Spielerisch, leidenschaftlich und explosiv – Das ist Cloe Coscoys Boulderstil. Sie vereint beeindruckende Stärke mit einer ansteckenden Freude, ist eine erfolgreiche Kletterin in der internationalen Wettkampfszene und Mitglied des US-Nationalteams. Drei mal war sie Panamerikanische Meisterin und drei mal US-Vizemeisterin. Durch das Bouldern hat sie ihren ganz eigenen Weg gefunden sich selbst zu verwirklichen und zu zeigen wer sie ist.
Es ist lustig, denn jedes Mal vor einem Wettkampf, gibt es diesen kurzen Moment, in dem ich denke: Was mache ich hier eigentlich!? Warum habe ich mich in diese Situation gebracht?
Cloe Coscoy
Die Freude an schweren Zügen ist ihr ins Gesicht geschrieben, während sie Boulderfans dazu ermutigt sich an einige der Wettkampfrouten des Get High Finales in Berlin ran zu wagen. Dabei haben wir sie getroffen und mit ihr über Mindset, Gemeinschaft und ihre grenzenlose Freude am Sport gesprochen.


Im Gespräch mit Cloe – Mindset, Gemeinschaft & Leidenschaft
Lacrux: Was am Klettern hat dich so fasziniert?
Cloe: Ich bin mit vielen Sportarten aufgewachsen, zum Beispiel war ich eine Zeit lang in einem Schwimmteam, bin Cross Country gelaufen, habe Tennis gespielt, bin Skateboard gefahren und habe einige Schneesportarten gemacht. All diese Sportarten hab ich geliebt. Mir hat der Wettkampf gefallen, mir hat es gefallen raus zu gehen und aktiv zu sein, mich zu bewegen. Aber jede dieser Sportarten habe ich nach ein paar Jahren nicht mehr so intensiv verfolgt oder damit aufgehört.
In dem Moment als ich das Klettern entdeckt habe, wusste ich, dass ich nicht mehr damit aufhören würde. Ich denke, das kommt daher, dass ich hier meinen Körper auf eine kreative und spielerische Art und Weise auspowern kann. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten einen Zug zu machen, dabei öffnet sich eine ganz neue Welt, in der man merkt: Ich kann das auf meine ganz eigene Weise machen. Auf meine spielerische Art und Weise, die sich richtig anfühlt und Spaß macht. Und das fand ich beim Klettern so cool. Deshalb bin ich dabei geblieben.
Lacrux: Wie fühlt es sich für dich an, ein Problem auf deine ganz eigene Weise zu lösen?
Cloe: Eine Besonderheit beim Wettkampf ist, dass man selbst sein größter Unterstützer ist. Gleichzeitig ist man selbst aber oft auch die Person, die einen am meisten bremst – vor allem durch den eigenen Glauben an die eigene Leistungsfähigkeit. Genau das hat mir beigebracht, mir selbst zu vertrauen, an mich zu glauben und bereit zu sein, Risiken einzugehen. Ich denke, dass Klettern in dieser Hinsicht einzigartig ist: Wenn man sich wirklich auf etwas einlässt und es zu seinem eigenen macht, ist das Erlebnis am Ende oft sehr erfüllend.

Lacrux: Hat das Klettern dein Selbstvertrauen in irgendeiner Weise beeinflusst?
Cloe: Definitiv. Ich bin durch das Klettern selbstbewusster geworden. Außerdem habe ich mich in der Kletter-Community immer sehr wohl gefühlt. Es ist eine Gemeinschaft, die mich herzlich aufgenommen und begeistert hat. Wenn ich zum Beispiel in die Halle gehe, ist das ein Ort, an dem ich sofort alles hinter mir lassen kann. Egal, ob der Tag stressig war oder die Woche anstrengend – in dem Moment, in dem ich die Halle betrete, kann ich loslassen, ganz ich selbst sein und mich wohlfühlen. Diese leichte, spielerische Herangehensweise an das Klettern begleitet mich ständig. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die Kletterhalle ein sehr offener, einladender Raum ist.
Lacrux: Denkst du die mentalen Herausforderungen haben beim Klettern genauso viel Gewicht, wie die körperlichen?
Cloe: Ohne Zweifel ist für mich der mentale Aspekt einer der wichtigsten überhaupt – zumindest für die Art, wie ich gerne klettere. Das Entscheidende, um mich auf der Matte gut zu fühlen und letztlich meine Leistung abrufen zu können, ist Energie. Wenn ich energiegeladen und enthusiastisch bin, kann ich mich besser auf harte oder knifflige Züge einlassen, mutiger, explosiver und kraftvoller klettern. Wenn ich es schaffe mich in diesen Zustand zu versetzen, blühe ich richtig auf. Das kann durch ganz verschiedene Sachen passieren: Musik hören, mit Freund:innen sprechen oder leichtere Züge machen um in Schwung zu kommen. Dieser Modus, das ist für mich der Sweet Spot – und genau den suche ich, wenn ich in eine Session starte.

