»Eisklettern ist ein mentales Spiel« – Bergführer Jonathan Hilborn im Interview

Jonathan Hilborn ist zertifizierter Bergführer und aktiver Bergsteiger und Kletterer. Seit Januar 2026 hat er außerdem die Rolle als General Manager Europe bei Black Diamond Equipment inne. Wir haben mit ihm über seine Faszination für die Disziplin Eisklettern gesprochen und ein paar wichtige Tipps für den Einstieg und auch für Fortgeschrittene mitgenommen, die ihr in die nächste Saison mitnehmen könnt!

Neben solidem Kletterkönnen erfordert Eisklettern zusätzlich fundiertes Wissen über Material, Bedingungen und Risikomanagement. Im Gespräch erläutert Jonathan Hilborn wie er selbst zum Eisklettern fand, welche Fähigkeiten für den Einstieg entscheidend sind und welche Faktoren abseits der eigentlichen Route besondere Aufmerksamkeit verlangen.

Jonathan Hilborn ist zertifizierter Bergführer.

Lacrux: Jonathan, wie bist du zum Eisklettern gekommen, und was fasziniert dich heute noch an dieser Disziplin?

Jonathan: Ich habe das Eisklettern während eines Universitätskurses entdeckt, der von einem französischen Bergführer geleitet wurde, als ich im Rahmen meines Erasmus-Aufenthalts in Grenoble mein drittes Jahr im Wirtschaftsingenieurwesen absolvierte. Mein Fokus verlagerte sich schnell aufs Klettern und Skifahren, und das Jahr wurde eines der besten meines Lebens. Ich erkundete viele der klassischen Klettergebiete Frankreichs und knüpfte Seilschaften mit Kletterern, mit denen ich bis heute unterwegs bin.

Erinnerst du dich noch an deine allererste Route im Eis?

Ich kann mich nicht mehr an den Namen des Eisfalls erinnern, aber er lag in der Nähe eines Skigebiets außerhalb von Grenoble. Ich war von diesem Erlebnis absolut begeistert und habe es vom ersten Moment an geliebt.

Wie hat sich dein Verhältnis zum Risiko im Laufe der Jahre als Eiskletterer und Bergführer verändert?

Mich selbst würde ich als eher risikoscheuen Menschen beschreiben. Ein Unfall, meine Ausbildung und die Tatsache, Vater geworden zu sein, haben mir viel beigebracht. Diese Dinge haben mich nicht unbedingt vorsichtiger gemacht, aber sie haben mir eine gewisse Selbstwahrnehmung und klareres Denken darüber gegeben, welche Risiken ich einzugehen bereit bin und welche möglichen Konsequenzen sie haben.

Jonathan unterwegs im Eis.

Wenn man zum ersten Mal ins Eis steigt, was ist dabei wirklich entscheidend: Technik, Kraft, Ausrüstung oder Mindset?

Eisklettern ist definitiv ein mentales Spiel. Wenn dein Kopf nicht ruhig und fokussiert ist, werden dich weder Kraft noch Technik retten. Die Kontrolle über den eigenen Kopf ist der Schlüssel, um effizient zu klettern, seinen Platzierungen zu vertrauen und sicher zu bleiben, wenn sich die Umgebung unberechenbar anfühlt.

Wie unterscheidet sich die Bewegung im Eis vom Klettern am Fels oder in der Halle?

Eisklettern fühlt sich eher an wie ein Tanz im Eis – mit einem Rhythmus und einem Muster in den Bewegungen, die man am Fels oder in der Halle so nicht findet. Anders als an der Halle, wo Griffe klar und vorhersehbar sind, verändert sich Eis ständig. Deshalb lernt man, vorsichtiger und bewusster zu klettern. Statt stark mit den Armen zu ziehen, liegt der Fokus auf Balance, präziser Fußarbeit und darauf, entspannt zu bleiben während man nach oben steigt.

