Vor kurzem punktete Chris Frick in Rawyl Stop Sika (8c) – und das mit stolzen 54 Jahren. Wie ihm dies gelungen ist, erklärt der Mittfünfziger in den nachfolgenden Zeilen. Eine Ode an grosse Ziele, unerschütterlichen Optimismus und gezieltes Training.

Im Klettermekka Rawyl gelingt Chris Frick die von Didier Berthod erstbegangene 8c-Linie Stop Sika. Die Route sei schon immer sein Traum gewesen, sagt der 54-Jährige. «Die Linie sieht so gut aus. Zweifellos sind die technischen Schwierigkeiten und die kleinen Leisten anspruchsvoll. Ehrlich gesagt war es immer die hohe Bewertung, die mich abgeschreckt hat.»

«Für meine Generation klingt 8c immer noch wie eine Reise zum Mars.»

Chris Frick
Chris Frick: «Es ist doch besser, an einer Traumroute zu scheitern, als zu der späten Erkenntnis zu gelangen, es nie wirklich versucht zu haben.» Bild: Sabrina Johner
Chris Frick: «Es ist doch besser, an einer Traumroute zu scheitern, als zu der späten Erkenntnis zu gelangen, es nie wirklich versucht zu haben.» Bild: Sabrina Johner

8c – eine mentale Barriere

Chris Frick, seit vier Jahrzehnten in einem Mix aus besseren und schlechteren Tagen, Überraschungen, Hürden und Verletzungen am Fels unterwegs, hat sich nie vom Klettern ausgebrannt gefühlt. Im Gegenteil: «Klettern ist für mich immer noch eine Kraftquelle, Inspiration und Freude.» Und trotzdem markiere der Grad 8c eine mentale Barriere. Die letzten Route in diesem Grad gelang ihm vor sechs Jahren.

Als er sich vor sieben Jahren für die vegane Ernährung entschied, sei sein Energieniveau gestiegen. Und mit steigender Energie und Klettererfahrung traute er sich auch ausserhalb des heimischen Basler Juras Routen an seinem persönlichen Limit auszuprobieren. Seine Devise: «Es doch besser ist, an einer Traumroute zu scheitern, als zu der zu späten Erkenntnis zu gelangen, es nie wirklich versucht zu haben. Deshalb fasste ich all meinen Mut und stieg letzten Herbst ein erstes Mal in Stop Sika ein.»

Chris Frick beim No-Hand-Rest in Stop Sika (8c). Bild: Isabelle Bihr
Chris Frick beim No-Hand-Rest in Stop Sika (8c). Bild: Isabelle Bihr

Ein Leben als Klettermönch

Zwar zeigten ihm die zwei Schlüsselstellen seine Schwäche und seine Steifheit auf, doch entmutigen liess er sich nicht. Er probierte andere 8c’s insbesondere Mind Control in Oliana, eine Linie, welche Stop Sika sehr ähnlich ist.

Seine Versuche in der spanischen Wintersonne zogen die Aufmerksamkeit von Vanda Michalkova (Kadermitglied Team Slovakei) auf sich, die ihm kurzerhand vorschlug, einen auf ihn zugeschnittenen Trainingsplan zu erstellen.

«Bisher betrachtete ich mich als trainingsresistent, da ich vor einundzwanzig Jahren einmal einen Versuch mit einem Trainingsplan startete und nach einiger Zeit wieder abbrach. Es erschien mir damals als steifes Korsett, fast schon als Ausdruck des Bösen.»

Chris Frick

Trotzdem liess er sich auf das Experiment ein. Einerseits, weil er während seiner Versuche selber erkannte, dass er für einen Durchstieg etwas an seinem Klettern verändern musste. Andererseits weil Vanda Michalkova rasch erkannt habe, woran der 54-Jährige arbeiten musste: Körperspannung, Schulter, Langzeitausdauer.

Heute sei er viel offener, Neues auszuprobieren, sagt Chris Frick. Klettern quasi als Labor, um den Erfahrungshorizont auszubauen. Also lebte er mehrere Monate lang das Leben eines Klettermönchs und verbrachte den grössten Teil seiner Freizeit mit Training.

