Als bekannt wurde, dass die beiden Belgier Sébastien Berthe und Siebe Vanhee die Dawn Wall ins Visier nehmen, begann die Gerüchteküche zu brodeln. Würden sie die Route im Rekordtempo begehen und sie vielleicht sogar abwerten? Zwei Monate später zeigt sich: Die starken Belgier tun sich schwer mit der härtesten Mehrseillängenroute der Welt und legen eine Pause ein.

Die vergangenen zwei Monate haben sich Siebe Vanhee und Sébastien Berthe voll und ganz der Dawn Wall verschrieben. Dieser Effort hat Spuren hinterlassen: „Wir sind seit acht Wochen dabei, die Route zu bearbeiten und ich bin an dem Punkt angelangt, an dem es wirklich unbequem ist“, sagt Siebe Vanhee.

Trotz Tipps von Erstbegeher und Yosemite-Legende Tommy Caldwell himself ist die Anfangseuphorie der Belgier in der Dawn Wall einer körperlichen und mentalen Müdigkeit gewichen. Bild Alex Eggermont

Die Lösung: eine kleine Pause

Der belgische Spitzenkletterer sucht sich seine Ziele bewusst so aus, dass sie nie einfach sind und ihn zur Arbeit zwingen. „Die Dawn Wall als Ziel zu setzen, war beängstigend“, erinnert er sich. „Ich bekam Gänsehaut, wenn ich daran dachte, aber es hat mich auch sehr gereizt, weil ich wusste, das es nicht einfach sein würde.“

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Lädierte Finger erschweren das weiterkommen, dazu kommen die mentalen Auseinandersetzungen in einem so grossen Projekt. Bild Julia Cassou

Im ultimativen Bigwall-Testpiece von Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson sind die beiden Belgier jeweils zwei Tage am Stück geklettert und haben dann zwei bis drei Tage pausiert. „Momentan merke ich, dass ich jedes Mal mehr Ruhe brauche, wenn wir runterkommen und dass sich meine Haut nicht mehr so gut zu erholen scheint“, sagt Siebe Vanhee.

„Momentan merke ich, dass ich jedes Mal mehr Ruhe brauche, wenn wir runterkommen und dass sich meine Haut nicht mehr so gut zu erholen scheint.“

Siebe Vanhee

Es sei für ihn auch schwieriger, seine übliche Motivation und seinen Flow beim Klettern zu finden. Das Gefühl, mit vielen persönlichen Kämpfen und kleinen Dämonen konfrontiert zu sein, kennt er aus früheren Projekten. Entsprechend hat er auch eine Lösung für dieses Problem bereit: Eine kleine Pause.

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Siebe Vanhee und Sébastien Berthe in ihrem Camp in der Dawn Wall. Bild Alex Eggermont

Da bei Vanhee zudem ein berufliches Engagement ruft, welches sich nicht verschieben lässt, scheint eine Auszeit von der Dawn Wall die logische Konsequenz. „Das wird der perfekte Moment sein, um meinen Geist und meinen Körper von diesem Megaprojekt zu erholen.

„We got our asses kicked“

Dass Sébastien Berthe und Siebe Vanhee in Topform sind, bewiesen sie letzten Sommer, als sie mit verschiedenen Mehrseillängenklassikern – darunter Fly (8c, 550) im Lauterbrunnental – kurzen Prozess machten. Das sie, wie zuvor auch das Gespann Berthe-Favresse, die meisten Routen abwerteten, sorgte für Unmut in der Kletterszene.

„Nach den harten Mehrseillängen in Europa machte es Sinn, ins Yosemite zu gehen und dieses Masterpiece zu probieren.“

Siebe Vanhee

Nichtsdestotrotz war die Dawn Wall für die starken Belgier die logische Konsequenz. „Nach den harten Mehrseillängen in Europa machte es Sinn, ins Yosemite zu gehen und dieses Masterpiece zu probieren“, so Siebe Vanhee.

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Sébastien Berthe in der zweiten Schlüsselseillänge (9a) der Dawn Wall. Bild Siebe Vanhee

Am 9. Januar stiegen sie erstmals in die Wand ein und kletterten gleich die ersten Seillängen. Der ursprüngliche Plan der beiden war es, die Wand in einem Ground-Up-Push zu begehen. Diese Idee verwarfen sie aber schnell wieder. Stattdessen begannen sie, Fixseile zu installieren, die ein rasches Auf- und Absteigen ermöglichen. Nach ein paar Tagen in der Route und in den beiden Schlüsselseillängen der Dawn Wall lautete das Fazit der Belgier: „We got our asses kicked“.

„Tommy Caldwells Vorstellungskraft, dies alles zusammenzusetzen, hat uns umgehauen. Wir sehen, wie er all seine El-Cap-Erfahrungen in einer massiven Route gebündelt hat.“

Siebe Vanhee und Sébastien Berthe

Entmutigen lassen sie sich davon nicht. „Wir glauben an die Kraft der Zeit, der Hartnäckigkeit und der Praxis“, schreibt Vanhee Mitte Januar. Mit ihrer ersten Watsche, die sie in der Dawn Wall kassieren, wächst gleichzeitig ihre Bewunderung für Tommy Caldwell. „Seine Vorstellungskraft, dies alles zusammenzusetzen, hat uns umgehauen. Wir sehen, wie er all seine El-Cap-Erfahrungen in einer massiven Route gebündelt hat.“

Faszination Ondra

Tommy Caldwell investierte unglaubliche sieben Jahre, um einen kletterbaren Weg durch die die 915 Meter hohe Granitwand zu finden. Zusammen mit Kevin Jorgeson gelang ihm dann zwischen Dezember 2014 und Januar 2015 die Kletterpartie des Jahrzehnts: Die erste freie Begehung der Dawn Wall in 19 Tagen.

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Yosemite-Legende Tommy Caldwell in der Dawn Wall. Bild Red Bull Content Pool.

Ein Jahr später reiste der tschechische Überkletterer Adam Ondra ins Yosemite-Valley. Nach nur einem Monat auschecken, holte er sich innert acht Tagen die dritte freie Begehung der Dawn Wall. Dies ist insofern beeindruckend, da Adam Ondra bis dahin noch keine Erfahrungen am Granit des kalifornischen Klettermekkas gesammelt hatte.

Adam Ondra und Tommy Caldwell über die Dawn Wall

Dass sich die beiden Belgier Siebe Vanhee und Sébastien Berthe so schwer tun mit den 32-Seillängen der Dawn Wall, unterstreicht zwei Thesen. Erstens: Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson haben mit der Dawn Wall die schwierigste Mehrseillängentour der Welt etabliert. Zweitens: Adam Ondra ist derzeit der stärkste Kletterer der Welt.

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Credits: Titelbild Alex Eggermont

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