Eisklettern fühlt sich eher an wie ein Tanz im Eis – mit einem Rhythmus und einem Muster in den Bewegungen, die man am Fels oder in der Halle so nicht findet.

Jonathan Hilborn

Welche Rolle spielt die Fußarbeit beim Eisklettern, und warum wird sie so oft unterschätzt?

Fußarbeit ist beim Eisklettern ebenso entscheidend wie beim Sport- und Felsklettern. Interessanterweise sind viele Frauen darin besonders stark, da sie häufig stärker auf präzise Fußplatzierungen setzen, anstatt mit den Armen zu ziehen.

Was sind die häufigsten Fehler, die Anfänger:innen beim Eisklettern machen?

Anfänger:innen verlassen sich oft zu sehr auf ihre Arme, anstatt ihren Füßen und ihrer Körperposition zu vertrauen, was schnell zu Ermüdung führt. Ein weiterer häufiger Fehler ist eine schlechte Beurteilung der Platzierung des Eisgerätes: Entweder wird zu hart geschlagen oder in verschiedene Richtungen gezogen, statt die Bewegungen kontrolliert und präzise auszuführen. Viele konzentrieren sich außerdem nur auf die unmittelbaren Züge und verlieren dabei die sich verändernden Bedingungen rund um die Route aus dem Blick.

Langsamer zu werden, effizient zu klettern und die Umgebung bewusst wahrzunehmen, macht gerade am Anfang einen großen Unterschied.

Jonathan Hilborn

Gibt es einen Aspekt beim Eisklettern, der oft unterschätzt wird, aber enormes Entwicklungspotenzial bietet?

Viele unterschätzen, wie viel Fortschritt allein dadurch entsteht, dass man sich mit seiner Ausrüstung wirklich wohlfühlt. Sicherheit im Umgang mit Steigeisen und Eisgeräten entsteht dadurch, dass man sich häufig und selbstverständlich über Schnee, Fels und Eis bewegt.

Inzwischen hat er auch die Rolle als Geschäftsführer von Black Diamond Europe inne.

Eis ist ein lebendiges Medium. Wie lernt man, Eis zu »lesen« und Vertrauen aufzubauen?

Eis zu »lesen« bedeutet weniger, festen Regeln zu folgen, sondern vielmehr, mit der Zeit eine Beziehung dazu aufzubauen. Ich würde empfehlen, zunächst Strukturen erkennen zu lernen, statt sich nur auf die Farbe zu verlassen (zum Beispiel: blaues Eis = gut, weißes Eis = schlecht). Man sollte sich selbst fragen, warum die Struktur und die Qualität des Eis gut oder schlecht sind. Hör auf das Eis: Klingt es hohl, solide oder spröde? Spüre es mit deinen Steigeisen und Eisgeräten und achte auf Widerstand, Textur und Feedback. Versuche, die aktuellen Bedingungen und die jüngste Wetterentwicklung zu verstehen, wie sich die Temperaturen in den letzten Tagen verändert haben, ob die Nächte klar oder bewölkt waren und ob das Eis der Sonne ausgesetzt war oder im Schatten lag.
Außerdem können Bücher natürlich wertvolles theoretisches Wissen vermitteln. In meinen Augen ist aber langsamer und stetiger Fortschritt – viele Meter im leichten Gelände – das was echtes Verständnis, Erfahrung und Vertrauen schafft.

Eisklettern ist kein günstiger Sport. Welchen Rat gibst du Anfänger:innen, um kosteneffizient und dennoch sicher zu starten?

Eine großartige Möglichkeit ist die Teilnahme an Eiskletter-Events wie zum Beispiel dem »Eis Total«. Dort kann man verschiedene Ausrüstungsgegenstände ausleihen und testen, die Freude am Eisklettern mit einem hohen Sicherheitsanspruch entdecken und hoffentlich ein oder zwei Tipps mitnehmen, die viel Zeit und Fehler ersparen.

Wie wichtig ist gute Ausrüstung für den Einstieg ins Eisklettern? Was sollte man sich zuerst anschaffen?