Lacrux: Du meintest, du liebst den Wettkampf. Reicht das auch schon um in deinen Flow kommen?
Cloe: Oh ja, ich liebe Wettkämpfe. Sportwettkämpfe sind das eine, aber Wettkämpfe im Klettern sind einfach das aller beste. Das Lustige ist: Vor jedem Wettkampf habe ich diesen kurzen Moment, in dem ich denke: Moment, was mache ich hier? Ich bin nervös, mein Herz schlägt ein bisschen schneller. Ich denke mir, ich könnte jetzt auch einfach auf der Couch sitzen und abhängen. Warum habe ich mich in diese Situation gebracht?! Aber sobald ich auf die Matte trete, verfliegt das alles. Egal ob die Runde gut läuft oder nicht, da ist dieses Gefühl im Moment zu leben. Das kriege ich nur beim Bouldern, nirgendwo sonst. Am Ende der Runde denke ich mir fast immer, dass ich super froh bin mitgemacht zu haben, weil es wirklich großartig war.
Lacrux: Was fühlst du während einem Wettkampf?
Cloe: Das Größte für mich ist vor allem diese enorme Energie, die ich beim Klettern spüre. Wenn ich eine Route beende, bei der ich mir nicht sicher war, ob ich sie schaffe, oder wenn ich weiß, wie schwer sie war und wie hart ich dafür trainiert habe, und es dann tatsächlich aufgeht – dann passiert etwas. In dem Moment, in dem ich einen Boulder toppe, kommt dieser unglaubliche Energieschub. Das Gefühl ist kaum zu beschreiben, aber es ist genau das, was mich antreibt. Ganz egal, ob es eine gute oder eine schlechte Runde war: Wenn ich auch nur einen Hauch dieses Gefühls spüre, denke ich mir sofort: Das hat sich gelohnt. Und dann will ich mehr davon – größere Bühnen, neue Herausforderungen, weiter Boulder toppen. Das macht mir nämlich einfach unglaublich viel Spaß.

Lacrux: Hast du beim Klettern jemals mit Angst zu kämpfen? Und wenn ja, wie gehst du damit um?
Cloe: Was ich oft erlebe, ist dieser Moment vor einem Zug, der vielleicht etwas riskant ist – zum Beispiel ein Sprung oder ein weiter Move, bei dem ein Sturz unangenehm werden könnte. In solchen Situationen sage ich mir: »Mach es gleich beim ersten Mal«. Man sieht im Wettkampf oft, dass Athletinnen und Athleten einige Versuche dafür hernehmen um Züge zu testen, bevor sie es wirklich versuchen. Aber am Ende läuft es immer auf dasselbe hinaus: auf diesen einen Moment, in dem man denkt: Jetzt gehe ich all-in. Jetzt probiere ich es. Jetzt gebe ich alles. Genau diesen inneren Dialog habe ich dann: »Mach es jetzt. Warte nicht noch zwei Minuten, bis du es richtig versuchst. Mach es jetzt.« Dieses innere »Drei, zwei, eins – los!« ist für mich der einfachste Weg, mit der Angst umzugehen. In dem Moment, in dem ich einfach mache, kann ich alles andere beiseite schieben. Je länger ich aber in dieser Unsicherheit verharre, desto unwohler und unsicherer fühle ich mich.
Lacrux: Als du mit dem Klettern angefangen hast, wusstest du sofort, dass das dein Ding ist. Hast du dir damals schon vorgestellt, den Profi-Weg einzuschlagen?
Cloe: Profisport ist ein sehr unsicheres Feld, und es kann schwierig sein, sich darin wirklich zu verorten. Ein Impostor-Syndrom habe ich sogar heute noch. Manchmal denke ich: »Klettern ist mein Beruf? Das ist irgendwie verrückt. Vielleicht gibt es andere Menschen, die es mehr verdienen würden.« Worauf ich jedoch sehr stolz bin, ist die Tatsache, dass ich seit dem Moment, in dem ich angefangen habe an Wettkämpfen teilzunehmen, immer wusste: Ich möchte mich verbessern und mich selbst herausfordern. Und genau das tue ich seitdem – inzwischen seit über einem Jahrzehnt.
Es gibt auch viele Sessions, da habe ich eigentlich gar keine Lust oder Tage, an denen das Training weniger Spaß macht als sonst. Aber ich schaffe es eigentlich immer das positive zu sehen, weil ich im Klettern so viel Potential für meine Zukunft sehe. Als ich jünger war konnte ich gar nicht anders. Ich wollte so viel wie möglich trainieren, an Wettkämpfen teilnehmen und einfach sehen, was passiert. Das hat für mich Sinn ergeben. Ich habe es einfach geliebt, und dabei habe ich mich am lebendigsten gefühlt. Deshalb bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Und ich werde ihn definitiv auch weitergehen.

