Tenzing Norgay: Ein Film über den Everest-Erstbesteiger

Seit 16. Oktober streamt Apple TV „Tenzing“: einen Everest-Film, der zum ersten Mal nicht Edmund Hillary, sondern Tenzing Norgay ins Zentrum stellt. Wer war der Mann, den die Welt lange nur als Begleiter kannte – und wie nah kommt ihm der Film?

29. Mai 1953, 11:30 Uhr, 8.848 Meter. Ein Mann in dicker Expeditionskleidung, das Gesicht fast vollständig verdeckt durch Sauerstoffmaske und Gletscherbrille, reckt einen Eispickel in die Luft. Nach mehr als 30 Jahren, zahlreichen vergeblichen Versuchen und vielen Toten war endlich die Erstbesteigung des Mount Everest gelungen. Der darauffolgende Presserummel war enorm und das Gipfelfoto wurde zu einem der berühmtesten des 20. Jahrhunderts. Dass es aber Tenzing Norgay zeigt, ist weit weniger präsent: Edmund Hillary stand hinter der Kamera.

Tenzing Norgay: Zum ersten Mal im Mittelpunkt

73 Jahre später bekommt der Mann auf dem Foto einen eigenen Spielfilm. „Tenzing“ startete am 16. Oktober weltweit bei Apple TV, eine Woche zuvor lief er in ausgewählten US-Kinos an. Regie führte die Australierin Jennifer Peedom, die 2015 mit der preisgekrönten Dokumentation „Sherpa“ bekannt wurde. Genden Phuntsok spielt Tenzing Norgay, Tom Hiddleston Edmund Hillary, und Willem Dafoe den Expeditionsleiter John Hunt. Die Produktion übernahm See-Saw Films, Tenzing Norgays Sohn Norbu war Executive Producer.

Im Film muss Tenzing den Expeditionsleiter John Hunt davon überzeugen, dass er nicht nur als Organisator der Sherpas dabei ist, sondern als vollwertiges Mitglied des Kletterteams. Dem westlichen Bild vom „Bezwingen“ des Everest stellt der Film Tenzings spirituelle Sicht auf den Berg entgegen: Chomolungma, die heilige Muttergöttin.

Lange tauchten Sherpas in Everest-Geschichten eher am Rand auf. Peedom sagte, sie habe als junge Kamerafrau erlebt, wie Sherpas aus Filmen herausgeschnitten wurden. Ihre Dokumentation „Sherpa“ rückte sie 2015 ins Zentrum. Im selben Jahr kritisierten die Sherpas, dass der Hollywood-Film „Everest“ ihre Rolle bei der Katastrophe von 1996 aus ihrer Sicht stark herunterspielte.

Vom Yakhirten zum Bergsteiger

Tenzing Norgay kam 1914 zur Welt, das genaue Datum wie auch der Geburtsort sind unsicher: Er selbst nannte den Khumbu in Nepal, spätere Darstellungen das Kharta-Tal in Tibet. Sein Vater war einfacher Yakhirte und Tenzing zog als junger Mann nach Darjeeling, damals Ausgangspunkt der meisten Expeditionen im östlichen Himalaya.

Dort kam 1935 seine Chance: Eric Shipton stellte ein Team für die Everest-Erkundung zusammen, ein Freund brachte Tenzing ins Spiel und bis 1938 war er bei drei britischen Expeditionen als Hochträger dabei. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte sein Durchbruch: Bei der Schweizer Expedition im Frühjahr 1952 war er erstmals nicht nur Träger, sondern vollwertiges Expeditionsmitglied – und erreichte am 28. Mai mit Raymond Lambert 8.600 Meter, damaliger Höhenrekord.

Im darauffolgenden Jahr waren es dann die Briten, die eine Expedition zum Everest planten – mit Tenzing als Sirdar (Chef der Sherpas). Dabei wollte er eigentlich nicht schon wieder losziehen. Erschöpft und gut sieben Kilo leichter war er erst kurz zuvor von einer weiteren Expedition zurückgekehrt. Jill Henderson, Sekretärin des Himalayan Club in Darjeeling und Organisatorin der Sherpa-Teams, musste ihn mehrmals anfragen. Nach Wochen sagte Tenzing zu – allerdings nur unter der Bedingung, als vollwertiges Mitglied des Kletterteams zu gelten.

