Standplatzbau im Eis – So geht’s | Eisklettern Profi-Tipps

Wo und wie man beim Mehrseillängen-Eisklettern Standplätze einrichtet, ist hochgradig sicherheitsrelevant. Aufbauend auf den vorherigen Artikeln zu den Schwerpunkten Eisverhältnisse einschätzen und Eisschrauben setzen, erklärt der Eiskletterer, Bergführer und Buchautor Peter von Känel hier, worauf es beim Standplatzbau im Eis ankommt.

Ein Beitrag von Peter von Känel – präsentiert von Petzl, Bächli Bergsport und Esbit

Das lernst du in diesem Artikel

Wo macht man beim Eisklettern Stand?

Die Wahl des Standplatzes ist beim Eisklettern von entscheidender Wichtigkeit für die Sicherheit. Dabei geht Sicherheit vor Komfort. Ein Standplatz muss folgende Kriterien erfüllen – in dieser Reihenfolge:

KriteriumWichtigkeit
Der Standplatz ist geschützt vor Eisschlag. Dies ist entweder gegeben, wenn er ausserhalb des Eisschlag-Deltas liegt, oder wenn er in einer Eishöhle ist.Zwingend
Solide Sicherungspunkte sind vorhanden oder gut selber anzubringen.Zwingend
Man ist am Standplatz vor Nässe geschützt.Sehr wichtig
Der Standplatz erlaubt die Kommunikation zwischen den Seilpartnern.Wichtig
Der Standplatz ist bequem.Wünschenswert
Kriterien für Standplatzbau im Eis

Standortwahl des Standplatzes im Eis

Die folgende Bildserie illustriert das Thema anhand verschiedener Beispiele:

  • Rübezahl, Kandersteg. Insbesondere in weniger steilem Gelände findet man nicht immer einen geschützten Standplatz (die beiden obersten Pfeile). In solchen Fällen ist es wichtig, dass die vorsteigende Person mit mindestens so viel Versatz klettert, dass sich die sichernde Person jederzeit ausserhalb des Eisschlagdeltas befindet. Es bietet sich an, solche Seillängen eher kurz zu halten.
  • Oft ist es in steilem Gelände relativ einfach, geeignete Standplätze zu finden. (N.I.N. Oeschinen). Der unterste Standplatz auf dem Bild ist im Fels. Die Sicherungsperson ist dort aufgrund des seitlichen Versatzes vor Eisschlag geschützt.
  • Blick zurück zum Standplatz in Crack Baby, Breitwangflue, bei anspruchsvollen Mixed-Bedingungen. Trotz fehlender Eishöhle ist der Sichernde durch seitlichen Versatz vor Eisschlag geschützt.
  • Schlüssellänge Betarocker, Breitwangflue. Der Sichernde ist zwar seitlich etwas versetzt, trotzdem könnte er bei grösserem Eisschlag getroffen werden. Es wäre ratsam, den breiten Sims auszunützen und sich einige Meter weiter hinten zu positionieren.
  • Nochmals Schlüssellänge Betarocker, Breitwangflue, diesmal aus der Perspektive der sichernden Person. Obwohl sich diese einige Meter weiter hinten positioniert hat, als auf dem vorangehenden Bild, ist die Sicht auf den Kletterer nicht weniger spektakulär.

«In weniger steilem Gelände findet man nicht immer einen geschützten Standplatz. In solchen Fällen ist es wichtig, dass die vorsteigende Person mit mindestens so viel Versatz klettert, dass sich die sichernde Person jederzeit ausserhalb des Eisschlagdeltas befindet.»


Petzl Quark: Das Eisgerät zum Eisklettern

Petzl-Quark-Steileispickel

Das Quark ist ein vielseitiges Eisgerät, das zum technischen Bergsteigen und Eisklettern bestimmt ist. Sein perfekt ausbalanciertes Design und die Ice-Haue gewährleisten die sichere Platzierung in jedem Eis.

Die Trigrest- und Griprest-Fingerauflagen ermöglichen ein einfaches und komfortables Handling in jeder Situation. Sie verbessern die Griffsicherheit in schwierigen Passagen.

Das modulare Quark-Eisgerät lässt sich problemlos unterschiedlichen und technisch anspruchsvollen Routen anpassen: Schneecouloirs, Eisrinnen, Nordwände, Eisfälle usw.

Das Zauberwort dabei heisst Petzl Alpen Adapt. Dieses modulare System für Eispickel und Steigeisen ermöglicht es, die verschiedenen Komponenten einfach auszutauschen und den persönlichen Bedürfnissen anzupassen.


Wie baut man einen Standplatz im Eis?

Eine dauerhaft belastete Eisschraube kann mit der Zeit ausschmelzen. Warme Eistemperaturen und Sonneneinstrahlung beschleunigen diesen Prozess. Bei einem Standplatz im Eis sollte daher jeweils immer eine Eisschraube unbelastet sein.

