Neue Klettergriffe in Hachioji: Gefährlich & unfair?

Der internationale Kletterverband IFSC hat heute in einem Video Klettergriffe vorgestellt, die erstmals an einem offiziellen Wettkampf zum Einsatz kommen könnten. Doch die Griffe kommen bei vielen nicht gut an. Warum?

Der Wettkampfsport wird immer komplexer. Während früher – einfach ausgedrückt – die reine Kraft, respektive Kraftausdauer mittels Bouldern und Routen getestet wurde, so trennt sich heute die Spreu von den Weizen mittels Triple-Dynos, Jump & Run Bewegungen und dergleichen. Die Griffe werden immer grösser, runder und abgefahrener.

Neu: «Unsichtbare» Oberflächenbeschaffenheit

Seit einigen Jahren gesellten sich dann sogenannte Dual-Texture-Griffe unter die klassischen rauen Klettergriffe und -tritte. Es handelt sich dabei um Griffe, die aus einer glatten und rauen Oberfläche bestehen. Nun geht der Griffhersteller 360 Holds einen Schritt weiter. 360 Holds hat Griffe entwickelt, bei denen die unterschiedliche Textur kaum zu erkennen ist.

Die Griffe kommen bei Routenbauer:innen gut an

Sehr erfreut über dieses neue Produkt sind die Routenbauerinnen und Routenbauer in Hachioji, wo die Griffe ziemlich sicher ein erstes Mal an einem IFSC-Wettkampf zur Anwendung kommen werden. Dass sich Routenbauer über diese Neuerung freuen, erstaunt nicht. Denn sie haben seit Jahren immer grössere Schwierigkeiten, das starke Teilnehmerfeld an den Wettkämpfen über die reine «Kraftkomponente» zu trennen.

Ein Griff, dem man kaum ansieht, wo man ihn überhaupt halten kann respektive wo man gnadenlos wegrutscht, kommt da natürlich sehr gelegen. Weniger erfreut sind wohl die Athletinnen und Athleten, Physiotherapeuten und Trainer.

Yannick Flohé äussert sich kritisch

Einer, der sich umgehend kritisch geäussert hat, ist der deutsche Profikletterer Yannick Flohé. Ihm missfällt die neue Griffart ganz offensichtlich.

«So was hat nichts mit der Weiterentwicklung des Sports zu tun, wie manche ‚kreativen‘ Routenbauer denken. Wenn man das Limit des Boulderns pushen möchte, dann sollte man erstmal anfangen, schwierige Boulder zu bauen.»

Yannick Flohé

Im Chat-Verlauf schreibt uns Flohé weiter: «Im Moment ist das physische Level, das ausreicht, um ins Halbfinale zu kommen, erbärmlich gering. Schwierige Boulder bauen bedeutet halt mehr Arbeit und man muss Tester finden, die schwer bouldern.» Gemäss Flohé könnten also Routenbauer durchaus über die physische Komponente «aussortieren».

Nicht alle Wettkampfathleten haben Griffe im Vorfeld getestet

Hinzu kommt in der Geschichte eine weitere Komponente: Die Ungerechtigkeit. Offenbar konnte ausgewählte Athletinnen und Athleten die Griffe schon vor dem Weltcup testen. Sie wissen also schon, wo die Griffe Reibung aufweisen und wo nicht. Das japanische Wettkampf-Team zum Beispiel hat bereits an den Griffen trainiert und dementsprechend Erfahrungen mit den Griffen gesammelt, wie in Bild 2 von zu sehen ist. Diesen Aspekt kritisiert auch der deutsche Bundestrainer Ingo Filzwieser.

«Es ist sehr unfair, wenn ein Team vor dem ersten Weltcup auf den Griffen trainieren konnte und alle anderen nicht. Das sollte wirklich nicht vorkommen. Neue Griffe sollten für alle neu sein!»

Ingo Filzwieser, Bundestrainer Deutschland

Aufgrund des Video der IFSC ist eine hitzige Debatte losgegangen. Der Griffhersteller 360 Holds hat sich zu einem Kommentar gezwungen gefühlt und unter anderem den Aspekt aufgegriffen, dass das japanische Team schon an den Griffen trainieren konnte.

«Bis jetzt haben Kletterer und Routenbauer aus 15 Ländern die Griffe getestet, inklusive Japan.»

360 Holds

Der Hersteller schreibt, die Griffe seien bereits von Athleten und Routenbauern aus 15 Ländern im Vorfeld des Hachioji-Weltcups getestet worden. Welche Länder und Athleten das sind, ist nicht bekannt. Auf Anfrage hat 360 Holds eine Antwort in Aussicht gestellt, die bis zum Redaktionsschluss noch nicht eintraf. Wir werden an dieser Stelle ergänzen, sobald wir die Informationen seitens 360 Holds haben. Fest steht, die Ausgangslage ist nicht für alle Wettkampfteilnehmenden gleich.

Steigt die Verletzungsgefahr für Athletinnen und Athleten?

Ein weiterer Punkt, der im Zusammenhang mit den neuen Griffen diskutiert wird, ist der Aspekt der Verletzungsgefahr. Wie die Routenbauerin Olga Niemiec im Video erklärt, ist die Textur insbesondere beim Klettern nicht gut sichtbar. Das Risiko eines unerwarteten Abschmierens ist hoch.

«Wenn es um dynamische Elemente geht, gerade im Trittbereich, sind die Griffe meiner Meinung nach eher heikel, da die unterschiedliche Textur schlecht sichtbar ist.»

Kevin Hemund, Eilte-Nationaltrainer Schweiz

Kommen solche Griffe in dynamischen Zügen zur Anwendung, so könnte das böse Enden. Es bleibt also zu hoffen, dass die Routenbauer die Griffe mit Vorsicht anwenden werden.

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Credits: Titelbild IFSC

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