Ereignis prägt sie, denn sie wissen: «In die Berge geht man selber und kommt auch selber wieder runter.»

Sam-Anthamatten-Falllinie
Querschwünge sind nicht seine Sache: Sam Anthamatten beim Heliskiing in Kanada.

Für ihre erste Matterhorn-Besteigung suchen sich die Brüder die Gogna-Route aus, eine anspruchsvolle Linie durch die Nordwand, die seit den Achtzigern kaum je wiederholt wurde. Das zweite Mal erreichen sie das Matterhorn nach einer Erstbegehung. Die Eltern sind nur bedingt eingeweiht. Sie erfahren erst davon, als man den Buben im Dorf auf die Schultern klopft. Dann fragte der Vater schon, weshalb er erst über Umwege erfahre, was wir machen. «Wir wollten verhindern, dass unsere Eltern sich sorgen, während wir unterwegs sind», sagt Anthamatten. Mit 18 Jahren steigt er allein mit seinen Ski zur Hörnlihütte auf, er will die Ostwand des Matterhorns befahren. Die Mutter pfeift ihn am Telefon zurück, er gehorcht anstandslos.

«Beim Freeriden geht es um Tempo und Dynamik, das musste ich mir zuerst vor Augen führen.»

Sam Anthamatten

Simon macht die Ausbildung zum Bergführer, Samuel folgt ihm. Mit 23 Jahren führt er Kunden aufs Matterhorn, das Ersparte wird in Expeditionen investiert. Wo immer die beiden Brüder aufkreuzen, hinterlassen sie ihre Duftmarke. Die 1000-Meter-Wand des berüchtigten El Capitan in Kalifornien klettern sie auf zehn verschiedenen Routen innerhalb nur eines Monats. Wenn es tagsüber zu heiss ist, klettern sie in der Nacht. Im Himalaya schaffen sie die Erstbegehung der Jasemba-Südwand, in Alaska stellen sie einen unbeabsichtigten Speedrekord am Moonflower Buttress auf. Ihre grosse Stärke ist, sich von der eigenen Überzeugung leiten zu lassen, ohne dabei blind ins Verderben zu rennen.

Rückwärtssalto, 360-Grad-Drehung

Eher per Zufall startet Samuel 2009 an einem Freeride-Contest und schneidet schlecht ab, wie er selber sagt: «Ich wusste, das kann ich besser.» Er bestreitet weitere Wettkämpfe, schliesst zur Konkurrenz auf und erhält sogleich eine Wildcard, um an der Freeride World Tour zu starten. Es ist die höchste Liga, zehntausend Zuschauer verfolgen das spektakuläre Finale in Verbier vor Ort. «Das Bergsteigen, wo ich herkam, ist relativ statisch», sagt Anthamatten. «Beim Freeriden geht es um Tempo und Dynamik, das musste ich mir zuerst vor Augen führen.»

Einmal steigt er nach dem Wettkampf wieder hoch, analysiert einen Sprung, den andere machten, während er die Landung im felsigen Gelände für zu gefährlich hielt. Seither ist auch er ein Herr der Lüfte, er fliegt weit und präzise, manchmal mit Rückwärtssalto oder 360-Grad-Drehung. Bereits in seinem zweiten Wettkampfjahr steht er zuoberst auf dem Podest und kämpft im finalen Showdown in Verbier gar um den Gesamtsieg der World Tour. Aus Samuel wird Sam.

«Eigentlich müsste man den aggressiven Fahrstil, der auf der Tour praktiziert wird, auf die hohen Berge übertragen, wo alpinistische Gesetze gelten anstatt Wettkampfregeln.»

Sam Anthamatten

Nach einigen Jahren hat er allerdings das Gefühl, nicht weiterzukommen. Er spürt, dass seine persönliche Entwicklung nicht in einem auf Show getrimmten Wettkampf-Format stattfinden kann. «Jedes Mal, wenn ich am Start stand, interessierten mich die umliegenden Berge mehr als das Wettkampf-Face», erinnert er sich. Der Gedanke, der in ihm reifte: «Eigentlich müsste man den aggressiven Fahrstil, der auf der Tour praktiziert wird, auf die hohen Berge übertragen, wo alpinistische Gesetze gelten anstatt Wettkampfregeln.»

Jérémy-Heitz-Sam-Anthamatten-Portrait
Haben den aggressiven Fahrstil aus dem Freeriding auf die hohen Berge übertragen: Jérémy Heitz und Sam Anthamatten.

Zusammen mit Jérémie Heitz setzte er dieses Ideal 2015 an den heimischen Viertausendern um. Dort, wo Skifahren bisher (wenn überhaupt) im Stile kontrollierter Querschwünge stattfand, richten die beiden Freunde ihre Ski in Falllinie aus und bewältigen riesige Höhenunterschiede in wenigen Kurven. Dabei erreichen sie Geschwindigkeiten von über 100 Kilometer pro Stunde und überwinden Gletscherabbrüche springend.

«Es war, als sagten uns die Berge, dass wir jetzt langsam besser verschwinden sollten.»

Sam Anthamatten

«Die Latte noch höher zu setzen und sich an die Sechstausender in Peru und Pakistan zu begeben, war ein Experiment», betont Anthamatten, der dem Unterfangen motiviert, aber auch skeptisch gegenüberstand. «Nach dem missglückten Start am Artesonraju mussten wir uns rückbesinnen auf das, was realistisch ist.» Im Gespräch wird deutlich, dass der Unfall des Fotografen ihn stark beschäftigte. Ans Aufgeben dachte er trotzdem nicht. Der Film zeigt eine weitere Expedition nach Pakistan, wo die Befahrung des Laila Peak auch nicht wie vorgesehen gelingt. Als sie danach in einem geschützten Talkessel endlich ideale Verhältnisse finden, scheinen sich die Berge doch noch versöhnlich zu zeigen.

Die Heimreise treten sie dennoch mit gemischten Gefühlen an, nachdem sich vor ihren Augen ein Lawinenabgang ereignet hat – nur Stunden nachdem Anthamatten den Steilhang noch befahren hatte. «Es war, als sagten uns die Berge, dass wir jetzt langsam besser verschwinden sollten», resümiert er. Das gebe zu denken.

Anthamatten lässt durchblicken, dass er Rückbesinnung auch in Zukunft über Steigerung stellt. Er verweist auf Simon. Der ältere Bruder, der ihn überhaupt erst zum Bergsteigen brachte und ihm stets ein Vorbild war, lebt mit seiner Familie im unteren Stock des Chalets und hat dem extremen Bergsteigen Adieu gesagt. Er ist jetzt Helipilot. Die grosse Stärke der Anthamatten-Brüder ist, sich von der eigenen Überzeugung leiten zu lassen, ohne dabei blind ins Verderben zu rennen.

Sam-Anthamatten-portrait
Gemeinsam mit seinem Bruder Simon machte er sich mit Touren in Fels und Eis einen Namen, bevor er erwachsen war. Als 23-Jähriger liess sich Sam Anthamatten zum Bergführer ausbilden, um Geld mit Besteigungen des Matterhorns zu verdienen. In den folgenden Jahren setzte er mit Kletterexpeditionen ebenso Massstäbe wie auf Skitouren. Der 35-Jährige lebt in Zermatt.

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Credits: Titelbild und Bilder im Artikel: Red Bull Content Pool

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