In der Praxis bewährt sich beim Mehrseillängen-Eisklettern eine Serieschaltung von zwei Eisschrauben von mindestens 13 cm Länge, wobei die untere Eisschraube mit dem Zentralpunkt die ganze Last trägt und die obere Eisschraube als unbelastete Rückversicherung dient. Beide Eisschrauben werden in einem Abstand von mindestens 30 cm in kompaktes, gut verbundenes Eis gesetzt.

  • Standplatz mit Zentralpunkt («weiches Auge» mit doppeltem Bulin), die beiden Eisschrauben sind in Serienschaltung.
  • Doppelter Bulin, Schritt 1
  • Doppelter Bulin, Schritt 2

Als Zentralpunkt eignet sich das «Weiche Auge». Hierzu knüpft man einen doppelten Bulin in eine Bandschlinge. Diesen klippt man als Zentralpunkt in den Schraubkarabiner der unteren Eisschraube. Nun verbindet man mit der Schlinge mittels Mastwurf den Karabiner der oberen Eisschraube und klippt das Schlingenende in denselben Karabiner. Die Schlingenlänge zur oberen Eisschraube wählt man so, dass die Schlinge gestreckt, aber unbelastet ist.

«Oft verwenden Seilschaften direkt den Schraubkarabiner der unteren Eisschraube als Zentralpunkt. Diese Methode hat besonders bei Standsicherung den folgenden Nachteil: Bei einem Sturz der vorsteigenden Person kann der Zentralpunkt heftig nach oben umgeschlagen werden. Bei einem Verkanten zwischen Zentralkarabiner und Eisschraube könnte dies im Extremfall zu einem Materialbruch führen. Mit dem «weichen Auge» ist dieses Risiko deutlich kleiner.

Als Alternative zum «weichen Auge» kann man beispielsweise die folgende Methode anwenden: Man fixiert die Bandschlinge mittels Ankerstich direkt an der Lasche der unteren Eisschraube. Nun fixiert man den Zentralkarabiner mittels Ankerstich nahe an der unteren Eisschraube. Danach wird die Bandschlinge mittels Mastwurf so im Karabiner der oberen Eisschraube fixiert, dass sie gestreckt, aber unbelastet ist.

Eine alternative Methode zum Bau eines Standplatzes.
Eine alternative Methode zum Bau eines Standplatzes.

Wärme in eisiger Umgebung: Thermobehälter von Esbit

Esbit-Thermobehälter

Ob noch während der Tour am Standplatz oder am Fuss des Eisfalls: Wenn der Körper nach neuer Energie verlangt, kommt eine heisse Mahlzeit genau richtig.

Perfekt, wenn man sie bereits zu Hause vorbereitet und im doppelwandigen Thermobehälter aus Edelstahl mitgenommen hat.

Die Food Jugs von Esbit halten Speisen bis zu 24 Stunden warm oder kalt, wobei letztere Eigenschaft beim Eisklettern vermutlich weniger gefragt ist.

Die breite Öffnung ermöglicht ein einfaches Befüllen und Reinigen. Der Verschluss ist absolut dicht und verfügt über einen Druckablassknopf. Der Deckel kann bei Bedarf auch als Schüssel verwendet werden.

Im Sculptor Sortiment finden sich neben Thermobehältern auch Isolierflaschen, Thermobecher und Trinkflaschen.


Welches Sicherungsgerät eignet sich zum Eisklettern?

Beim Mehrseillängen-Eisklettern kommen Halbmastwurf (HMS) und Tuber zum Einsatz. Sicherungsautomaten, z.B. Grigri, sind ungeeignet. Sind die Seile vereist, funktioniert oftmals nur noch der HMS. Daher muss man diesen beherrschen, bevor man sich in eine Mehrseillängen-Eisklettertour wagt.

Neben den Vorteilen der hohen Bremswirkung und der Einfachheit in der Anwendung, hat der HMS auch gewisse Einschränkungen. So sollte man beim Sichern im Vorstieg keine Halbseiltechnik verwenden, da bei einem Sturz aufgrund der Reibung im HMS-Knoten das unbelastete Seil beschädigt werden kann.

Apropos Stürzen: Beim Eisklettern sind Stürze im Vorstieg – anders als beispielsweise im Sportklettern – aufgrund der Verletzungsgefahr möglichst zu vermeiden. Es ist zwar absolut sinnvoll, den eigenen Grenzbereich auszuchecken und zu erweitern, aber man sollte das im Toprope praktizieren.

«Einen reibungsarmen Seilverlauf kann man ohne Halbseiltechnik auch mittels verlängerbaren Expressschlingen erreichen.»

Fotogener Blick vom optimal geschützten Standplatz der vierten Seillänge von Crack Baby auf den Nachsteiger.
Fotogener Blick vom optimal geschützten Standplatz der vierten Seillänge von Crack Baby auf den Nachsteiger.

Auf den Körper oder auf den Stand sichern?

Im Nachstieg wird immer auf den Stand gesichert. Beim Vorstieg kann man situativ eine der nachfolgend aufgeführten Techniken anwenden.

