Kletterskalen erklärt: UIAA, Fontainebleau, V-Grade & Co.

Klettern ist international – aber die Bewertung von Routen und Bouldern ist alles andere als einheitlich. Je nach Region und Disziplin gibt es unterschiedliche Skalen, die Schwierigkeitsgrade oft auf sehr eigene Weise definieren.

Ob UIAA, französisch, YDS, Fontainebleau (Fb), V-Grade, British Trad oder skandinavisch: Jedes Grading-System hat seinen Ursprung, seine Logik und seinen Anwendungsbereich. Wir haben uns mit den verschiedenen Systemen beschäftigt, um euch einen Überblick zu geben.

Sportklettern

1. UIAA-Skala

Die UIAA-Skala (Union Internationale des Associations d’Alpinisme) wird vor allem im deutschsprachigen Raum für die Bewertung von Sportkletterrouten am Fels verwendet. Auch in Kletterhallen erfreut sich die UIAA-Skala an Beliebtheit. Sie bewertet die technisch schwierigste Stelle der Route, unabhängig von der Gesamtlänge oder Absicherung. Dargestellt wird sie mit arabischen Zahlen, die zusätzlich durch ein Plus oder durch ein Minus auf- bzw. abgewertet werden können.

  • Typ: Sportklettern
  • Region: Deutschland, Österreich, Schweiz, Europa
  • Skala: Arabische Zahlen & optional + oder –
  • Beispiel: 4, 4+, 5-, 5, 5+
  • Besonderheit: Bewertet nur die Schlüsselstelle, nicht die Gesamtschwierigkeit
Topo mit Schwierigkeitsangaben in der UIAA-Skala
Topo mit Schwierigkeitsangaben in der UIAA-Skala

2. Französische Skala (internationales Sportklettern)

Die französische Skala ist der weltweite Standard im Sportklettern. Sie bewertet die durchschnittliche Schwierigkeit über die gesamte Länge – also auch Ausdauer, Lesbarkeit und technische Vielfalt. Durch zusätzliche Buchstaben sind hier mehr Schritte möglich als bei der UIAA-Skala. Anders als bei letzterer wird in der französischen Skala manchmal ein zusätzliches + vergeben, ein – allerdings nicht.

  • Typ: Sportklettern
  • Region: Frankreich, weltweit verbreitet
  • Skala: Arabische Zahlen & Buchstabe (a, b, c) & optional +
  • Beispiel: 6a, 6b+, 7c, 8a+
  • Besonderheit: Gilt als fein abgestuft und intuitiv nachvollziehbar
Trad-Kletterer im Vorstieg | Bild: Adobe Stock
Trad-Kletterer im Vorstieg | Bild: Adobe Stock

3. Yosemite Decimal System (YDS) – USA

Das Yosemite Decimal System (YDS) ist das amerikanische Pendant zur französischen Skala im Sportkletterbereich. Das YDS wurde erstmals im Yosemite Valley der 1950er Jahre aufgestellt und verbreitete sich schnell über Nordamerika. Es besteht aus drei Komponenten: Klasse, Schwierigkeit und einer später eingeführten weiteren Abstufung der Schwierigkeit.

Das YDS stammt ursprünglich aus dem Bergsport und ist dezimal aufgebaut: Klassen 1 und 2 des Systems beziehen sich auf Wandern oder Traillaufen, Klasse 3 beschreibt mäßig anspruchsvolle Bergtouren und Klasse 4 gilt als »Zwischenstufe« für anspruchsvolleres Bergsteigen. Bei Klasse 5 beginnt der Sportkletterbereich. Innerhalb der Klasse 5 beschreiben steigende Dezimalziffern die steigende Schwierigkeit der Routen. Ab dem Bereich 5.10 kommen noch Buchstaben von a bis d hinzu, die weitere Unterteilungen liefern: 5.10a ist z.B. leichter als 5.10d, dann folgt 5.11a usw.