Lacrux: Ist Klettern in deinen Augen ein inklusiver Sport?
Cloe: Die Herausforderungen, die beim Klettern auftreten, sind super vielfältig. Sie sind mental, sie sind körperlich, sie sind technisch. Es gibt so viele Komponenten wie Flexibilität, Fingerkraft, Arm- und Oberkörperkraft und jede Komponente passt zu unterschiedlichen Körpertypen, Stärken, Fähigkeiten und Denkweisen über Bewegung, so dass am Ende jeder sein eignes Ding finden kann, in dem er besser ist und was für ihn oder sie funktioniert. Klettern ist super um einen Raum zu schaffen, in dem jeder einen Platz hat.
Lacrux: Fühlst du dich als Profisportlerin verpflichtet ein Vorbild für andere zu sein?
Cloe: Als jemand, der in der Kletterwelt groß geworden ist, kann ich auf jeden Fall sagen, dass es auf mich immer einen großen Einfluss hatte, starken Kletterinnen und Kletterern zuzusehen. Das hat mir geholfen zu verstehen, welche Art von Kletterin ich sein möchte. Je besser man wird, desto mehr schauen die Menschen zu einem auf und damit geht auch Verantwortung einher. Mir ist es wichtig, allen mit Respekt zu begegnen. Wenn Menschen Begeisterung dafür haben sich zu bewegen und zu klettern, dann teilt man bereits etwas Wesentliches. Und das finde ich ziemlich besonders. Diese gemeinsame Leidenschaft schafft einen Raum für Begegnungen, für Gespräche und spannenden Austausch. Immer wenn es mir gelingt – und ich hoffe, andere empfinden das genauso – miteinander ins Gespräch zu kommen, fühlt sich das sehr richtig an. Deshalb spreche ich Menschen gerne an, lerne sie kennen und höre ihre Geschichten. Und wenn wir dabei ein bisschen über Klettern reden, umso besser – denn Klettern macht einfach unglaublich viel Spaß.

Lacrux: Wenn dich jemand, der gerade erst mit dem Klettern anfängt, nach deinem besten Rat fragt – was würdest du dieser Person sagen?
Cloe: Ich glaube das wichtigste ist keine Angst davor zu haben, dass es sich manchmal unangenehm anfühlt. Klettern testet unsere mentalen und körperlichen Grenzen. Wir haben hier also einen relativ einfachen Zugang um genau damit zu spielen. Diese Grenzen ein Stück weit zu verschieben und zu schauen, ob wir uns vielleicht selbst überraschen können und ein kleines bisschen weiter gehen, als wir uns ursprünglich zugetraut hätten. Kleine Risiken einzugehen – an der Wand, aber auch innerhalb der Kletterwelt. Wenn die Kletterhalle ein Ort ist, an dem du dich grundsätzlich sicher fühlst, kannst du dich dort bewusst in leicht unangenehme Situationen begeben. Das kann ein Move sein, den du bisher nicht ausprobieren wolltest oder auch einfach ein Gespräch mit Menschen, von denen du dich vielleicht ein bisschen eingeschüchtert fühlst. Du musst nichts überstürzen. Aber probiere neue Dinge aus. Erlaube dir, dich kurz unwohl zu fühlen. Vielleicht passiert genau dann etwas richtig cooles.
Lacrux: Und zu guter Letzt: Was schätzt du am meisten an der Kletter Community?
Cloe: Am meisten liebe ich die Begeisterung und Verspieltheit in der Community. Ich habe mit dem Klettern angefangen, als ich noch richtig jung war, und jetzt bin ich in meinen Zwanzigern. Auch wenn ich erwachsen werde, bleibt Klettern für mich etwas bei dem ich spielen kann. Das tut mir so gut. Manchmal dreh ich mich zu meinen Freundinnen und Freunden um und sage: »Oh Mann, ich wünschte, wir würden noch Fangen oder Verstecken spielen und all diese Kinderspiele – einfach weil es Spaß macht.« Klettern ist für viele Leute etwas sehr ähnliches wie Fangen oder Verstecken: Es macht einfach Spaß, sich zu bewegen, Dinge beiseite zu legen, begeistert zu sein und zu spielen. Dass wir als Gemeinschaft diese Freude teilen können, finde ich etwas ganz Besonderes. Das schafft wirklich großartige Räume.
Hier gehts zum Interview auf Youtube:
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Credits: Titelbild von Cloe Coscoy Alle Bilder von Cloe Coscoy und Niklas Höllmer