Eisklettern erfordert viel Ausrüstung, doch vieles kann man sich zu Beginn mit Freunden teilen oder ausleihen. Ein Ausrüstungsstück jedoch sollte man nicht teilen und es hat großen Einfluss auf Sicherheit und Komfort: die Schuhe. Eisklettern erfordert steife oder halbsteife Bergschuhe, die mit Steigeisen kompatibel sind, guten Halt im Knöchelbereich bieten und ausreichend isolieren. Frühzeitig in gut passende Schuhe zu investieren, macht den Lernprozess effizienter und angenehmer und sorgt für warme Füße.

Wie stark verändert moderne Ausrüstung heute die Möglichkeiten im Eis?

Moderne Ausrüstung hat die Möglichkeiten im Eis erheblich erweitert, sowohl in Bezug auf Sicherheit als auch auf Effizienz. In manchen Bereichen hat sie sogar neu definiert, was wir unter »Eisklettern« verstehen. Aber Ausrüstung ist kein Zauberspruch: Letztlich zählen weiterhin Urteilsvermögen, Können und die Bedingungen.

Welche Rolle spielt Sicherheit und welche Fähigkeiten sollten Kletternde unbedingt beherrschen, bevor sie eigenständig unterwegs sind?

Sicherheit ist das Fundament eines Eiskletterkurses. Wir wollen schließlich alle noch lange klettern können. Ziel eines Kurses ist es, gutes Urteilsvermögen zu lehren – etwa zu erkennen, wo man nicht klettern sollte, wann es besser ist umzukehren und wie man Warnzeichen frühzeitig erkennt. Außerdem sollten einfache, saubere Systeme mit Redundanz sowie fließende Übergänge zwischen den einzelnen Aufgaben vermittelt werden. Praktisch bedeutet das: korrektes Sichern im Eis, solide Eisplatzierungen setzen, Standplätze bauen, sicher abseilen und effizientes Positions- und Übergangsmanagement in der Route.

Ein guter Kurs versucht nicht »Helden« auszubilden, sondern vermittelt es methodische und vor allem konstante Entscheidungen zu treffen.

Jonathan Hilborn

Was muss man über das eigentliche Klettern hinaus noch beachten? Etwa zwei Drittel der tödlichen Unfälle beim Eisklettern werden durch Lawinen verursacht – entweder beim Zustieg und Abstieg oder weil Kletternde direkt in Lawinenbahnen unterwegs sind.

Das ist die wichtigste Frage beim Eisklettern. Wenn man das ganze mal von etwas weiter weg betrachtet erkennt man, dass das eigentliche Klettern oft der am wenigsten gefährliche Teil einer Tour ist. Eisrouten befinden sich häufig genau dort, wo Berge Schnee, Eis und Geröll abladen. Die eigentliche Herausforderung besteht also darin, alles rund um die Seillänge zu managen.
Wirkliche Sicherheit beginnt mit einem echten Verständnis für Lawinenterrain – nicht nur für die Gefahrenstufe, sondern für das Verhalten des Geländes. Zustiege und Abstiege sind Teil der Route, und Eisrouten verstärken oft Fallen im Gelände. Wettertrends über mehrere Tage zu verfolgen ist wichtiger als einzelne Prognosen, und gutes Timing sowie effiziente Bewegung reduzieren die Exposition. Zu guter letzt müssen auch Gruppendynamik und der »Tunnelblick« kontrolliert werden, um keine Risiken zu übersehen und Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Wenn du Anfänger:innen jetzt einen Rat geben könntest, welcher wäre das?

Ich leihe mir den Rat mal von Will Gadd aus, einem der besten Eiskletterer der letzten Jahrzehnte: »Kletter mit deinen Füßen, schwing nicht viel rum, bleib warm, respektiere die Berge und verwechsle Selbstvertrauen nicht mit Kompetenz.«

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Credits: Alle Bilder: Jonathan Hilborn Archiv

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