  • Typ: Sportklettern, Trad-Klettern
  • Region: USA, Kanada
  • Skala: 5. & Zahl (0-15) & Buchstabe ab dem Grad 5.10 (a–d)
  • Beispiel: 5.6, 5.10a, 5.12c, 5.15b
  • Besonderheit: Internationale Relevanz wegen berühmter Gebiete wie Yosemite oder Red River Gorge
Trad-Klettern im Indian Creek | Bild Adobe Stock
Trad-Klettern im Indian Creek | Bild: Adobe Stock

4. British Trad-Grade – Sonderfall Großbritannien

Das britische Trad-Bewertungssystem ist einzigartig, weil es zwei Skalen kombiniert: den »Adjectival Grade« (heute primär E-Grade), eine umfassende Einschätzung der Schwierigkeit der Route inklusive technischer Anforderungen, Absicherung, Ausdauer, mentaler Stärke und Felsbeschaffenheit, und den »Technical Grade« der die technischen Anforderungen des schwersten Zuges bewertet. Aus dieser Kombination kann auf einzigartige Weise der Charakter einer Route bestimmt werden. 

Die moderne Skala beginnt bei E1 (leichter Extrembereich) und ist theoretisch nach oben offen (aktuell etwa E11/E12 für die härtesten Routen). Eine Route mit niedrigem technischen Grad kann also trotzdem einen hohen E-Grad haben, wenn sie schlecht absicherbar ist und damit psychisch herausfordernd. Eine Route mit hohem technischen Grad kann einen vergleichsweise niedrigen E-Grad haben, wenn sie sehr gut abgesichert ist. Kletterer im Vereinigten Königreich legen traditionell Wert auf diese Unterscheidung – und auf das traditionelle Klettern generell, das in der britischen Szenen einen besonderen Stellenwert hat.

  • Typ: Trad-Klettern
  • Region: Großbritannien
  • Skala:
    • Adjectival Grade: traditionell: Modd, Diff, D, VD, S, HS, VS, HVS; modern: E1–E12
    • Technical Grade: 4a–7a
  • Beispiel: E5 6a, HVS 5a, E9 6c
  • Besonderheit: Bewertet nicht nur Technik, sondern auch Risiken und Gesamtbelastung

5. Skandinavische Skala (Norwegen, Schweden, Finnland)

Die skandinavische Skala ist in weiten Teilen Nord- und Osteuropas verbreitet. Sie orientiert sich grob an der UIAA-Logik und ist nach oben offen. Genutzt wird sie im Sport- und Alpinklettern. Unterschieden werden hier nochmal die Finnische und die schwedisch/norwegische Skandinavische Skala. 

  • Typ: Sportklettern & Alpinklettern
  • Region: Skandinavien
  • Skala: Arabische Zahlen & optional + oder –
  • Beispiel: 5-, 6, 7+, 9-
  • Besonderheit: Fließende Übergänge, keine Buchstaben wie im französischen System
Vergleich der gängigen Kletterskalen
Vergleich der gängigen Kletter- und Boulderschwierigkeitsskalen

Gibt es Unterschiede bei Kletter- und Boulder-Skalen?

Kurz und Knapp: Ja. Beim Sport- oder Trad-Klettern fließen einige Komponenten in die Bewertung mit ein: Neben technischer Herausforderung und Kraft bewerten die Kletter-Skalen auch die Ausdauer, die eine Route fordert, wie schwer Zwischensicherungen zu legen oder einzuhängen sind und den mentalen Anspruch.

Beim Bouldern hingegen geht es meist um kurze, intensive Bewegungsabfolgen: wenige Züge, die hohe Maximalkraft, Präzision oder auch Explosivität erfordern. Im Kern bewerten Boulder-Skalen nur die Crux, also die schwerste Einzelbewegung bzw. die härteste Sequenz des Boulders. Die wichtigsten Schwierigkeitsskalen fürs Bouldern sind die Fontainebleau-, und die V-Skala.

Bouldern

6. Fontainebleau-Skala (Fb) – Bouldern in Europa

Die Fontainebleau-Skala stammt aus dem gleichnamigen Wald südlich von Paris, einem der beliebtesten Bouldergebiete der Welt. Sie ist heute der europäische Standard für das Bewerten von Bouldern, sowohl draußen als auch in Hallen. Wie in der französischen Skala beim Sportklettern kann auch hier ein optionales + vergeben werden.

