Der Spanier Alberto Gines Lopez gewinnt die erste Olympia-Goldmedaille in der Geschichte des Sportkletterns. Auf den Rängen zwei und drei folgen der Amerikaner Nathaniel Coleman sowie der Österreicher Jakob Schubert. Kronfavorit Adam Ondra belegt den 6. Schlussrang.

Es war ein Final, der an Dramatik nicht zu überbieten war. Erst nach dem letzten Athleten an der Leadwand stand fest, wer die Medaillen ergattern würde. Und zwar weil der Österreicher Jakob Schubert sensationell aufholte. Als letzter Athlet holte er das einzige Top und schob sich von Rang 7 auf den Bronzeplatz. Und das brachte die Rangliste durch die Kombinationsrechnung ordentlich durcheinander. Denn mit jedem Konkurrenten, den Schubert überkletterte, veränderte sich deren Multiplikationsfaktor im Lead zu deren Ungunsten. 

Das grosse Nachsehen hatte somit Adam Ondra, dem die Silbermedaille im letzten Moment abhanden kam.

Summa Summarum: besetzten vor Schuberts Durchmarsch noch Gines Lopez, Ondra und Coleman die ersten drei Medaillenränge, so hiess es danach: Gines Lopez (1.), Coleman (2.) und Schubert (3.) 

Jakob Schubert steht die Freude ins Gesicht geschrieben. (Bild olympics.com)
Jakob Schubert steht die Freude ins Gesicht geschrieben. (Bild olympics.com)

Das grosse Nachsehen hatte somit Adam Ondra, dem die Silbermedaille im letzten Moment abhanden kam. Wär Schubert nur höher als Duffy geklettert, nicht aber als Adam Ondra, dann wäre Ondra gar Olympiasieger geworden und Schubert wäre Letzter geworden. Sein Score hätte sich auf einen Schlag von 35 auf 70 verdoppelt, was ihn deutlich ans Ende der Rangliste katapultiert hätte. Doch der Reihe nach.

Narasaki zerbricht an den Erwartungen

Der Japaner eröffnete das Rennen. Nach seiner Performance in der Qualifikation durfte man ein bisschen besorgt sein um ihn, dort hatte er nämlich ziemlich verhaspelt und verschwenderisch im Umgang mit seinen Kräften gewirkt – jetzt wieder! Zuerst chalkt er freihängend an einem Arm, dann braucht er wieder mehrere Anläufe, um zu clippen. Wenig später muss er einen Zug dynamisch abfangen, weil er seine Füsse ungenutzt lässt. Nach Griff 33 ist Schluss. 

Der Franzose Mickael Mawem folgt, der Speed- und Boulderspezialist scheidet schon früher aus. Ihm rutscht ein Toehook ab – und weg ist er, noch bevor er sich in seinen Alles-Raus Kampfmodus bringen konnte, schade.

Nathaniel Coleman kann danach den Highpoint von Narasaki überbieten. Der Amerikaner kämpft zwar schon bald mit der Ausdauer, kann sich aber noch erstaunlich weiterbrüllen und schafft mit Griff 34 einen Zug mehr als Narasaki. 

Adam Ondra zwischenzeitlich auf Medaillenkurs

Dann kam der Auftritt des Leadkönigs. Ondra’s Final-Performance war zuvor in mehrerer Hinsicht überraschend. Zuerst wächst er im Speedwettkampf über sich hinaus, holt Rang 4, wobei er den wegen Bassa Mawem’s verletzungsbedingtem Ausscheiden schon auf sicher hat. Immerhin zeigt sich Ondra als würdiger Innehaber von Rang 4 – wer hätte gedacht, dass Ondra 6.86 Sekunden an der Speedwand hinlegt? Im folgenden Boulderwettbewerb bleibt er mit einem Top und zwei Zonen jedoch unter den Erwartungen. Rückblickend muss man sagen: hier hat sich der Tscheche die Medaille verspielt.

Adam Ondra klettert im Eilzugstempo in Richtung Top. (Bild olympics.com)
Adam Ondra klettert im Eilzugstempo in Richtung Top. (Bild olympics.com)

Und so war klar, dass er es nur noch im Lead richten kann. Er legte los wie eine Hochgeschwindigkeitsdampflok. Von Beginn Weg atmete er hörbar wie ein Stier, doch nicht wegen Anstrengung. Vielmehr ist es eine Kampfansage. Interessant ist ja, dass sich Ondra mit Speed allgemein schwer tat, im Lead aber stets mit überragendem Tempo unterwegs ist. Es dauert keine zwei Minuten, da hat er den Highpoint von Coleman bereits überschossen und ist immer noch präzise unterwegs wie eine Maschine.

Es sieht nach einem Top aus, doch bei Griff 42 ist Schluss. Ondra ist zufrieden, ‚mehr lag nicht drin‘ – so ist seine Körpersprache auf dem Weg nach unten zu interpretieren. Zu diesem Zeitpunkt sieht es so aus, als würde ihm die Medaille keiner mehr streitig machen.

