Schon mal Eis probiert? – das »Eis Total« 2026

Vom Fels an steile Eislinien: Für viele Sportkletter:innen kann der Einstieg ins Eis ganz schön einschüchternd sein. Andere Technik, anderes Material, völlig neue Bedingungen. Mit dem richtigen Setup und etwas Know-how ist der Einstieg aber überraschend unkompliziert. Beim »Eis Total« Festival im Pitztal haben wir aus der LACRUX Redaktion zusammen mit Black Diamond ausprobiert, wie der Sprung vom Fels ins Eis funktioniert und worauf es dabei wirklich ankommt. Unsere Redakteurin Gwen teilt ihre Eindrücke mit euch.

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Das Eis Total fand vom 23.-24.01.2025 zum 25. Mal in der Taschachschlucht im Pitztal statt. Beeindruckende Eisfälle und diverse Kletterstationen luden die Teilnehmenden in der Schlucht ein, sich zwei Tage lang so richtig im Eis auszutoben. Mehr als 200 begeisterte Kletter:innen kamen dort zusammen um erste Schritte im Eis zu machen, an ihrer Technik zu feilen oder sich wertvolle Tipps von Bergführer:innen und Profis zu holen. Testgeräte von führenden Marken, unter anderem von Black Diamond, können vor Ort übrigens kostenfrei geliehen werden. Dadurch konnten Anfänger:innen sich ein Bild von diversen Eisgeräten und Steigeisen machen und Fortgeschrittene Kletter:innen hatten die Möglichkeit sich durch die Neuheiten auf dem Markt zu testen.

Einer der Wasserfälle der Schlucht mit zwei Kletternden im Toprope | Bild: Gwen Böttger

Erste Schritte im Eis

Künstlich angelegte Eisfälle ziehen sich durch die Taschachschlucht und an jedem sind diverse Toprope Linien zu sehen. Steileis, Verschneidungen, aber auch positiv geneigte, einfachere Routen sind hier angelegt. Es sieht total beeindruckend aus. Zapfen und Säulen haben sich nach den Fels hinunter gebildet und bieten einen bildschönen Spielplatz und für Kletterfans. Man hört, wie sich Eisgeräte und Frontzacken ihren Weg ins gefrorene Wasser schlagen, während der kalte Bach leise durchs Tal plätschert.
Bevor es für uns überhaupt ans Klettern geht, steht Verstehen im Vordergrund: Bergführer und Black Diamond Geschäftsführer Jonathan Hillborn und Eiskletterprofi Markus Urbanowski, die uns durch den Tag coachen, erklären uns erstmal worauf es überhaupt ankommt. Wie bewegt man sich mit Steigeisen? Wie steht man stabil? Wie setzt man Eisgeräte richtig ein, ohne unnötig Kraft zu verschwenden?

Der wichtigste Workshop für uns: Wie setzt man die Hydra-Eisgeräte richtig ins Eis? | Bild: Gwen Böttger
Die Frontzacken der Steigeisen müssen für den perfekten Stand möglichst gerade ins Eis getreten werden| Bild: Lukas Riedlsperger

Die Disziplin hat weniger mit roher Kraft zu tun, als ich erwartet hatte. Sauberes Steigen, ein ruhiger Stand und kontrollierte Bewegungen sind entscheidend. Die ersten Schritte das Steileis hinauf fühlen sich total ungewohnt an – nichts mit auf Reibung stehen oder mit den Zehen gute Tritte suchen. Die Frontzacken müssen sich gut ins Eis bohren und die Fersen zeigen möglichst immer nach unten, um guten Halt zu finden und sicher zu stehen. Unterm Strich bekommt man die Technik schnell raus, aber ungewohnt fühlt es sich trotzdem an. Die Eisgeräte sind dabei – wenn sie richtig gesetzt sind – super Henkel. Der Pump ist aber nicht ausgeblieben und ich bin mir relativ sicher, wer eine Saison viel eisklettert, kehrt danach stark an den Fels zurück. Eisklettern ist außerdem eine gute Ruheübung: Je ruhiger die Bewegungen, desto effizienter – und desto entspannter fühlt sich das Klettern an.

Das gelernte kann direkt angewendet und ausprobiert werden! | Bild: Lukas Riedlsperger
Sogar beim Zuschauen in den Pausen kommt keine Langeweile auf | Bild: Gwen Böttger

Alpines Basiswissen fürs Eis: Spannende Workshops

Tatsächlich lernen wir nicht nur wie man sich im Toprope das Eis hoch arbeitet. Nach den ersten Linien geht es tiefer ins alpine Handwerk: Jonathan erklärt wie Eisschrauben korrekt ins Eis gedreht werden, worauf es beim Bau eines Standplatzes ankommt und wie Eissanduhren als Sicherung oder zum Abseilen angelegt werden. Ergänzt wird das noch durch Materialkunde.