  • Sicherung mit HMS auf den Stand: 
    Bei einem Sturz wird der plötzliche Zug vom Stand aufgenommen und kann von der sichernden Person einfach kontrolliert werden. Die Methode ist unkompliziert und eignet sich daher besonders für Sichernde mit wenig Routine. Wie oben erwähnt, sollte man bei dieser Methode auf die Halbseiltechnik verzichten. Dadurch erhöht sich bei einem Sturz der Fangstoss und damit die Belastung sowohl auf die Eisschraube als auch auf die kletternde Person. Wie wir im letzten Artikel gesehen haben, hat eine korrekt gesetzte Eisschraube jedoch genug Haltekraft, um einen solchen Fangstoss aufzunehmen. Der Nachteil der erhöhten Seilreibung kann mittels verlängerbarer Expressschlingen reduziert werden.
  • Sicherung mit Tuber auf den Stand:
    Das korrekte Einrichten ist etwas umständlicher. Die Methode eignet sich bei komplexen Seilverläufen und potenziell weiten Stürzen.
  • Sicherung mit Tuber auf den Körper: 
    Man muss sich bewusst sein, dass die Bremswirkung eines Tubers relativ gering ist und dass der plötzliche Zug bei einem Sturz die sichernde Person aus dem Gleichgewicht bringen kann. Beide Faktoren reduzieren die Fehlertoleranz. Daher sollte diese Methode nur von routinierten Seilschaften und zum Klettern gut absicherbarer Seillängen (keine sehr weiten Stürze möglich) in Betracht gezogen werden.
Eisformationen

Standplatz im Eis bauen: Tipps und Tricks

  • Sowohl bei Methode mit dem «weichen Auge» als auch bei der alternativen Methode lässt sich als eingespielte Seilschaft mit guter Kommunikation beim Mehrseillängen-Eisklettern Zeit gewinnen: Sobald man die untere Eisschraube gesetzt und sich im Zentralpunkt fixiert hat, kann die Person am unteren Stand bereits ihre obere Eisschraube entfernen.
  • Für einen Standplatz, der während einem längeren Zeitraum belastet ist, beispielsweise fürs Toprope-Klettern, verwendet man üblicherweise drei Eisschrauben. Zwei Eisschrauben verbindet man mittels Ausgleichsverankerung, diese teilen sich die Last. Die dritte Eisschraube setzt man in Serienschaltung, sie dient als unbelastete Rückversicherung. Eine gute Alternative dazu ist eine Eissanduhr, plus eine unbelastete Eisschraube als Rückversicherung.
  • Vor jeder Manipulation, insbesondere dem Aushängen eines Seils oder Karabiners, überlegt man kurz, ob das korrekt ist. Um die Übersicht zu behalten, bewährt es sich, konsequent alles vom Stand zu entfernen, was nicht in Gebrauch ist.

Zum Autor

Peter von Känel, Jahrgang 1973, ist Bergführer, Aviatik-Ingenieur und leidenschaftlicher Kletterer. Nicht nur mit dem Eis- und Mixedklettern, sondern auch mit dem Faktor Mensch setzt sich Peter bereits seit vielen Jahren intensiv auseinander.

Nebst einigen aufsehenerregenden Eis- und Mixed-Erstbegehungen wie beispielsweise der Route B.A.S.E im Lauterbrunnental, hat Peter viele extrem anspruchsvolle Routen wiederholt, teilweise als Bergführer.

Mit diesen Touren, sowie in vielen Diskussionen mit versierten Kletterkollegen, hat sich Peter über die Jahre einen grossen Wissensschatz über das Eis- und Mixedklettern angeeignet. In Kursen, Coachings und mit seinem neuen Lehrbuch gibt er dieses Wissen weiter.

Peter von Känel: Bergführer, Aviatik-Ingenieur und leidenschaftlicher Kletterer.
Peter von Känel: Bergführer, Aviatik-Ingenieur und leidenschaftlicher Kletterer.

Steep Frozen: Ein praxisbezogenes Lehrbuch

Diese Eis-Serie kratzt nur an der Oberfläche dieses faszinierenden Themas. Für all diejenigen, die es genauer wissen wollen, ist Anfang November 2022 ist das Buch Steep Frozen erschienen.

Dieses praxisbezogene Lehrbuch vom Peter von Känel fasst in kompakter Form eine Fülle von nützlichem Wissen rund ums Eisklettern, Mixedklettern und Drytooling zusammen.

Abschnitte zu mentalen Aspekten und Ausrüstung runden dieses übersichtlich strukturierte Werk ab. Dank dem kompakten Format lässt sich das Buch auch als nützliches Nachschlagewerk für unterwegs verwenden.

Das Buch ist im Filidor Verlag erschienen und kostet Fr. 32.00. Weitere Informationen inklusive Leseprobe und Leserfeedbacks findest du auch auf Peter von Känel’s Website.

Steep-Frozen-Peter-von-Känel

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Credits: Titelbild Peter von Känel

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