  • Typ: Bouldern
  • Region: Frankreich, Europa, international
  • Skala: Zahlen mit großgeschriebenen Buchstaben & optionalem +
  • Beispiel: 5A, 6C+, 7A, 8B+
  • Besonderheit: Bewertet nicht nur einzelne Züge, sondern den Boulder als Ganzes

7. V-Grade – Bouldern in den USA

Das V-System wurde in den USA entwickelt und verdankt seinen Namen dem Kletterer John »Vermin« Sherman. Es ist der US-Standard für den Bouldersport und wird auch zunehmend weltweit verwendet – gerade in Hallen mit internationalen Gästen.

  • Typ: Bouldern
  • Region: USA, international verbreitet
  • Skala: V0 bis V17 (offen nach oben)
  • Beispiel: V2, V5, V10, V15
  • Besonderheit: keine Buchstaben, nur Zahlen
Vergleich der Fb- und V-Skala
Vergleich der Fb- und V-Skala

Welche Skala greift in der Halle? 

In den meisten Kletterhallen wird die französische Skala verwendet, weil sie international verständlich und gut abgestuft ist. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sieht man aber oft auch zusätzlich die UIAA-Skala.

Boulderhallen in Europa greifen zwar auch gelegentlich auf die Fontainebleau- oder V-Skala zurück, nutzen aber überwiegend Zahlen oder Farbenmarkierungen, die die Schwierigkeit eines Boulders anzeigen. Die Farbmarkierungen kommen genau genommen auch aus Fontainebleau, wo das Parcour-Bouldern erfunden wurde.

Farbmarkierungen eine einem Parcourboulder in Fontainebleau | Bild: Adobe Stock
Farbmarkierungen eine einem Parcour-Boulder in Fontainebleau | Bild: Adobe Stock

An Trainingsboards wie dem Moonboard oder dem Kilterboard begegnen uns jedoch die Fb- sowie die V-Skala wieder. 

Am Fels bin ich schwächer? Indoor-Skalen erklärt

In der Kletterhalle geht die 8- problemlos, aber am Fels ist eine 7 schon fast unmöglich – das können nicht die gleichen Schwierigkeiten sein! Doch. Am Fels nicht den selben Grad wie in der Halle zu klettern ist ganz normal. In der Halle sind Griffe klar definiert und farblich markiert. Du siehst sofort, was du halten oder treten kannst. Außerdem wird von den Schraubenden darauf geachtet, dass die Züge für fast jede Größe und Spannweite machbar sind. Am Fels sind Griffe schwerer zu erkennen, teils unsauber oder glatt. Vieles fühlt sich unklar oder komisch an, bis du die richtige Lösung findest. Da heißt es: Probieren und Suchen!

Generell gilt: Insbesondere in Boulderhallen werden Boulderprobleme oft etwas weicher bewertet, um zugänglicher zu sein. Am Fels gibt es je nach Gebiet häufig »undankbarere« traditionellere Bewertungen. Eine 6C in Fontainebleau kann sich also zum Beispiel deutlich schwerer anfühlen, als ein 6C-Boulder in der Halle.

Wie weit gehen die Schwierigkeitsgrade?

Alle Kletter- und Boulderskalen haben eines gemeinsam: Sie sind nach oben offen. Es kann immer schwerer werden, immer weiter, immer extremer. Die derzeit schwierigste Route der Welt ist Silence 9c (5.15d im Yosemite Decimal System) im norwegischen Flatanger, erstbegangen von Adam Ondra. Bisher ist es noch niemandem gelungen, Silence zu wiederholen, bis dahin bleibt sie der Maßstab für die absolute Höchstleistung im Sportklettern.

Was bei all der Diskussion um Schwierigkeitsgrade wichtig ist: Am Ende ist eine Zahl eine Orientierung und jeder Körper und damit jede Klettererfahrung ist individuell. Grade helfen nur bei der Einordnung, Bewegung, Fokus und Abenteuer sollten noch über der Schwierigkeit einer Route stehen. 

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Credits: Alle Bilder Adobe Stock

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1 Kommentar

  1. Der Vollständigkeit halber wäre noch die Bewertungsskala, die in z.B. Australien, Südafrika, etc. verwendet wird noch erwähnenswert gewesen.
    Grüsse aus Gais von B. Räber

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