Eisschrauben richtig platzieren

Eine gut gesetzte Eisschraube in kompaktem Eis hält Belastungen von 10 kN bis über 20 kN (ca. 1.000 kg – 2.000 kg) stand. Sie könnte also einen Kleinwagen halten. Um sie zu setzen wird die Schraube annähernd senkrecht zur Eisoberfläche und mit Druck zwischen Hüft- und Brusthöhe gesetzt. Die Schraube wird mit einer kontrollierten Drehbewegung aus dem Handgelenk ins Eis geführt, bei Bedarf mit einer kleinen Mulde als Ansatz. Sobald sie einige Umdrehungen greift, wird die Kurbel ausgeklappt und die Schraube bis auf etwa 0,5–1 cm Resttiefe eingedreht, bevor die Kurbel wieder eingeklappt und die Expressschlinge in die Lasche geclippt wird.

Die Schraube wird auf Hüfthöhe ins Eis gedreht | Bild: Gwen Böttger

Standbauen

An Standplätzen im Eis sollte immer eine Schraube unbelastet bleiben. Wir sprechen hier über eine Zentralpunktsicherung mit einer Serienschaltung. In der Praxis hat sich diese beim Mehrseillängen-Eisklettern bewährt: Die untere Schraube trägt die Hauptlast, die obere dient als unbelastete Redundanz und wird in mindestens 40 cm Abstand in kompaktes Eis gesetzt. Als Zentralpunkt eignet sich das sogenannte Weiche Auge. Es dient als redundanter, fester Einhängepunkt für Selbstsicherung und Sicherungsgerät, wodurch ein zentraler Karabiner überflüssig wird.

Bergführer Jonathan erklärt’s: Standbau im Eis | Bild: Lukas Riedlsperger

Die Abalakov-Eissanduhr

Die Eissanduhr dient uns als sicherer Fixpunkt im Eis. Sie kann eine Schraube ersetzten oder zum sicheren Abseilen genutzt werden. Dazu werden zwei Eisschraubenlöcher in einem Winkel von etwa 45–60 Grad zueinander gebohrt, sodass sie sich im Inneren des Eises treffen. Anschließend wird mit einem Abalakov-Haken oder Draht eine Reepschnur oder Bandschlinge durch den entstehenden Tunnel gefädelt und zu einem geschlossenen Ring verbunden. Getestet haben wir den Halt unserer Eissanduhren mit einer Standschlaufe über einem ziemlich kalten Fluss. Glück gehabt, dass alle bestanden haben, das hätte kalt werden können.

Jonathan macht’s vor: So fädelt man die Reepschnur durch die Löcher im Eis | Bild: Lukas Riedlsperger
Ein bisschen Friemelarbeit ist es schon, wenn die Löcher nicht perfekt aufeinander treffen. | Bild: Lukas Riedlsperger
Gwen und Jonathan testen den Halt ihrer Sanduhren. Wer sich nicht genug Mühe gegeben hat, könnte jetzt baden gehen | Bild: Lukas Riedlsperger

Ausrüstung & Kleidung – was braucht man wirklich?

Ein ganz neues Medium – Eis. Wenn man grundsätzlich gern in den Bergen unterwegs ist hat man sicherlich einiges zuhause, was sich zum Eisklettern eignet. Wir haben euch unsere Ausrüstung zusammengefasst, die sich für den Einstieg ins Eis super geeignet hat.

Technische Ausrüstung

  • Kletterhelm: Beim Eisklettern kommt gut und gerne einiges runter. Gerade wenn die kletternde Person noch am Anfang der Karriere im Eis steht. Ich hatte den Vapor Helm dabei. Er ist leicht und angenehm zu tragen. Außerdem passt er sich durch die verstellbaren Schlaufen super gut an den Kopf an.
  • Klettergurt: Mein Technician ist ein idealer Allround-Klettergurt für jede Jahreszeit. Der Gurt ist leicht und passt sich durch die verstellbaren Beinschlaufen dem Körper an – auch über drei Lagen Klamotten. Außerdem bietet er vier Ice Clipper-Öffnungen, die für Mehrseillängen dringend nötig sind.
  • Steigeisen: Die Sabretooth Steigeisen verfügen über vertikale Frontzacken, die auf hartem und steilem Eis eine sehr direkte Kraftübertragung ermöglichen. Die steife Konstruktion sorgt für präzisen Tritt und hohe Stabilität, auch bei frontaler Belastung. Gerade für Einsteiger:innen bedeutet das mehr Kontrolle und weniger Energieverlust.
Die Black Diamond Stinger Steigeisen im Einsatz | Bild: Lukas Riedelsperger
  • Eisgeräte: Die Hydra Eistools sind ausgewogen konstruiert und ermöglichen eine präzise Schlagführung mit geringer Streuung im Eis. Gewicht und Schwerpunkt sind harmonisch verteilt, das erleichtert Anfänger:innen das Setzen der Hauen ins Eis ohne übermäßige Kraft. Die Geometrie der Haue unterstützt ein sauberes Eindringen ins Eis und zuverlässiges Setzen. Bewegungsabläufe werden dadurch von Beginn an technisch sauber.
»The Many-Headed Beast« – die Hydra-Eisgeräte in der Wand | Bild: Gwen Böttger
  • Handschuhe: Die Punisher Gloves bieten eine ausgewogene Kombination aus Isolation und Feinfühligkeit, was im Eisklettern entscheidend ist. Das Material ermöglicht einen direkten Kontakt zu Eisgeräten, ohne die Griffkontrolle einzuschränken. Gleichzeitig schützen sie zuverlässig vor Kälte, mit gefrorenen Fingern sichert es sich nämlich eher ungut.
  • Schuhe: Feste Bergschuhe der Kategorie D – sie geben den nötigen Halt für Steigeisen und sorgen für Präzision beim Steigen. Mit Schuhen die nur bedingt steigeisenfest sind (Also Kategorie C) tut ihr euch hier keinen Gefallen. Sicher auf den Füßen zu stehen ist beim Eisklettern in meinen Augen das A und O.