29. Mai 1953: Der Gipfelerfolg

Die Hunt-Expedition war ein gewaltiges logistisches Unternehmen, an dem mehr als 400 Menschen beteiligt waren. Das erste Gipfelteam, Tom Bourdillon und Charles Evans, drehte am 26. Mai rund 90 Höhenmeter unter dem Hauptgipfel um, weil Evans’ Sauerstoffgerät ausfiel. Danach schickte Hunt Hillary und Tenzing los. Am 29. Mai erreichten sie gegen 11:30 Uhr den Gipfel. Tenzing legte Süßigkeiten im Schnee als Opfergabe für den Berg ab, Hillary ein kleines Kreuz.

Edmund Hillary und Tenzing Norgay nach ihrem Gipfelerfolg am 29. Mai 1953. (Bild: Jamling Tenzing Norgay, CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons)

Kaum zurück, kreiste die Frage um die Welt: Wer hatte den Gipfel zuerst betreten? Hillary und Tenzing einigten sich darauf, die Reihenfolge nicht öffentlich zu machen: Entscheidend war, dass beide den Gipfel als Team erreicht hatten. Erst in Tenzings Autobiografie „Man of Everest“ heißt es: „Hillary betrat als Erster den Gipfel. Ich stieg nach ihm hinauf.“ An „Erster“ oder „Zweiter“ habe er während des Aufstiegs jedoch keine Sekunde lang gedacht.

Hillary und Hunt wurden 1953 von Königin Elisabeth II. zu Rittern ernannt; Tenzing erhielt die George Medal. In Indien und Nepal wurde Tenzing nach dem Erfolg am Everest als Nationalheld gefeiert. Schon 1954 bekam er eine Anstellung am neu gegründeten Himalayan Mountaineering Institute in Darjeeling, wo er bis 1976 tätig blieb. 1978 gründete er die Trekkingfirma Tenzing Norgay Adventures. Am 9. Mai 1986 starb Tenzing in Darjeeling.

Chomolungma (Mitte), wie Sherpas und Tibeter den Everest nennen. (Bild: Vyacheslav Argenberg, CC BY 4.0 / Wikimedia Commons)

„Tenzing“ im Faktencheck: Fiktion oder Realität?

Ein Biopic muss verdichten, Figuren zusammenführen und Szenen erfinden. Jennifer Peedom und Norbu Tenzing betonen im Interview mit „Climbing“ entsprechend, dass ein Spielfilm über Tenzing nicht jede Episode historisch exakt rekonstruieren könne. Die großen Eckdaten der Everest-Geschichte stimmen: John Hunt setzte zunächst auf Tom Bourdillon und Charles Evans als erstes Gipfelteam; Hillary und Tenzing waren jedoch schon früh als zweites Gipfelteam vorgesehen. Bourdillon und Evans scheiterten am 26. Mai, zwei Tage später machten sich Hillary und Tenzing auf den Weg zum Gipfel.

Vor allem Tenzings Kindheit wird für den Film dramatisiert. Für die Darstellung, seine Eltern hätten ihn bewusst zurückgelassen, gibt es jedenfalls keinen belastbaren Beleg. Ebenso lässt sich die Begegnung des jungen Tenzing mit George Mallory nicht eindeutig verifizieren.

Der Film greift zudem die Frage nach Herkunft und Zugehörigkeit auf und verdichtet sie in der Figur des Pasang. Eine persönliche Feindschaft zwischen den beiden ist historisch jedoch nicht belegt. Tatsächlich genoss Tenzing als erfahrener Bergsteiger und Sirdar hohes Ansehen unter den Sherpas. Auch Hunts Haltung wird im Film zugespitzt: Zwar sollte Tenzing die Sherpa-Mannschaft leiten, doch seine außergewöhnlichen bergsteigerischen Fähigkeiten waren längst bekannt.

„Tenzing“ erzählt die Everest-Erstbesteigung aus der Perspektive eines ihrer wichtigsten Protagonisten. Damit gibt der Film einem Bergsteiger mehr Raum, dessen Leistung in vielen westlichen Erzählungen lange im Schatten Hillarys stand – und erinnert zugleich daran, welchen entscheidenden Anteil die Sherpas am Erfolg von Everest-Expeditionen haben.

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Credits Titelbild: Apple TV Press

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