Steigeisen gehören zur Standardausrüstung auf vergletschertem Hochtouren-Gelände und sind auch für Steileis-Einsätze unabdingbar. Dabei sind die Geräte viel mehr als nur Metallzacken an den Füssen – je nach Einsatz und Präferenz bieten sie verschiedene Eigenschaften. Auch solche, die die Sicherheit betreffen. Wir erklären euch die wichtigsten Unterschiede.

Ein Beitrag von Fabian Reichle – Bächli Bergsport

Bergsportausrüstung wird immer ausgeklügelter: Wetterresistente Textilmembranen, ultraleichte Rucksäcke, Hightech-Fasern in Seilen. Da wirken Steigeisen geradezu archaisch. An die Schuhe befestigte Metallzacken, mehr nicht. Müsste man zumindest auf den ersten Blick meinen. Denn auch bei Steigeisen gibt es technische Eigenschaften sowie Unterschiede, die weit über persönliche Präferenzen hinausgehen. Da die Geräte einen direkten Einfluss auf die Sicherheit am Berg haben, lohnt sich ein genaues Hinschauen.

Steigeisen müssen hart im Nehmen und zuverlässig sein.

Steigeisen müssen hart im Nehmen und zuverlässig sein. Von ihnen wird erwartet, dass sie sich in Eis und Schnee festkrallen, aber auch im Fels greifen. Ohne dabei schnell stumpf zu werden notabene. Dazu sollen sie bombenfest am Schuh halten und an ebendiesem unkompliziert angebracht und abgenommen werden.

Befestigungssysteme

Apropos Schuh: Dessen Bauart definiert, welches Bindungssystem auf ihn passt. Steigeisenfeste respektive bedingt steigeisenfeste Schuhe erlauben, wie es der Name verrät, das Anbringen von Steigeisen. Allerdings sind nach Definition bei letzteren Modellen nur sogenannte Riemenbindungen montierbar.

Dieser Steigeisen-Typ hat vorne und hinten Körbchen, welche den Schuh umfassen. Mit Bändern (zum Beispiel aus Nylon) wird das Gerät festgezurrt. Für einfache Gletschertrekkings und ähnliches ist diese Modellart ausreichend. Sitz und Stabilität sind für intensivere Unternehmungen jedoch nicht mehr vertretbar.

Ein Modell mit Riemenbindung: Air Tech New-Classic von Grivel
Ein Modell mit Riemenbindung: Air Tech New-Classic von Grivel

In technischem Gelände kommen Kipphebelbindungen zum Einsatz. Der Kipphebel befindet sich dabei am hinteren Teil des Steigeisens. Vorne kommt ein Bügel zum Einsatz, der sich ebenfalls präzise auf dem Schuh platzieren lässt. Voraussetzung dafür sind Berg- oder Skischuhe mit harten Kantenrändern – oder anders ausgedrückt: Steigeisenfeste Schuhe.

Kipphebelbindung: Alpinist Pro von Salewa
Kipphebelbindung: Alpinist Pro von Salewa

Kipphebelbindungen sind leicht und lassen sich schnell anbringen. Das System ist vor allem auf Skitouren mit steifem Schuhwerk äusserst praktisch. Wobei sich hier ein gefährlicher Irrglaube hartnäckig hält: Nämlich, dass Kippelhebelsteigeisen an Bergschuhen absolut bombensicher halten.

Sind Kipphebelbindungen nicht steif genug, können die Steigeisen wegrutschen.

Und das kann unter Umständen tödlich enden. Darum gibt es auch noch eine Hybridlösung – eine Kombination aus Körbchen vorne und Hebel hinten. Mit dieser Allrounder-Variante wird ein breites Spektrum an Tourenmöglichkeiten abgedeckt.

Einsatzzweck

Auch wenn die Verschlusssysteme den Einsatzzweck mehr oder weniger klar vorgeben, gibt es an Steigeisen weitere Eigenschaften, die berücksichtigt werden sollten, je nach dem, in welchem Gelände man unterwegs ist.

  • Leichte Hochtouren und Gletschertrekkings
    Gehkomfort steht hier im Vordergrund. Daher sollten diese Steigeisen leicht sein, Aluminium eignet sich als Basismaterial daher am besten. Zehn bis zwölf Zacken kommen hier zum Einsatz. Die zwei Frontzacken können für kurze Eis- und Steilhänge eingesetzt werden.
  • Hochtouren für Fortgeschrittene
    Auf anspruchsvollen Touren wird höchstwahrscheinlich mehr Felskontakt stattfinden. Aluminium wäre hier zu schnell ramponiert, daher greift man besser zu robustem Stahl. Zwölf Zacken sind Standard. Zusätzliche, schräge Frontzacken versprechen mehr Halt.
  • Steileis und Wasserfälle
    Bei extremem Gelände liegt der Fokus klar auf den Frontzacken. Diese sind für die Vertikale wie Pickel ausgerichtet.

Und sonst?

Neben eindeutigem Einsatzzweck und sicherheitsrelevanten Aspekten gibt es noch einige weitere Eigenschaften, die je nach Präferenz anders ausfallen. Antistollplatten – wobei diese eigentlich zur Sicherheit gehören – sind nennenswerte Teile von Steigeisen sowie auch die Länge und Ausrichtung der Zacken. Hier muss zwischen Gehkomfort und Greiffestigkeit entschieden werden.

Steigeisen muss man regelmässig pflegen, schleifen und auf Materialverschleiss untersuchen.

Zu guter Letzt kommt ein unscheinbarer aber nicht unwichtiger Faktor zum Zug: Was mit den Steigeisen machen, wenn man sie nicht braucht? Wer keine zerfetzte Kleidung im Rucksack haben möchte, versorgt seine Krallen in einer separaten Transporttasche.

Und wenn die Steigeisen nach intensivem Gebrauch im Keller eingelagert werden, dann sollte man sie regelmässig pflegen, schleifen und auf Materialverschleiss inspizieren – damit sich die archaisch anmutenden Geräte auch noch lange Zeit mit ihren Krallen in Eis und Fels festbeissen.

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Credits: Titelbild Unsplash

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