Bekleidung

An der Wand wird einem schnell warm (gerade die ersten Male ist das Klettern im gefrorenen Wasser ganz schön anstrengend), beim Sichern kühlt der Körper wiederum aus. Hier bewährt sich ein Schichtsystem, das man je nach Aktivität anpassen kann. 

  • Baselayer: Ein Shirt und eine Hose aus Merinowolle oder synthetische Funktionswäsche. Baumwolle sollte man hier vermeiden, denn sie speichert Feuchtigkeit und kühlt aus. Beim Eisklettern schwitzt man weniger als beim Sportklettern, aber Feuchtigkeit ist trotzdem der größte Kältefaktor. 
  • Isolationsschicht: Ein Fleece oder eine leichte Daunenjacke um warm zu bleiben. 
  • Außenschicht: Absolut elementar beim Eisklettern! Eis splittert, Wasser tropft und beim Sichern kann es passieren, dass man mal eingeschneit wird. Für Jacke und Hose haben sich für mich die Highline Stretch Shell und die Recon Stretch Pants von Black Diamond absolut bewährt. Sie bieten Schutz vor den Elementen, während sie durch ihren leichten und weichen Stoff die Beweglichkeit nicht einschränken.
  • Zusätzliche Wärme fürs Sichern und Pausen: Beim Sichern steht man lange unbeweglich in der Kälte, wodurch der Körper schnell auskühlt. Der Mission Down 4000M Parka bietet eine hohe Wärmeleistung und schützt zuverlässig vor Kälte.
Der Vapor Helm und die Highline Stretch Shell waren definitiv ein guter Fit fürs erste Mal eisklettern! | Bild: Lukas Riedelsperger

Zusätzlich wichtig

  • Mütze/Stirnband und Buff
  • Eine Kanne Tee oder Kaffee und eine Brotzeit für Pausen

Jeder kann Eisklettern? – Fazit

Der Wechsel vom Fels ins Eis ist definitiv holprig. Eis ist ein völlig neues Medium und kaum vergleichbar mit anderen Disziplinen. Trotzdem lassen sich die grundlegenden Bewegungen überraschend schnell verstehen, und genau dieser Lernprozess hat mir enorm viel Spaß gemacht.
Mein größtes Learning: Ruhe bewahren. Immer. Hektik hilft im Eis überhaupt nicht – im Gegenteil. Verkrampfte Bewegungen oder Panik machen alles nur schwieriger. Ruhepositionen zu finden fiel mir anfangs richtig schwer, was vermutlich ein klassisches Anfänger:innenproblem ist. Zwei Mal durchatmen, neu sortieren, weiterklettern hat in der Situation am meisten gebracht. Ich wollte schnell »besser« werden und habe mich intensiv mit der Technik beschäftigt. Dabei lag ich mit meiner Einschätzung oft daneben: Manche Hooks fühlten sich sicher an und schmierten direkt raus – »Hält das« war sicherlich der am meisten wiederholte Satz an dem Wochenende! – andere wirkten völlig wackelig und hielten problemlos, wie mir unser Coach Markus von unten immer wieder versicherte. Zu lernen, wann ein Hook wirklich gut ist, braucht offensichtlich Erfahrung. Viel Erfahrung.

Ein eleganter Sprung über den Fluss von Coach Markus Urbanowski | Bild: Gwen Böttger

Für alle, die den Klettersport lieben, ist Eisklettern definitiv eine bereichernde Erfahrung. Das Eis Total bietet dafür einen idealen Rahmen, um gefrorenen Wasserfällen eine Chance zu geben UND die neusten Produkte der marktführenden Unternehmen zu testen. Stellenweise, muss ich zugeben, wusste ich nicht ob ich grade lachen oder weinen sollte, aber in Markus weisen Worten: »So ist das beim Eisklettern«. Also an alle da draußen, die mit dem Gedanken spielen sich mal an der kältesten Kletterdisziplin zu versuchen: Ausprobieren lohnt sich. Für uns wird es sicherlich nicht das letzte Abenteuer im Eis gewesen sein.

Ciao Taschachschlucht. Für uns wird es sicher nicht das letzte Mal im Eis gewesen sein! | Bild: Gwen Böttger



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Credits: Titelbild: Lukas Riedelsperger

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