Der Tscheche legt los wie eine Hochgeschwindigkeitsdampflok. Es dauert keine zwei Minuten, da hat er den Highpoint von Coleman bereits überschossen.

Es folgt Alberto Gines Lopez, er klettert schon früh relativ dynamisch – klar er hat nicht die Grösse von Ondra oder Coleman. Und doch hat man den Eindruck, dass es auch etwas an aufkommender Müdigkeit liegt. Man muss bedenken: das Programm, durch welches die Athleten hier gejagt werden, ist brutal: Speed, Boulder, Lead – es geht Schlag auf Schlag (wir kommen schon beim Mitschreiben arg in Stress).

Der 18-jährige Spanier kommt aber weiter, als es zunächst den Anschein macht. Zug um Zug kann er anhängen und fällt knapp unter dem Highpoint von Ondra. Die Medaille hat er damit auf sicher. Und Ondra muss sich langsam Sorgen machen. Es folgen noch Duffy und Schubert, beide könnten ihn noch verdrängen. 

Die unglaubliche Performance des Jakob Schubert

Der junge Colin Duffy – vor der Qualifikation noch heimlicher Medaillenanwärter, quasi über Nacht zum heissen Favoriten avanciert – kommt Ondra’s Highpoint nahe, kann aber den Fuss nicht optimal platzieren und fällt raus. Noch im Seil verwirft er die Hände, es ist trotz dieser Topleistung nicht sein Tag. Schon beim Speed wäre mehr drin gelegen, jetzt wahrscheinlich auch. Hätte er den Fuss in die rote Muschel gebracht, wäre er dem Top nahe gekommen.

Bekannt dafür, dass er bis zum bitteren Ende kämpfen kann, ging es einfach nur nach oben beim Österreicher.

Und dann nahm Schubert die Wand in Angriff. Für den Österreicher gilt: nur Platz 1 kann ihn noch nach vorne bringen. Hätte er hinter Ondra den sensationellen zweiten Lead-Rang geholt, dann hätte er sich den Multiplikationsfaktor 2 eingefahren und wäre mit einem Gesamtscore von 70 deutlich Letzter der Finalrunde geworden (Rang 7).

Doch was für eine Nervenstärke muss dieser Mann haben! Bekannt dafür, dass er bis zum bitteren Ende kämpfen kann, ging es einfach nur nach oben beim Österreicher. Auf den letzten Metern zum Top schien der gar an Energie zu gewinnen.

Jakob Schubert toppt als Einziger die Finalroute der Männer. (Bild olympics.com)
Jakob Schubert toppt als Einziger die Finalroute der Männer. (Bild olympics.com)

Als Schubert Ondra’s Highpoint näherkommt, offenbart sich der pure Wahnsinn bzw. die Dramatik dieses kombinierten Formats: für einige Sekunden liegt Ondra auf dem Goldrang – in dem Moment nämlich, als Schubert Gines Lopez überklettert, jedoch noch unter der Höchstmarke von Ondra bleibt. Würde der Österreicher jetzt fallen, wäre Ondra Olympiasieger. Doch Schubert hat andere Pläne. Wenige Sekunden später clippt er die Exe am Top und schreibt damit die Geschichte des ersten Sportkletter-Olympiafinals um.

Der Sieger freut sich mässig

Kaum war Schubert auf dem Boden, ging überall das Rechnen los. Irgendwann stand fest: Gines Lopez ist der Overall-Gewinner, gefolgt von Coleman und Schubert. Doch von grenzenloser Freude kann beim Spanier zumindest im ersten Moment keine Rede sein. Eher mässig amüsiert wirkte er hinter seiner Corona-Maske, Schubert musste ihn fast aufmuntern. Der Grund kann nur einer sein: Alberto Gines Lopez weiss, dass er in der Boulderdisziplin ohne ein einziges Top nicht brillierte.

Seine Goldmedaille hat er massgeblich seinem Speedsieg zu verdanken. Und dieser Erfolg kam ein stückweit auch durch Bassa Mawem’s Verletzung zustande. Wäre der Franzose nicht verletzt, hätte sich Gines Lopez mit ihm im Speed-Halbfinale duellieren müssen anstatt mit Ondra. Seine Chancen, die letzte Runde zu erreichen, wäre gegen Mawem deutlich geringer gewesen.

Es wirkte jedenfalls, als hätte Gines Lopez fast schon ein schlechtes Gewissen, dass er nun Gold einheimst. Dass dieser erste olympische Kletterwettkampf in diesem Format zu eigenartigen Resultaten führt, steht inzwischen fest. Das wird bei der nächsten Austragung in Paris anders sein. Speed wird da einzeln gewertet.

Zusammenfassung der Ereignisse im Speed- und Boulderfinal

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Credits: Titelbild ARD