Für den erfolgreichen Durchstieg arbeitete der Mittfünfziger gezielt an Körperspannung, Schulterkraft und Langzeitausdauer. Bild: Isabelle Bihr
Für den erfolgreichen Durchstieg arbeitete der Mittfünfziger gezielt an Körperspannung, Schulterkraft und Langzeitausdauer. Bild: Isabelle Bihr

Training im Alter – aufräumen mit Halbwahrheiten

Vieles, das ihm sein personal Coach vorschlug, klang für den Mittfünfziger logisch und selbstverständlich. Und doch habe er eine veränderte Einstellung und frische Sichtweise darauf benötigt, was Training möglich macht, wenn man älter wird.

Früher seien viel Halbwissen und Gerüchte verbreitet worden. «Ich kann mich gut an eine Begebenheit vor über zwanzig Jahren erinnern, als mir jemand sagte, ein Training nach 38 würde keinen Sinn mehr machen, weil dann weder Muskelquerschnitt noch Maximalkraft trainierbar seien.» Solche Gespenster galt es erst mal zu vertreiben.

«Ich kann mich gut an eine Begebenheit vor über zwanzig Jahren erinnern, als mir jemand sagte, ein Training nach 38 würde keinen Sinn mehr machen, weil dann weder Muskelquerschnitt noch Maximalkraft trainierbar seien.»

Chris Frick

Sein dreimonatiger Trainingsplan bestand im wesentlichen aus drei Indoor-Trainingseinheiten (Mix aus TRX, Campus, Bouldern und Ausdauereinheiten) unter der Woche und dem Wochenende am Fels. Das Training sei zugegeben sehr intensiv gewesen, doch er wisse von sich selber, dass er physisch recht belastbar sei, so Frick.

Gedankliche Antizipation, Agilität und Ernährung

Einen spürbaren Effekt auf das Klettern begann sich einen Monat nach Ende des Trainings abzuzeichnen: «Auf einem mehrwöchigen Klettertrip konnte ich fast jeden Tag eine Route im unteren achten Franzosengrad klettern.» In den Augen von Chris Frick eine gute mentale Vorbereitung, da er sich daran «gewöhnte», den Umlenker zu klippen.

Seine mentale Barriere, als Mittfünfziger eine 8c durchsteigen zu können, versuchte er auch am Campusboard anzugehen, indem er den Durchstieg gedanklich antizipierte.

«Nicht ganz unwesentlich war auch, dass ich die Agilität, etwas das mit zunehmendem Alter verloren geht, im Auge behielt und durch ein tägliches, aktives Strechingprogramm förderte.»

Chris Frick

Punkto Ernährung nahm Chris Frick keine grundlegende Änderungen vor, da er als Veganer ohnehin auf eine komplette und ausgewogene Ernährung achte. «Als Supplemente nehme ich einzig Vitamin B12, welche ich in Phasen hoher Trainings- und Kletterbelastung um Zink, L-Lysin und Vitamin D3 ergänze.»

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Chris Frick: ««Ich kann auf jeden Fall nun aus eigener Erfahrung sagen, dass ein Training auch in den älteren Tagen nützt.» Bild: Isabelle Bihr

Durchstieg im letzten Moment

Am Freitag, 16. September, konnte er dann nach einem perfekten Go den Umlenker klippen. «Ich behielt den Fokus, zögerte und zweifelte nicht.» Der Durchstieg kam im letzten Moment, wie sich am nächsten Tag herausstellte, als in der alpinen Umgebung der erste Schnee bis an den Wandfuss fiel.

Und was das gezielte Training angeht, so hat Chris Frick eine klare Haltung: «Ich kann auf jeden Fall nun aus eigener Erfahrung sagen, dass ein Training auch in den älteren Tagen nützt. Auch die Physis hat sich positiv verändert. Die Definition sieht noch mehr nach Klettern aus. Es war und ist spannend zu sehen, was möglich ist. Venga!»

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Credits: Titelbild Isabelle Bihr

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