Sie braucht keine Ankündigung mehr. Wenn Ines Papert im Eis unterwegs ist, kann man sich auf spektakuläre Linien einstellen. In den Fjordtälern Norwegens hat die deutsche Eiskletter-Ikone in den letzten zwei Monaten vier Erstbegehungen von eindrucksvollen Mixed-Routen realisiert.
Norwegen: Das gelobte Land des Eiskletterns
Wenn Eiskletternde von einem Traumziel sprechen, fällt der Name Norwegen mit schöner Regelmäßigkeit. Kein Wunder: Das Land bietet eine Kombination aus Faktoren, die anderswo kaum zu finden ist. Die norwegische Topographie ist das Ergebnis jahrtausendlanger Gletschertätigkeit: steile, kompakte Felswände, tief eingeschnittene Täler und eine Ausrichtung der Hänge, die im Winter kaum Sonnenlicht abbekommt. Genau das, was Eis braucht: Kälte, Feuchtigkeit, Schatten. Durch die Nähe zum Atlantik fallen im Herbst und Winter enorme Niederschlagsmengen, die in den Bergwänden als Eis gefrieren und Wasserfälle, Rinnen und Eisvorhänge von beeindruckendem Ausmaß entstehen lassen.
Sunndalen entpuppte sich als ein verborgenes Paradies — ruhig, dramatisch, voller unberührter Möglichkeiten.
Ines Papert
Gebiete wie Rjukan, Hemsedal oder das weniger bekannte Sunndalen – wo Papert diesen Winter unterwegs war – beherbergen Routen von wenigen Seillängen bis hin zu alpinen Touren über mehrere hundert Meter. Dazu kommt die sehr offene norwegische Kletterkultur. Lokale Kletterer und Kletterinnen kennen ihre Täler wie ihre Westentasche und geben dieses Wissen gerne weiter, wie auch Ines Papert in diesem Winter erfahren durfte. Sunndalen, das Tal, das die deutsche Eiskletter-Ikone als »verstecktes Paradies« beschreibt, liegt im Nordwesten Norwegens und ist in der internationalen Kletterszene kaum auf dem Radar.

Vier Erstbegehungen in sechs Wochen
Alle vier Routen wurden clean und frei geklettert – jede ein ernsthaftes alpines Unterfangen mit langen, anspruchsvollen Abstiegen in wildem Gelände, schreibt Papert. Die Erschließung begann jeweils im Dunkeln und endete tief in der Nacht.
Iskafe – 350m, M5, WI6/6+ Kaffiberget, Eikesdal | Dåg Jørund Vik, Odd T. Sæbø, Ines Papert – 30.01.2026
Orions Belte – 1000m, M4+, WI5 Middagshaugen West Face, Eikesdal | Dåg Jørund Vik, Odd T. Sæbø, Ines Papert – 01.02.2026
Mit einem Kilometer die längste Route der Serie, erschlossen gemeinsam mit den lokalen Kletterern Dåg Jørund Vik und Odd T. Sæbø.
Gjølatappen – 350m, M8, WI6 Gjøla Northwest Face, Litldalen, Sunndalsøra | Eivind Hugaas, Torje Stenkjær, Ines Papert – 11.02.2026
Die technisch schwerste der neu erschlossenen Routen und nach Paperts eigenen Worten die eindrucksvollste. Hängende Eiszapfen, dahinter verborgene Risse, die perfekten Schutz lieferten: »Wieder und wieder offenbarten sich hinter dem Eis versteckte Risse, perfekt für die Sicherung.« Ihre norwegischen Partner waren verblüfft, dass sich hinter den gefrorenen Vorhängen fast immer eine verlässliche Stelle fand. Es brauchte einen zweiten Versuch, um die Route vollständig frei zu klettern – ein Zeichen dafür, wie ernst diese Linie ist.

Jahrelange Erfahrung hat meinen Blick geschult, jede Möglichkeit in einer Wand sofort zu erkennen. Ich sehe Linien, wo andere nur Chaos sehen. Doch Potenzial zu erkennen ist das eine. Den Mut zu finden, es tatsächlich zu versuchen, ist etwas ganz anderes.
Ines Papert
Fleeting Glory – 750m, M7+, WI6+ Hovsnebba South Face, Sunndalsøra | Ines Papert, Torje Stenkjær – 15.02.2026
Der krönende Abschluss. 750 Meter an der Südflanke der Hovsnebba – eine Route, die schon namentlich andeutet, wie vergänglich die Bedingungen im Eisklettern sein können. M7+ und WI6+ auf knapp drei Viertel Kilometer Höhe.
Eine der Touren sorgte in der Ortschaft für Aufregung: Als Einwohner die Seilschaft an einer bisher unberührten Wand beobachteten, verständigten sie besorgt Polizei und Bergrettung. »Die Menschen im Ort haben sich Sorgen gemacht – danke! Und Entschuldigung für den Aufruhr.« schrieb Papert später. Ein Freund hatte die Behörden glücklicherweise bereits informiert, dass alle sicher waren und keine Hilfe benötigt wurde.
Alle Topos der neuen Linien:
Man muss etwas versuchen, um es zu erreichen.
Ines Papert
Reisetipps von Ines Papert
Wer sich von Sunndalen inspirieren lässt, bekommt hier Paperts praktische Empfehlungen aus erster Hand.
Anreise: Flüge nach Trondheim, Molde oder Oslo, von dort weiter ins Tal.
Unterkunft: Sunndalsfjord Cottages in Fredsvik, in der Nähe von Sunndalsøra.
Ausrüstung für die neuen Linien:
- 1 Satz Totem Cams, dazu einige kleinere Größen extra
- 10 Eisschrauben (inkl. 7 cm)
- 1 Satz Klemmkeile
- 2 Pecker
- 2 Haken
- Alpine Expressschlingen
- Einfachseil 60m
- Tagline 60m
Die »Eiskönigin« aus Berchtesgaden
Für alle, die den Namen noch nicht kennen: Ines Papert zählt seit mehr als zwei Jahrzehnten zur absoluten Weltspitze im Eisklettern und Alpinismus. Die in Bayern aufgewachsene Athletin hat nicht einfach eine Liste beeindruckender Begehungen, sie hat das Schwierigkeitsniveau ihres Sports mitgeprägt.

Mehrfache Weltmeisterin im Eisklettern, zahlreiche Expeditionen in Patagonien, Kanada und den Himalaya, Erstbegehungen auf mehreren Kontinenten: Paperts Karriere lässt sich kaum in ein paar Sätzen fassen. Was sie auszeichnet, ist nicht nur das technische Können, sondern die Fähigkeit, in einem Fels oder einer Eiswand Linien zu sehen, wo andere nur Chaos wahrnehmen – wie sie selbst sagt. Als Arc’teryx-Athletin ist sie seit Jahren Teil der engsten Riege alpiner Ausnahmeathletinnen. Ihre Touren entstehen in enger Zusammenarbeit mit lokalen Kletterergemeinschaften – Sunndalen ist dafür ein weiteres Beispiel. Tagelange Erkundungen mit Fernglas und Karte, Studium von Wänden und Abstiegen, Gespräche mit denen, die das Gebiet kennen. »Man muss etwas versuchen, um es zu erreichen«, sagt Papert. Vier Erstbegehungen in einem Winter sprechen dafür, dass sie es ernst meint.
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Credits: Titelbild: Torje Stenkjær


