Solveig Korherr hat „Histoire sans Fin“ (8b+) am Petit Clocher du Portalet im Wallis frei geklettert. Die acht Seillängen lange Granitroute gelang ihr am 23. August 2026 nach zweieinhalb Wochen Arbeit und sieben Klettertagen, gemeinsam mit der französischen Kletterin Soline Kentzel.
Acht Seillängen, vier davon richtig hart
Die Route zieht über acht Seillängen durch den Granit des Petit Clocher du Portalet (2.821 m). Vier Längen bilden die Schlüsselstellen: ein 7c+-Riss, ein bouldriger, fingerlastiger 7c-Quergang, eine 8b-Arête, eine 8a+-Platte – dazu die 8b+, die der Route ihren Grad gibt. Nach dem ersten Klettertag ging es früher als geplant zurück nach unten: zu viel gewollt, danach krank und ausgelaugt.
Am ersten Klettertag habe ich es definitiv übertrieben. Hinterher fühlte ich mich krank und völlig erschöpft, und wir mussten früher als geplant absteigen. Glücklicherweise begann ich mich langsam zu erholen und mich an die langen Tage in der Wand zu gewöhnen.
Solveig Korherr über ihre Begehung der „Histoire Sans Fin“

Der Plan hieß Teambegehung
Lange sah es nicht nach einer Begehung durch eine einzelne Person aus. Die beiden teilten die vier harten Längen untereinander auf – Korherr übernahm die 8b+ und die 8a+-Platte, Kentzel die 8b-Arête und den 7c+-Riss. Probiert haben beide trotzdem alles. Für Korherr rückte der 7c+-Riss dabei in Reichweite, die 8b-Arête blieb zunächst weit weg. Dann bremste das Wetter. Beim vorletzten Anlauf brachen die beiden ab, weil es schlicht zu kalt war, die ersten leichten Längen kletterte Korherr in der Daunenjacke. In ihren Worten: „Es war no bueno“. Für die Route blieb damit noch genau ein Tag.

Ein Tag, alle Längen
Kentzel stieg den 7c+-Riss vor, Korherr kletterte ihn danach. Darauf folgte der 7c-Quergang. Vor der 8b+ wartete sie, bis die Sonne von der Pfeilerseite wanderte und war dann aber doch zu ungeduldig: Im ersten Versuch rutschte sie an den Slopern der Schlüsselstelle ab. Mit ein paar Detailänderungen in der Beta ging die Länge im zweiten Anlauf. An der 8b-Arête fiel Kentzel im allerletzten Zug vor dem Stan. Korherr stieg danach ein, stürzte im ersten Versuch wegen eines kleinen Fehlers und ließ sich anschließend exakt drei Minuten Zeit, ehe sie einen zweiten Versuch wagte. Die Kletterschuhe zog sie dafür nicht aus. Im zweiten Versuch kam sie durch die Arête und in den Quergang darüber. „Wenn du nicht weißt, was du machen sollst, dann crimp die Griffe einfach zu Tode, so wie du das immer machst – dann hast du das!“, schallte es vom Stand zu ihr hoch. Und tatsächlich war der Tipp der richtige. Korherr schaffte es bis zum Stand und eine freie Begehung rückte in greifbare Nähe, wenn auch nicht mehr als Team Begehung. Es blieb die 8a+-Platte: nicht Korherrs Stil, mit blutigen Fingerkuppen und langen Hakenabständen zum Ende hin. Aber auch die ging.
Eine unendliche Geschichte
Die Linie hat eine lange Vorgeschichte. 2001 richteten Didier Berthod und François Mathey die erste, später berühmte Rissseillänge ein. 2020 verlängerten Fabian Borter, Bertrand Martenet und Berthod die Linie bis zum Gipfel. Die erste freie Begehung gelang im August 2021 Sébastien Berthe und Siebe Vanhee. Im Juli 2025 wiederholten Camilla Moroni und Pietro Vidi die Route, Moroni gelang dabei die erste freie Begehung durch eine Frau. Solveig Korherr ist damit die zweite Frau, die „Histoire sans Fin“ frei geklettert hat.




Bilder oben: Die atemberaubende Umgebung am Petite Clocher und Kentzel und Korherr in der Wand; unten: Die Seilschaft am Stand. | Bilder: Solveig Korherr und Emile Pino
Twix auf dem Gipfel
Für Kletterinnen und Kletterer, die im alpinen Sportklettern unterwegs sind, gehört die Route zu den harten Referenzen im Granit. Korherr selbst beschreibt sie als eine der schönsten und schwersten Granit-Mehrseillängen Europas. Den Ausschlag gab am Ende weniger die Form als die Erwartung:
„Den Druck rauszunehmen hat mir erlaubt, viel lockerer und neugieriger zu klettern – einfach zu schauen, ob ich das ganze Ding in mir habe.“
Solveig Korherr in ihrem Bericht zur Begehung
Oben angekommen blieb den beiden ein Twix. Der letzte Snack, den sie noch dabeihatten.
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